Brendan Simms: "Europa muss das deutsche Problem lösen"

InterviewBrendan Simms: "Europa muss das deutsche Problem lösen"

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Deutschland ist größer, mächtiger und wirtschaftlich stärker als seine Nachbarn - und damit ein Problem, sagt Historiker Brendan Simms.

von Tim Rahmann

Historiker Brendan Simms fordert Europa auf, die Lehren aus 500 Jahren europäischer Geschichte zu ziehen – und Berlin in eine wirkliche politische Union zu drängen.

WirtschaftsWoche Online: Herr Simms, haben Sie Spaß an der Provokation?

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Brendan Simms: Ich will eine Diskussion anstoßen und mithelfen, Europa besser und stärker zu machen. Ich bin überzeugt: Der Blick auf die Geschichte hilft uns, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aber provozieren will ich nicht. Wie kommen Sie darauf?

Sie sprechen von einem „deutschen Problem“, das Europa über Jahrhunderte überschattete. Viele Deutsche werden sich von so einer Wortwahl angegriffen fühlen.

Das mag auf dem ersten Blick so erscheinen. Aber so ist es nicht gemeint. Um es vorneweg zu sagen: Ich habe Hochachtung vor Deutschland, und habe lange dort gewohnt. Ohne die deutsche Hochkultur wären wir viel ärmer. Und auch wirtschaftlich und politisch hat Deutschland viel für den Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten geleistet. Ohne Konrad Adenauer oder Helmut Kohl, um nur zwei zu nennen, wäre Europa längst nicht so weit wie es ist. Leider sind die Regierungen, die seit Kohl an der Macht waren längst nicht so visionär wie der langjährige Kanzler. Ihnen fehlt die Weitsicht und die Einsicht – und so steckt die Europäische Union heute in einer ihrer schwersten Krisen und der Euro sowieso. Aufgrund der Berliner Politik, aber auch aufgrund der Schwäche von europäischen Mächten wie Frankreich oder Italien, steht Europa wieder vor einem Problem, dass es seit dem 15. Jahrhundert gibt: dem „deutschen Problem“.

Brendan Simms

Brendan Simms wirbt für eine Vertiefung Europas.

Was ist das „deutsche Problem“?

Hier gibt es zwei zentrale Fragen. Zum Einen: Wie soll der Kontinent mit Deutschland umgehen – diesem großen, bevölkerungsreichen und ökonomisch dominierenden Land im Herzen Europas? Wie kann Deutschland gebändigt werden, wie können wir verhindern, dass es zu stark wird und Europa dominiert? Das „deutsche Problem“ ist schlicht die natürlich Kraft des Landes und die innere Zerrissenheit. Deutschland war fast durchgehend geteilt. Erst religiös, denken Sie an die Reformation und den 30-jährigen Krieg, dann auch politisch. Erst in Herzog- und Fürstentümer, später, nach dem Zweiten Weltkrieg, in West und Ost, in Demokratie und Kommunismus. Berlin kann das europäische Gleichgewicht empfindlich stören, wenn es innerlich instabil ist – oder nach außen zu stark. Wird ein mächtiges Deutschland nicht in einen politischen Rahmen eingebunden, hat das Folgen. Anfang des 20. Jahrhunderts war das so – es führte zum 1. Weltkrieg, wobei dies natürlich nicht der einzige Grund für die Katastrophe war, wie das Buch von Christopher Clark zeigt.

Zur Person

  • Brendan Simms

    Brendan Simms lehrt derzeit am „Centre of International Studies“ der Universität Cambridge. Der gebürtige Ire befasst sich mit der Geschichte der europäischen Außenpolitik und hat zahlreiche Bücher zu dem Thema verfasst. Simms ist Präsident des Thinktanks „Project for Democratic Union“. Sein Buch „Europe. Kampf um die Vorherrschaft“ erscheint im September bei DVA.

Und der zweite Aspekt?

Die zweite Frage ist, wie Deutschland heute für den Westen, das heißt für die demokratischen Werte und die kollektive Sicherheit, mobilisiert werden kann. In vormodernen Zeiten ging es darum um, ob das Heilige Römische Reich sich gegen die Türken oder Franzosen verteidigen könnte. Nach 1945 war die Frage wie Deutschland wirtschaftlich und militärisch zur Abwehr des Sowjetkommunismus beitragen konnte.

Was hat das alles mit heute zu tun? Von Deutschland geht doch heute weder eine militärische Gefahr aus, noch muss Berlin die Demokratie gegen externe Feinde verteidigen.

Ich gebe Ihnen Recht: Eine von Deutschland ausgehende militärische Konfrontation sehe ich auch nicht. Zudem haben wir auch die Frage hinter uns gelassen, wie Deutschland im Inneren stabilisiert werden kann. Darüber müssen wir uns keine Sorgen mehr machen. Das Land ist wiedervereint und stabil, wie kaum eine zweite Demokratie in Europa.

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