Bettina Röhl direkt: Warum die EU mehr Demokratie wagen muss

kolumneBettina Röhl direkt: Warum die EU mehr Demokratie wagen muss

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Am 25. Mai wird das Europäische Parlament neu gewählt.

Kolumne von Bettina Röhl

Am 25. Mai wählen die Deutschen ihre Vertreter in das europäische Parlament. Aber wieviel Demokratie lässt Europa eigentlich zu?

Europa lieben wir alle. In den frühen fünfziger Jahren entwickelten die Deutschen ihre Reiselust, gleichzeitig entstand das Massenphänomen des Schüleraustausches oder der Sprachreisen in den großen Ferien, in Gastfamilien vor allem nach England, aber auch nach Frankreich. Dass es Regionen gab, in denen die Sonne etwas üppiger schien, fanden nicht nur die Deutschen sehr schnell heraus. Und anders als man heute oft den Eindruck gewinnen oder historisch vermuten könnte, wuchs das, was zusammen gehörte, nach den Katastrophen des 1. und des 2. Weltkrieges relativ schnell und unkompliziert zusammen.

Die gemeinsame europäische Kultur entfaltete nach dem Zweiten Weltkrieg eine große, wirklich lichte und enthusiasmierende Kraft. Die Engländer zum Beispiel spielten noch lange Krieg in Spielfilmen mit "Hör Hitler" und tumben, brutalen deutschen Soldaten, die die Freiheitsallianz regelmäßig vernichtend schlug. Bundeskanzler Helmut Schmidt bat seinen britischen Amtskollegen James Callaghan damals Ende der siebziger Jahre einmal öffentlich nach dem Vorbild der deutsch-polnischen Schulbuchkommission mäßigend auf diesen englischen Volkssport einzuwirken, was der very british lässig abtat.

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Trotz des noch vergleichsweise kurz zurückliegenden Zweiten Weltkrieges waren die Engländer offen für die deutschen Sprachschüler. Gleichzeitig begannen die Deutschen ihre Sprache zu anglifizieren. Schon Anfang der sechziger Jahre, die großen düsenbetriebenen Touristenflieger waren gerade wenige Jahre im Einsatz, wurde Mallorca das Sekretärinnenparadies genannt. Damals sprach man davon, dass sich Kreti und Pleti dort träfen. Das war neu: Plötzlich kam "Jedermann" aus Nord- und Mitteleuropa auf dieser Insel zusammen. Man beschnupperte sich, verstand und missverstand sich. Man lernte sich kennen und fand Gefallen aneinander. Es bildeten sich viele Mallorcas im Mittelmeer, auf den Kanaren und wenig später überall auf der Welt.

Europa und der Spaßfaktor

Das war ein Stück gelebter Basisdemokratie der schönsten und wertvollsten Art. Europa wuchs von unten zusammen und dies vor allem dank des steigenden allgemeinen Wohlstands. Auch Italien, Spanien und später Griechenland profitierten vom Tourismus, der oft genug zur wichtigsten Industrie vor Ort wurde. Der Spaßfaktor Europa war damals enorm. Die einen entdeckten den Mercedes, die anderen den Wein. Die einen das Dolce Vita, die anderen die teutonische Organisationsfreude und die deutsche Treue, immer häufiger und immer spendierfreudiger im nächsten Sommer wieder zu kommen.

Von diesem europäischen Aufbruch wusste sogar der alte kommunistische Fuchs Josip Broz Tito zu profitieren. Er vollbrachte das Kunststück, ein einiges Jugoslawien zusammen zu halten. Und gleichzeitig wurde die jugoslawische Adriaküste ebenfalls zu einem beliebten Reiseziel vieler Westeuropäer. Die Menschen im sowjetisch beherrschten Osteuropa blieben von diesem basisdemokratischen, europäischen Prozess des Zusammenwachsens bis zur Wende 1989 allerdings ansonsten ausgeschlossen. 

Vom Schlager bis zu den Beatles

Der durchschnittliche Westler hatte 1989 schon 35 Jahre gelebte europäische Vereinigungserfahrungen. Zu den größten Schlagern gehörten in den fünfziger Jahren ganz selbstverständlich Lieder wie "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt" oder "Die Sonne scheint bei Tag und Nacht. "Eviva Espania!", der die deutschen Charts und die lauen Nächte auf den Riesencampingplätzen im Norden wie im Süden beherrschte. Bald kamen auch der "Griechische Wein" von Udo Jürgens dazu und viele mehr. Der Fundus an überbordenden Erinnerungen an Sommerliebschaften aus dem Süden ist groß.

Auch die angelsächsische Popmusik eroberte die Bundesrepublik sehr früh. Die Beatles nahmen ihren letzten Anlauf für den Beginn ihrer einzigartigen Weltkarriere im Hamburger Starclub und die Stadt im Norden hatte gleich noch einen zweiten Weltklasseclub, das Top Ten, ebenfalls auf der Reeperbahn. Der Erfolg der Beatmusik aus dem Swinging London war so groß, dass schon bald viele deutsche Bands dazu übergingen, englische Texte zu singen. Vor allem die akademische Jugend setzte seit Ende der sechziger Jahre einen neuen Trend: Die USA-Reise gehörte zum guten Ton. Kostete der Flug nach New York eben noch samt einem dazugehörigen Ferienaufenthalt so viel wie ein VW Käfer, fuhren schon die im antiamerikanistischen Geist schwingenden 68er mit den ABC-Flügen (Advanced booking charter) Anfang der siebziger Jahre massenweise in die USA. Auch wenn die Zahl noch klein war, es war ein Traum vieler Schüler und Studenten, 1969 zu dem den Westen massiv beeinflussenden Woodstock- Open Air-Festival zu reisen. Einige wenige erfüllten sich den Traum. Es gab eine Öffnung zu einem sehr positiven Internationalismus.

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Quelle: dpa

Auch die erste basisdemokratische Massenbewegung der Straße, die außerparlamentarische Opposition kurz APO genannt,  hatte ihren ideologisch verengten Blick in die weite Welt gerichtet und setzte den Revolutionstourismus zu den französischen, italienischen und spanischen Genossen in Gang. Der Pop-Kommunismus der sechziger und siebziger Jahre brachte die erste paneuropäische Jugendbewegung hervor, mit Interrail, Schüleraustausch, grenzübergreifenden Lieb- und Freundschaften. Diese leuchtenden Sternstunden Europas mit einem internationalistischen Touch nach Amerika und zum Rest der Welt soll niemand, der heute an den Machthebeln der Politik sitzt und sich heute um Europa angeblich verdient machen will, in mieser und fieser Weise kaputt reden.

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