Anti-Europa-Stimmung: Franzosen wollen den Euro nicht mehr

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Anti-Europa-Stimmung: Franzosen wollen den Euro nicht mehr

von Frank Doll

Die zunehmende Anti-Europa-Stimmung in Frankreich ist Wasser auf die Mühlen des nationalistischen Front National (FN). Ökonomisch verabschiedet sich das Land gerade aus dem Kreis der Industrienationen und begibt sich geradewegs in die Peripherie. Weil der Graben zwischen Berlin und Paris immer tiefer wird, wird sich Frankreich nicht mehr lange hinter der Bonität Deutschlands verstecken können.

Frankreich wendet sich von Europa ab. Das belegt eine Umfrage des Washingtoner Pew Research Center. Demnach stehen nur noch 41 Prozent der Franzosen der Europäischen Union (EU) positiv gegenüber. 2007, also vor dem Ausbruch der Eurokrise, waren es noch 62 Prozent. Noch schlimmer: Nur noch 22 Prozent der Franzosen meinen, dass die heimische Wirtschaft von der europäischen Integration profitiert habe. 2009 vertraten diese Meinung immerhin noch 43 Prozent.

Die zunehmende Anti-Europa-Stimmung in Frankreich ist Wasser auf die Mühlen des nationalistischen Front National (FN). Dieser liegt in den Umfragewerten inzwischen erstmals auf Augenhöhe mit den großen Volksparteien UMP (Gaullisten) und PS (Sozialisten). Der FN fordert den Austritt Frankreichs aus der Eurozone sowie ein Referendum über den Verbleib des Landes in der EU. Geschickt thematisiert die von Marine Le Pen angeführte Partei die Interessen Frankreichs und seiner arbeitenden Bevölkerung. Das französische Wohlfahrtsmodell soll erhalten, die Banken bestraft und der Kapitalismus gezähmt werden. Der FN popularisiert genau jene Themen, die einst den heute regierenden Sozialisten und den Kommunisten vorbehalten waren. Mit dem Aufstieg des FN steht die politische Landschaft in Frankreich vor einem radikalen Umbruch. Wie stark das politische Pendel gegenwärtig von extrem links nach extrem rechts ausschlägt, zeigt das Ergebnis bei den Nachwahlen in Villeneuve-sur-Lot, einer sozialistischen Hochburg und Wahlbezirk des kürzlich über seine Schweizer Konten gestürzten sozialistischen Haushaltsministers Jérôme Cahuzac. 46 Prozent der Wähler stimmten für den Kandidaten des Front National. 2012 waren es 16 Prozent. Für den Kandidaten der PS reichte es nicht einmal mehr für den Einzug in die Stichwahl.

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Sicher: Bei dieser Wahl wollten die Wähler korrupten Politikern einen Denkzettel verpassen, sie mag nicht repräsentativ sein. Dennoch belegt das Ergebnis, dass der FN dabei ist, aus seinem Stammrevier der ultra-rechten Franzosen auszubrechen und zur Massenbewegung der weißen Arbeiterschicht zu werden. Mit Anna Rosso-Raig ist bereits eine Kandidatin der Kommunisten bei den Wahlen von 2012 zum FN übergelaufen. Das Beispiel könnte auch bei den im Volk zunehmend unbeliebten Sozialisten Schule machen.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande wird deshalb gegenüber Deutschland auf Konfrontationskurs gehen, wenn er eine politische Eruption im Anschluss an die Tour de France vermeiden will.

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Präsidentschaftswahlen und Bonitätsherabstufung: Wie steht es um Ihr Wissen um das deutsche Nachbarland? Testen Sie sich!

