Anthony Glees: "Diese Wahl ändert alles"

InterviewAnthony Glees: "Diese Wahl ändert alles"

von Tim Rahmann

Großbritannien wählt ein neues Parlament. Für den britischen Politikwissenschaftler Anthony Glees ist es die spannendste Wahl unserer Zeit. Auf dem Spiel stehe Englands Zukunft. Zu Hause und in der Welt.

WirtschaftsWoche Online: Herr Glees, Sie nennen die England-Wahl den spannendsten Urnengang seit 40 Jahren. Warum die Übertreibung?

Anzeige

Anthony Glees: Ich übertreibe nicht. Diese Wahl kann Großbritannien und Europa verändern. Und zwar massiv. Es ist gut möglich, dass der 7. Mai 2015 zu einem historischen Datum wird. Denn: Diese Wahl könnte zu einem weltpolitischen Ereignis werden.

Zur Person

  • Anthony Glees

    Anthony Glees lehrt Politikwissenschaften an der “University of Buckingham“. Zu seinen Kernthemen gehören die Europäischen Union, Sicherheitspolitik und Geheimdienste. Glees ist Autor mehrerer Bücher und Aufsätze – und kommt als Experte in zahlreichen Medien zu Wort.

In Deutschland blickt man gelassen gen London. Hier ist es zweitrangig, ob künftig David Cameron oder Ed Miliband das Land regieren wird.

Das ist auch nicht die entscheidende Frage. Es geht nicht primär darum, ob die Konservativen („Tories“) von David Cameron gemeinsam mit den Liberaldemokraten an der Macht bleiben – oder die „Labour Party“ (Arbeiterpartei) übernimmt. Das ist eine spannende Frage, der Ausgang ist völlig offen. Daneben aber stellen sich die viel größeren Fragen: Ob das Vereinigte Königreich vereint bleibt oder sich aufspaltet, ob Großbritannien eine Weltmacht bleibt – und ob die Europäische Union eine zentrale Rolle in der Welt spielt.

Sie spielen auf die Volksbefragung über den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union ab.

Auch, ja. Wenn David Cameron eine Mehrheit zum Regieren bekommt und die Koalition fortsetzen kann, werden wir 2017 ein Referendum über die weitere EU-Mitgliedschaft erleben. Ohne Großbritannien verlöre die Europäische Union dramatisch an Gewicht. Das ist aber noch nicht alles. Ein britisches Referendum würde eine Kettenreaktion auslösen. Schottland nämlich würde ein eigenes Referendum verlangen.

Politikwissenschaftler Anthony Glees im Interview mit WirtschaftsWoche Online. Quelle: Presse

Politikwissenschaftler Anthony Glees im Interview mit WirtschaftsWoche Online.

Bild: Presse

Weil Sie in der EU bleiben wollen.

Sie wollen natürlich und aus guten Gründen Mitglied der Europäischen Union bleiben beziehungsweise dann – wenn England austritt – werden. Sie bekommen Geld aus Brüssel. Und ihre Stimme hat mehr Gewicht. Der Grundgedanke der EU ist ja, dass Staaten verschiedener Größe auf Augenhöhe miteinander sprechen können. Schottland hat null Interesse, aus der EU auszutreten. Das könnte Großbritannien zersplittern lassen.

Was ist Großbritannien ohne Schottland – und eventuell auch ohne Wales und Nordirland – wert?

Tja, das ist eine gute Frage. Schottland stellt ein Drittel der Landfläche Großbritanniens und jeden zwölften Bürger. Können wir ohne die Schotten noch ein Heer von 100.000 Mann rechtfertigen und stemmen? Zudem stellt sich die Frage: Was passiert mit den Atom-U-Booten, die in Schottland stationiert sind? Und: Kann Großbritannien auf die Einnahmen durch den Verkauf von schottischem Öl verzichten? Wir könnten zehn Prozent unseres BIPs vergessen. Das hätte sicherlich auch Folgen für die Schuldenaufnahme. Ich fürchte: Großbritannien verliert ohne Schottland seinen Status als Weltmacht – aus ökonomischen wie militärischen Gründen. Ein Sitz im UN-Sicherheitsrat wäre dann kaum noch zu rechtfertigen.

So weit muss es nicht kommen. Es ist längst nicht ausgemacht, dass David Cameron wiedergewählt wird – und auf diesem Szenario beruhen ja Ihre Annahmen.

Es wird ein sehr enges Rennen. Der Wahlausgang ist völlig offen. Es ist gut möglich, dass wir in der Nacht von Donnerstag auf Freitag einen eindeutigen Sieger – etwa David Cameron –  haben. Denkbar ist aber auch, dass wir kein klares Ergebnis und eine Phase der Unsicherheit erleben werden. So oder so: Es ist völlig egal, wie die Wahl ausgeht. Alle denkbaren Szenarien können Großbritannien in eine Staatskrise erster Klasse führen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%