ThemaSchuldenkrise

alles zum Thema
_

kolumne Bettina Röhl direkt: Das griechische Austrittszenario

Wäre Griechenland gleich dem Euro fern geblieben, es würde dem Land heute qualitativ besser gehen. Stattdessen erleben wir den berühmten Schrecken ohne Ende.

Touristen vor der Akropolis Quelle: dpa
Wäre das Land nicht dem Euro beigetreten und hätte es sich auf den Tourismus verlassen, würde es Griechenland heute besser gehen, meint unsere Kolumnistin. Quelle: dpa

Anzeige

Wäre Griechenland gleich anderen Ländern der europäischen Gemeinschaft wie England oder Schweden dem Euro fern geblieben, es würde dem Land heute qualitativ besser gehen, als es heute dasteht.

Die Griechen hätten mit dem altbekannten Spiel aus Abwertung der Drachme und Inflation ihren der Mitgliedschaft in der EU geschuldeten allmählichen wirtschaftlichen Aufstieg kontinuierlich fortgesetzt. Sie wären weder in der Lage gewesen noch auf die Idee gekommen sich über das Limit zu verschulden.

Der wichtige Wirtschaftszweig, nämlich die Touristenbranche, hätte sich weiter entwickelt und hätte den Tourismustypus, der einst fast selbstverständlich nach Griechenland fuhr und der heute in die Türkei fährt, nicht an sein Nachbarland verloren. Den Menschen in Griechenland wäre das Euro-Trauma erspart geblieben.

Auch die Zukunft Griechenlands sähe mit einer neuen Drachme viel besser aus, als mit dem Euro.

Das Euro-Trauma

Griechenland hat sich in den vergangenen zehn Euro-Jahren daran gewöhnt mit einer Politik, die man am ehesten mit Wechselreiterei bezeichnen kann, Liquidität ins Land zu holen und dies ohne Ende und ohne jeden Bezug zur realen Wirtschaft. Man hat Schulden gemacht und die Schulden samt der Zinsen mit neuen Schulden beglichen und die neuen Schulden und die darauf entfallenen Zinsen mit abermals neuen Schulden beglichen usw.

Nicht nur, dass die unverdiente Liquidität in Griechenland gesamtwirtschaftlich verpuffte, die aufgetürmten Kosten der Wechselreiterei selbst haben, ohne dass dies Geld in der griechischen Wirtschaft ankommen konnte, den Schuldenstand weiter nach oben getrieben. Und dann wurden Griechenland in den letzten zwei Jahren Schulden erlassen, was nichts anderes heißt, als dass Griechenland abermals Geld geschenkt wurde.

Griechenland ist also mit Geld regelrecht zugeballert worden. Und das nicht klammheimlich, sondern im wahrsten Sinne des Wortes unter den Augen des Weltfinanzmarktes und aller europäischen Partnerregierungen. Das hat vielleicht ein paar Reiche reicher gemacht, aber es hat einem Aufbau der Wirtschaft nicht nachgeholfen und auch keiner Modernisierung des Staatsapparates. Stattdessen ist das Geld ist in einen breiten Konsum geflossen. Sonst heißt es immer der Konsum würde die Wirtschaft ankurbeln. Aber auch dieser Effekt ist in Griechenland ausgeblieben.

Griechenland steht relativ gesehen heute im Vergleich zum Rest der EU oder im weltwirtschaftlichen Vergleich deutlich schlechter da als vor zehn Jahren und zwar wegen zu viel Geldes, das allerdings in katastrophaler Weise verschwendet wurde, und nicht wegen zu wenig davon.

20 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 21.08.2012, 15:51 UhrGrinario

    Zitat: "Griechenland hat sich in den vergangenen zehn Euro-Jahren daran gewöhnt mit einer Politik, die man am ehesten mit Wechselreiterei bezeichnen kann, Liquidität ins Land zu holen und dies ohne Ende und ohne jeden Bezug zur realen Wirtschaft. Man hat Schulden gemacht und die Schulden samt der Zinsen mit neuen Schulden beglichen und die neuen Schulden und die darauf entfallenen Zinsen mit abermals neuen Schulden beglichen usw."

    Man muss zu Ihrem Zitat noch ergänzen, dass Griechenland diese Art der Haushaltsführung nicht erst in den letzten 10 Jahren, sondern im Grunde in den letzten 150 Jahren gemacht hat. In vorangegangenen Zeiten ging das Land eben Pleite und die Schuldener mussten horrende Abstriche an ihrem verliehenen Geld hinnehmen. In den Zeiten des Euro werden wie selbstverständlich die privaten Schulden zu öffentlichen Schulden gemacht und die Steuerzahler der noch solventen Euro-Staaten haben die Rechnung zu begleichen

  • 08.08.2012, 12:06 UhrDemotivierter

    Ja Frau Röhl ,es trifft die Situation zu 100 %. Warum können(wollen) die Politiker dies nicht erkenne? Es sind Angsthasen, keiner will schuldig sein, wenn eine ökonomisch verrückte Idee baden geht. Keiner hat den Mut eine klare Strategie umzusetzen, es wird nur taktiert, laviert, was täglich so ansteht, vieeleicht geschjieht ja morgen ein wunder und wenn nicht, zahlen tun ja letzlich die doofen Steuerzahler.

  • 08.08.2012, 11:47 UhrLilly

    Urlaub auf einer kleinen griechischen Insel nahe Rhodos im Mai 2010: wir hatten den Eindruck, die meisten (mit Ausnahme der wirklich armen) Griechen schwammen sozusagen in Geld und wir – als Touristen – kamen uns dagegen geradezu minderbemittelt vor. Woher dieser Wohlstand kam, war uns noch nicht so ganz klar, spätestens in den letzten zwei Jahren wurde es durch permanente Lektüre in einschlägigen Wirtschaftsblättern (wie HB und wiwo) ersichtlich.

    Jedoch war vor zwei Jahren vor Ort eins glasklar erkennbar: alle (oder sagen wir: die meisten) im Tourismus beschäftigten Leute geben keinen müden Euro-Cent Steuern ihrer Einnahmen an den Staat weiter.

    Nachtrag aus HB-Artikel von heute.
    Standard & Poor’s: "Nach der verzögerten Umsetzung von Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung und einer Verschlimmerung der griechischen Wirtschaftslage gehen wir davon aus, dass Griechenland 2012 zusätzliche Finanzhilfen aus dem EU/IWF-Programm benötigen wird", hieß es in einer Erklärung. Für den Zeitraum 2012 bis 2013 geht S&P nun von einem Schrumpfen der griechischen Wirtschaft von zehn bis elf Prozent aus, verglichen mit den EU/IWF-Schätzungen von vier bis fünf Prozent.

    http://www.handelsblatt.com/politik/international/duestere-wirtschaftslage-geht-griechenland-bald-die-luft-aus/6974608.html

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Erneuerbare Atomkraft
Erneuerbare Atomkraft

Mit der Energiewende isoliert sich Deutschland in Europa. Und die Gewerkschaft warnt vor Arbeitsplatzverlusten und...

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.