Ganz Frankreich scheint sich inzwischen einer monokausalen Vorher-Nachher-Betrachtung verschrieben zu haben. Vor dem Euro war alles gut, mit dem Euro ist alles schlecht. Nur kommen dabei natürlich einige Dinge durcheinander. Das liegt vor allem daran, weil immer noch der von Jean-Baptiste Colbert, dem Finanzminister von Ludwig XIV. begründete Merkantilismus die außenwirtschaftliche Debatte in Frankreich prägt. Frankreich leistet sich immer noch Spitzenpolitiker, die den Außenhandel als Nullsummenspiel verstehen, bei dem der eine das gewinnt, was der andere verliert. Dazu gehört auch Christine Lagarde, ehemalige französische Finanzministerin und gegenwärtig geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Ihre auf die Schwächung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit abzielenden Vorschläge nannte der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber "naiv". Und Staatspräsident Hollande, der nachweislich keine Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen hat, meint zu wissen, dass der Euro für Frankreich zu stark sei.

Marine Le Pen hält sich an die Ökonomen und Studien, die ihr stark vereinfachtes Weltbild bestätigen. Dazu gehören Kapitalverkehrskontrollen, "ökonomischer Patriotismus" und die Einsicht, dass sich die französischen von den deutschen Interessen unterscheiden. Colbert lässt grüßen.

Fakten zu François Hollande

  • Ausbildung

    Studierte Recht, Wirtschaft und Politik an Pariser Eliteuniversitäten.

  • Wahlkampf

    Holte sich Wahlkampftipps von Beratern des US-Präsidenten Barack Obama.

  • Einkommen

    Will im Amt sich und seinen Ministern das Gehalt um ein Drittel kürzen.

  • EU

    Plant einen Wachstumspakt zur Ergänzung des EU-Fiskalpakts.

  • Steuern

    Will Jahreseinkommen über eine Million Euro mit 75 Prozent besteuern.

Die französischen Euro-Gegner holen sich ihre Argumente bei einer von Jacques Sapir an der Pariser l’École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) angeführten Gruppe von Ökonomen oder aus einer von Eric Dor, Direktor der IESEG School of Management an der Université Catholique de Lille, verfassten Studie über die Konsequenzen der Währungsunion für die verarbeitende Industrie in Frankreich. Sapir und Dor sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Einführung des Euro und dem Rückgang der französischen Industrieproduktion.

So habe die kumulierte Wachstumsrate der Industrieproduktion in Frankreich und Deutschland vor der Währungsunion in der Zeit zwischen Januar 1995 und Dezember 1998 in etwa gleichauf gelegen. Nach der Einführung des Euro schrumpfte die französische Industrieprodukten zwischen Januar 1999 und April 2013 um 11,4 Prozent, während die deutsche Industrieproduktion um 32,8 Prozent zulegte. Nur berücksichtigt die Studie nicht, dass in Deutschland die zweite Hälfte der Neunzigerjahre durch extrem niedrige Wachstumsraten geprägt war, deren Gründe in der ökonomisch verunglückten Wiedervereinigung und in der Anpassungskrise im Vorfeld der Euro-Einführung lagen. Nach der Euro-Einführung hat Deutschland nur allmählich zu seiner alten Wettbewerbsstärke zurückgefunden.

Für Frankreich ist das natürlich eine unbequeme Erkenntnis, weil sie die Zweitklassigkeit der französischen Industrie impliziert. Deshalb gibt man auf der anderen Seite des Rheins lieber dem starken Euro und der unfairen Wettbewerbsstärke Deutschlands die Schuld. Nur, der Euro ist nicht zu stark, sondern die französische Wirtschaft ist zu schwach. So schwach, dass der französische Anteil am Welthandel bereits seit 30 Jahren kontinuierlich abnimmt. Frankreich fällt in seiner Wettbewerbsstärke inzwischen selbst gegenüber Ländern wie Italien und Spanien zurück.

Krise in Paris Frankreichs Absturz ist programmiert

Nach dem Platzen der Immobilienblase stehen im Land der Immobilienbesitzer privater Konsum und Konjunktur vor einem langen Siechtum. Auch politisch ist Frankreich in der europäischen Peripherie angekommen.

