Berlin Intern: Europas Tanz für einen Sommer

kolumneBerlin Intern: Europas Tanz für einen Sommer

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Die amerikanische Rating-Allmacht spielt für Europa auf einmal keine Rolle mehr.

Kolumne von Henning Krumrey

Drei amerikanische Bösewichter sind nun auf einmal doch nicht so schlimm – und die Rettung entpuppt sich als PR-Flop. Eine europäische Ratingagentur wird es nicht geben.

Die Konstellation hat alles, was ein düsterer Verschwörungskrimi oder ein rechter Hollywood-Schinken brauchen: Drei mächtige, undurchschaubare Bösewichter aus einem fernen Land; wehr- und hilflose Opfer, die aufgescheucht panisch durcheinander reden. Und die Gefahr der totalen Niederlage. Doch dann naht er, der edle Retter, der weiße Ritter, der die Angreifer in die Flucht schlägt und den Gepeinigten in letzter Minute Hab und Gut sichert.

Der Kampf gegen S&P's war ein Kampf gegen Windmühlen

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Der selbst ernannte Edelmann sitzt in München: Martin Wittig. Mit dem Renommee der Unternehmensberatung Roland Berger hatte sich sein Partner Markus Krall auf den Weg gemacht, eine europäische Ratingagentur aufzubauen, als Gegengewicht zu den marktbeherrschenden amerikanischen Firmen Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch (wobei zur Ehrlichkeit gehört, das Fitch zwar in New York sitzt, aber einer französischen Mutter gehört). Eine europäische Stiftung, finanziert durch 300 Millionen Euro Einlagen von Banken und Versicherungen, sollte die Kreditwürdigkeit der Staaten auf dem alten Kontinent unter die Lupe nehmen.

Die großen drei Ratingagenturen

  • Standard & Poor’s Ratings Services

    Hauptquartier: New York

    Umsatz 2011: 1.767 Millionen Dollar (52 % USA, 48 % international)

    Profit 2011: 719 Millionen Dollar

    Zahl der Analysten Ende 2010: 1.345

    Zahl aller Ratings Ende 2010: 1.190.500

    Eigentümer: S&P Ratings Services zählt zum Finanzdienstleister S&P, der 3,1 Milliarden Dollar Umsatz erzielt und derzeit dem Verlagshaus McGraw-Hill gehört. Dieses steht vor der Aufspaltung – bald dürfte S&P allein an der Börse sein.

    Wurzeln: Die Anfänge reichen bis ins Jahr 1860 zurück, 1941 entstand S&P durch die Fusion zweier Firmen. In den achtziger Jahren folgte die globale Expansion. In Europa arbeiten heute rund 500 Analysten – zumeist Europäer.

  • Moody’s Investors Service

    Hauptquartier: New York

    Umsatz 2011: 1.569 Millionen Dollar (56 % USA, 44 % international)

    Profit 2011: 690 Millionen Dollar

    Zahl der Analysten Ende 2010: 1.204

    Zahl aller Ratings Ende 2010: 1.039.187

    Eigentümer: MIS ist Kern der börsennotierten Moody’s Corporation, die 2,3 Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet. Ihre Anteilseigner decken sich stark mit denen McGraw-Hills. Unter ihnen: Capital World, Vanguard, BlackRock.

    Wurzeln: Moody’s gilt im Vergleich zu S&P als verschwiegener, zentralisierter und weniger zahlenfixiert. Die Geschichte der Firma beginnt 1909 in den USA. Derzeit führen Europäer die Teams zur Bewertung von Staaten und Banken.

  • Fitch Ratings

    Hauptquartier: New York/London

    Umsatz 2011: 733 Millionen Dollar (39 % USA, 61 % international)

    Profit 2011: 227 Millionen Dollar

    Zahl der Analysten Ende 2010: 1.049

    Zahl aller Ratings Ende 2010: 505.024

    Eigentümer: Seit einem Teilverkauf im Februar gehören 50 Prozent dem familieneigenen US-Medienkonzern Hearst. Der Rest gehört Fimalac, einer börsennotierten französischen Holding, dominiert von Marc Ladreit de Lacharrière.

    Wurzeln: 1992 erwarb der Franzose Ladreit de Lacharrière die britische Agentur IBCA. 1998 folgte der Zusammenschluss mit der US-Agentur Fitch, deren Anfänge bis 1913 zurück reichen. Fitch sieht sich in der Branche als Underdog.

Die Gelegenheit schien günstig, denn auf dem Höhepunkt der Finanzmarktkrise sahen sich Europas Staatsfrauen und -männer der US-Finanzmafia ausgeliefert: „Man ist Spielball der Agenturen und ihrer Bewertungen, das können Politiker nicht ertragen“, erinnern sich Spitzenbeamte, die bei den Krisentreffen dabei waren. „Und dann noch aus Amerika, wo immer der Verdacht besteht, dass es politisch motiviert ist.“ Denn wie oft hatten die Wertungsrichter jenseits des Atlantiks mit einem Federstrich jede neue Geldspritze als unzureichend abqualifiziert. Dass es vielleicht gar nicht die fiesen Juroren oder der brutale Finanzmarkt waren, sondern das unsolide Wirtschaften vor allem der europäischen Südländer, kam den Empörten offiziell nicht in den Sinn. Doch statt der Robin-Hood-Karriere ist nun für das Haus Roland Berger eine Don Quichotterie daraus geworden. Denn dem streitbaren Feldherrn ist es nicht gelungen, eine schlagkräftige Streitmacht aufzustellen. Das Geld der europäischen Finanzbranche blieb aus, und politische Unterstützung konnte er auch nicht einwerben.

Das Bedauern ist genau so groß wie die Untätigkeit

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Monatelang hatte Krall sich als Klinkenputzer in Berlin bemüht, politische Unterstützung für das Projekt zu finden. Im Finanz- und im Wirtschaftsministerium sprach er vor, doch bis zur Spitze drang er nicht durch. Lange prahlte er mit einem baldigen Termin bei Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, landete am Ende aber bei Mitarbeitern des Chefs. Auch im Wirtschaftsministerium gab es keinen demonstrativen Empfang. Zwar will Amtschef Philipp Rösler eine aktivere Rolle bei der Euro-Rettung spielen, aber für die Euro-Agentur beließ er es beim Telefonkontakt. „Zu glatt“, nannte ein hochrangiger Koalitionär die Avancen Kralls. Zu sehr schien den Machern in der Hauptstadt die Initiative als PR-Offensive des Hauses Berger. Denn fast parallel hatte der umtriebige Krall für Griechenland einen groß angelegten Rettungsplan an eine noch größere Glocke gehängt. Nun ist das Bedauern in Berlin groß, doch selbst getan hat man nichts für das Projekt. Weil man doch eine „marktbasierte Lösung“ will, war die Agentur „eine Sache, die wir nicht befördern“, heißt es im Finanzministerium. Selbst über Druck hinter den Kulissen auf deutsche Geldhäuser wurde nichts bekannt. Statt des Hollywood-Thrillers bleibt also für Schäubles Videothek nur ein alter Schwarz-Weiß-Streifen: „Sie tanzte nur einen Sommer.“

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