Athanassios Kelemis: „Die Griechen entdecken den Wettbewerb“

InterviewAthanassios Kelemis: „Die Griechen entdecken den Wettbewerb“

von Andreas Macho

Athanassios Kelemis ist Geschäftsführer der deutsch-griechischen Handelskamme r. Im Interview mit der WirtschaftsWoche erklärt er , was das griechische Wahlergebnis für deutsche Investoren bedeute t und warum griechische Unternehmen gerade unter einer linken Regierung den Wettbewerb entdecken.

WirtschaftsWoche Online: Herr Kelemis, was bedeutet der Wahlsieg von Syriza für deutsche Unternehmen?

Athanassios Kelemis: Das Engagement der deutschen Unternehmen ist enorm wichtig für Griechenland und ich vermute hier keine Veränderungen durch das Wahlergebnis. Man muss aber abwarten, was die Regierung in den nächsten 100 Tagen macht und wie ernst sie das Reformprogramm verfolgen wird. Syriza hat ja nicht immer das umgesetzt, was sie behauptet hat. Allerdings ist die Syriza-Partei nach der Wahl nicht jene von vor der Wahl. Sie hat sich reformiert und steht jetzt glaubwürdig für Stabilität. Das hat natürlich auch Auswirkungen für deutsche Investoren.

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Welche denn konkret?

Schon jetzt haben deutsche Unternehmen im Tourismus hohe Investition getätigt. Aber auch im Bereich der Erneuerbaren Energien und der Recyclingwirtschaft steckt viel deutsches Engagement. In diesen Bereichen wird es auch zukünftig für die deutsche Wirtschaft großes Potential für Geschäfte geben.

Quelle: PR
Bild: PR

Wird Syriza die Privatisierungen vorantreiben?

Wenn Sie auf Fraport anspielen, kann ich Ihnen nur sagen, dass die Verhandlungen noch laufen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass dieses Geschäft zustande kommt. Derzeit stehen allerdings auf beiden Seiten noch ein paar Fragezeichen. Fraport fragt nach Garantien für die Investitionen. Syriza fragt hingegen nach der Beteiligung des Staates. Da bei Fraport das Land Hessen der Kapitaleigner ist, möchte Syriza ebenfalls beteiligt bleiben. Bei der Durchführung der Privatisierungen sieht man eindeutig die Ideologie der Syriza-Partei. Sie wollen den Staat auch auf Entscheidungsebene immer in einer aktiven Rolle haben. Aber ist bei bedeuteten Investitionen  eben nicht immer möglich.

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Die griechischen Medien sprechen angesichts der anstehenden Privatisierungen vom Ausverkauf ihres Landes. Wie begegnen Sie dieser Kritik?

Mit Fakten. Man muss der griechischen Bevölkerung eben auch sagen, was die schlechte Infrastruktur etwa für den Tourismus bedeutet. Wenn Urlauber in kleinen, unklimatisierten Abfertigungshallen auf ihre Flieger warten, prägt auch das ihre Erfahrung von dem Land. Und der griechische Staat hat nun einmal nicht die finanziellen Möglichkeiten, die Infrastruktur zu modernisieren. Deshalb braucht es fremde Investoren. Denken Sie nur an die Privatisierung der Athener U-Bahn oder der Straßen. Das hat enorme Qualitätssprünge und mehr Sicherheit zur Folge gehabt.

Gleichzeitig ist die Benutzung der Straßen durch die Mautsysteme aber auch deutlich teuer geworden.

Da haben Sie Recht, aber Qualität und Sicherheit haben nun einmal ihren Preis. Das muss man auch der Bevölkerung sagen. Leider ist sie vielfach mit einseitiger Information bombardiert und glaubt, dass die Griechen ihre Vermögenswerte verkaufen. Aber es kommt darauf an, dass die Vermögenswerte an Mehrwert gewinnen. Und wenn sich der Investor nach dem Engagement zurückzieht, bleibt dem Staat die Infrastruktur erhalten.

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