Der französische Abstieg, wirtschaftlich sowie politisch, scheint unaufhaltsam - Nicht zuletzt aufgrund der Immobilienblase Quelle: dpa

Mit dem Euro hat die Deindustrialisierung Frankreichs deshalb nur bedingt etwas zu tun. Dafür mehr mit margenschwachen und wenig attraktiven Produkten, die sich bei besserer Qualität in Osteuropa billiger herstellen lassen. Frankreich hat den Anschluss verloren. Mit oder ohne Euro, Frankreich verabschiedet sich gerade aus dem Kreis der Industrienationen. Von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und seiner Schuldensituation her gehört Frankreich ohnehin längst zur Peripherie. Dennoch müssen Italien und Spanien für ihre Staatsschulden im Zehnjahresbereich fast doppelt so hohe Zinsen zahlen wie Frankreich. Noch profitiert Frankreich als strategischer Euro-Partner Deutschlands von seiner Sonderrolle in der Euro-Zone. Die Frage ist, wie lange noch? Seit 1995 haben sich die Staatsschulden in Frankreich vervierfacht.

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Mit dem wesentlich durch den Euro herbeigeführten Renditerückgang hat sich der Schuldendienst für Frankreich von damals drei auf heute zwei Prozent der Wirtschaftsleistung reduziert. Eine Rückkehr auf das Zinsniveau von 1995 und Frankreich droht der Staatsbankrott. Ein Austritt aus dem Euro wäre der Katalysator. Auf der anderen Seite des Rheins scheint man das zu übersehen.

Mit den französischen Irrationalitäten verliert die Bundesregierung in Sachen Euro-Rettung jetzt noch die letzte Planungssicherheit. Egal, was Berlin auch für die Euro-Rettung noch in die Waagschale wirft, mit einem Euro-Austritt Frankreichs droht Deutschland am Ende auf jeder Menge unbezahlter Rechnungen seiner Partner sitzen zu bleiben.

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60 Kommentare zu Anti-Europa-Stimmung: Franzosen wollen den Euro nicht mehr

  • Der Euro ist tot !
    Und wir werden teuer dafür bezahlen.

  • Wieder mal brillant, Herr Doll - es bestätigt die Aussagen meiner Schwester, die seit 25 Jahren in Paris lebt. Es ist sehr schade, daß die "Grande Nation" wegen hausgemachter Versäumnisse absackt und das ist auch nicht gut für meine Schwester. Andererseits kann für das Ziel "Euro-Ausstieg" kaum etwas besseres passieren, als Wenn Frankreich den Cut macht. Die Deutschen schaffen das nie, dazu gibt es hier einfach viel zu viele treudoofe Schafe.

  • Ja, liebe Franzosen. Der Euro wird nicht nur zum deutschen Staatsbankrott führen. Nein! Ihr seid auch dran, liebe Franzosen, und Niederländer, und Österreicher... Was habt Ihr denn gedacht?
    Dieses Projekt der französischen Diplomatie scheitert gerade. Und auch Frankreich wird dabei unter die Räder kommen!

    Aufwachen und Nachdenken. Und NICHT national werden. Sondern ein Europa der Vaterländer erschaffen, in dem jeder nach seiner Facon, seiner Mentalität und seinem Charakter glücklich sein kann. Ohne Bevormundung aus Brüssel. Und ohne den Nationalisten eine Chance zu geben.
    Solidarität? Das ist doch nur leben auf Kosten anderer - in der Tierwelt nennt man das Schmarotzertum! Hier ist es nicht anders.

    Der Euro ist auf ganzer Linie gescheitert. Es wird Zeit, ALTERNATIVEN zu überlegen. Auch wenn es für alle teuer wird. Da wird dann auf die Agenda kommen, wer für die Katastrophe verantwortlich ist. Und dann wird abgerechnet. Die CDU wird sich noch wundern. Der Euro ist das Gift, das die CDU zerstört - bei der FDP wirkt es auch schon längst - die liegt schon im Koma.

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