Aylan K.: Widerwärtige Politik mit einem toten Jungen

KommentarAylan K.: Widerwärtige Politik mit einem toten Jungen

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Das Bild des toten Dreijährigen darf nicht verbreitet werden, meint unser Autor.

von Marc Etzold

Ein totes Flüchtlingskind wird an einem Strand angespült und zum Symbol gegen den Krieg in Syrien und die europäische Flüchtlingspolitik. Das ist gut gemeint, aber ein Unding. Warum das Bild nicht gezeigt werden darf.

In jedem Krieg sterben Menschen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Senioren. Jeder weiß das. Dennoch betrifft uns das in unserem Alltag selten. Für den Krieg in Syrien gilt dasselbe. Der dortige Krieg dauert nun schon vier Jahre. Doch es bedarf einer Tragödie, um uns die Lage in Syrien zu verdeutlichen.

Die Bilder eines toten syrischen Jungen, dessen lebloser Körper an einem Strand in der Türkei angespült wurde, gehen derzeit um die Welt. Dürfen Medien dieses Bild veröffentlichen?

Unbedingt, meinen die einen. Die Bilder seien wichtig, damit die Welt sieht, was in Syrien passiert. Und es stimmt: Wer denkt schon jeden Tag an all die Kriegsopfer? Ohne solche Bilder bleiben ihre Schicksale abstrakt. Fotos können eine enorme Wirkungskraft entfalten, wie die globale Anteilnahme in den sozialen Netzwerken eindrucksvoll zeigt.

Auf keinen Fall, meinen die anderen. Die Welt wisse genau, was in Syrien geschieht. Die Staatengemeinschaft sei unfähig, das Morden zu beenden. In Syrien herrscht nämlich nicht nur Bürgerkrieg. Auch die Terrororganisation „Islamischer Staat“ kämpft um Territorium. Bilder von toten Kindern, so das Argument, helfen nicht dabei, den komplizierten Mehrfronten-Konflikt zu beenden. Denn es fehle an einer politischen Idee, wie ein Frieden jemals gelingen kann.

Hier wird es kompliziert. Denn beide Seite haben recht. Ja, das Bild erzeugt Aufmerksamkeit – und das ist gut. Nein, der Krieg geht dadurch nicht schneller zu Ende. Kein noch so bedrückendes Foto ändert die Dynamik dieses Konfliktes. Beide Argumente sind aber letztlich irrelevant.

Ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, ein deutsches Kind wäre an der Küste angespült worden. Die Familie des Kindes hätte juristische Möglichkeiten, die Veröffentlichung des Bildes zu unterbinden – zumindest in deutschen Medien. Nach rechtlichen Maßstäben verletzt das Bild die Menschenwürde des Kindes, indem dessen toter Körper gezeigt wird.

Nun kommt an der Stelle gerne der Einwand der Pro-Fraktion, das Kind habe seine Würde durch den bestialischen Krieg in Syrien und die Tatenlosigkeit des Westens längst verloren. Dieses Argument ist widerlich. Der Junge mag tot sein und sich nicht wehren können. Wer nun mit dem Dreijährigen für seine „Krieg-ist-Mist“-Überzeugung (die ich übrigens teile) werben will, sollte sich schämen. Man benutzt ein totes Kind nicht, um seine eigenen politischen Überzeugungen zu unterstreichen.

Vielleicht hätte der Junge ja gewollt, dass sein Schicksal öffentlich wird. Vielleicht würden seine Eltern und Angehörigen der Veröffentlichung des Bildes sogar zustimmen. Bloß: Wir wissen es nicht. Daher sollten wir – die Medien – das Bild nicht verbreiten. Es gehört sich nicht.

Sein Name war übrigens Aylan. Ruhe in Frieden, kleiner Junge.

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