Brexit: Die Rechnung für den Ausstieg aus der EU

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Brexit: Die Rechnung für den Ausstieg aus der EU

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Belastet der Brexit den deutschen Bankensektor?
von Silke Wettach

Die Europäische Union fordert von Großbritannien zum Ausstieg horrende 57 Milliarden Euro. Theoretisch könnte es sogar doppelt so teuer für die Briten werden.

Fast immer, wenn der britische Schatzkanzler Philip Hammond auf seine europäischen Ministerkollegen trifft, äußert er einen dringenden Wunsch: Die Europäer mögen doch – please! – den Briten nicht gleich zu Beginn der Verhandlungen eine hohe Rechnung für ihren Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) präsentieren. Kein Wunder: Schließlich hat das Brexit-Lager mit finanziellen Vorteilen für die Stimme der Briten zum Ausstieg geworben. Käme es also anders, würde das gebrochene Wahlversprechen gleich offenbar.

Welche deutschen Branchen der Brexit treffen könnte

  • Autoindustrie

    Jedes fünfte aus Deutschland exportierte Auto geht laut Branchenverband VDA ins Vereinigte Königreich. Präsident Matthias Wissmann warnte daher vor Zöllen, die den Warenverkehr verteuerten. BMW etwa verkaufte in Großbritannien 2015 rund 236 000 Autos - über 10 Prozent des weltweiten Absatzes. Bei Mercedes waren es 8 Prozent, bei VW 6 Prozent. BMW und VW haben auf der Insel zudem Fabriken für ihre Töchter Mini und Bentley. Von „deutlich geringeren Verkäufen“ in Großbritannien nach dem Brexit-Votum berichtete bereits Opel. Der Hersteller rechnet wegen des Entscheids 2016 nicht mehr mit der angepeilten Rückkehr in die schwarzen Zahlen.

  • Maschinenbau

    Für die deutschen Hersteller ist Großbritannien der viertwichtigste Auslandsmarkt nach den USA, China und Frankreich. 2015 gingen Maschinen im Wert von 7,2 Milliarden Euro auf die Insel. Im vergangenen Jahr liefen die Geschäfte weniger gut. In den ersten zehn Monaten 2016 stiegen die Exporte nach Großbritannien dem Branchenverband VDMA zufolge um 1,8 Prozent gemessen am Vorjahr. 2015 waren sie aber noch um 5,8 Prozent binnen Jahresfrist gewachsen. Mit dem Brexit sei ein weiteres Konjunkturrisiko für den Maschinenbau dazugekommen, sagte VDMA-Präsident Carl Martin Welcker im Dezember.

  • Chemiebranche

    Die Unternehmen fürchten schlechtere Geschäfte wegen des Brexits. Der Entscheid habe bewirkt, dass sich das Investitions- und Konsumklima in Großbritannien verschlechtert habe, sagte jüngst Kurt Bock, Präsident des Branchenverbands VCI. Für die deutschen Hersteller ist Großbritannien ein wichtiger Abnehmer gerade von Pharmazeutika und Spezialchemikalien. 2016 exportierten sie Produkte im Wert von 12,9 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich, rund 7,3 Prozent ihrer Gesamtexporte.

  • Elektroindustrie

    Für Elektroprodukte „Made in Germany“ ist Großbritannien der viertgrößte Abnehmer weltweit. 2015 exportierten deutsche Hersteller laut Branchenverband ZVEI Waren im Wert von 9,9 Milliarden Euro in das Land, 9,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Im vergangenen Jahr liefen die Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich nicht mehr so gut. Nach zehn Monaten verzeichnet der Verband ein Plus bei den Elektroausfuhren von 1,7 Prozent gemessen am Vorjahr. Grund für die Eintrübung seien nicht zuletzt Wechselkurseffekte wegen des schwachen Pfunds, sagte Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des ZVEI.

  • Finanzsektor

    Banken brauchen für Dienstleistungen in der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem EU-Staat. Derzeit können sie grenzüberschreitend frei agieren. Mit dem Brexit werden Barrieren befürchtet. Deutsche Geldhäuser beschäftigten zudem Tausende Banker in London, gerade im Investmentbanking. Die Deutsche Bank glaubt indes nicht, dass sie ihre Struktur in Großbritannien „kurzfristig wesentlich“ ändern muss. Die Commerzbank hat ihr Investmentbanking in London schon stark gekürzt. Um viel geht es für die Deutsche Börse. Sie will sich mit dem Londoner Konkurrenten LSE zusammenschließen. Der Brexit macht das Projekt noch komplizierter.

Doch Hammonds Flehen verhallte bislang ungehört. Die EU-Vertreter marschieren mit Forderungen in Höhe von rund 57 Milliarden Euro in die Trennungsgespräche. Ihr Chefunterhändler Michel Barnier betont zwar, es gehe keineswegs darum, ein Land für seinen Austritt zu bestrafen. Aber er fügt sofort hinzu: „Wir müssen eine Abrechnung machen.“

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Das viele Geld dürfte einer der wichtigsten Streitpunkte der Austrittsverhandlungen werden, die wohl im Juni beginnen. Die EU-Rechnung ist nicht nur hoch, sie hat auch einen hohen Symbolwert – auf beiden Seiten des Kanals.

Fällt Großbritannien in Zukunft als Nettozahler aus, werden nämlich pro Jahr zehn Milliarden Euro im EU-Haushalt fehlen. Die anderen Mitgliedstaaten freuen sich deshalb über jede Milliarde, die vorher noch in die gemeinsame Kasse fließt.

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Brüsseler Insider halten es dennoch für einen Fehler, dass EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker die Summe von etwa 57 Milliarden Euro bestätigte, bevor sich beide Seiten über die Berechnungsmethode unterhalten haben. Bislang basiert jede Kalkulation auf so vielen schwierig zu belegenden Annahmen, dass London locker eine ähnlich plausible Gegenrechnung aufstellen könnte.

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Zudem bezweifeln die Briten ganz grundsätzlich, dass sie Schulden begleichen müssen. „Rechtlich gesehen ist Großbritannien nicht zu Zahlungen nach dem Austritt verpflichtet“, schlussfolgerte Anfang März ein Bericht des britischen Oberhauses. Noch immer scheint der Glaube an die eigene Kraft auf der Insel extrem ausgeprägt – die sich auch darauf erstreckt, in den Verhandlungen mit den Europäern stark zu bleiben. Diese Überzeugung verkörpert sich sogar im Verhandlungsführer der Briten, David Davies. Der Chef des Brexit-Ministeriums hat früher als Amateurboxer brilliert, er weiß also, wie man Rückschläge einsteckt und wie man austeilt.

Die EU – vertreten durch Exfinanzkommissar Barnier, der stark akzentuiertes Englisch spricht – hält dagegen: Die Briten hätten als EU-Mitglied eine Vielzahl von Entscheidungen mitgetragen, die sie nun weiter finanzieren müssten. „Sie verhalten sich, als wenn sie aus einem Golfclub austreten wollten, weil sie nicht mehr spielen kommen“, sagt Inge Gräßle (CDU), Vorsitzende des Haushaltskontrollausschusses im Europäischen Parlament.

Freytags-Frage Welche Chancen bietet der Brexit?

Die Europäer haben zwei Möglichkeiten: Die Briten bestrafen, dass sie die EU verlassen oder die Staatengemeinschaft reformieren. Denn der Brexit ist auch eine Chance. Die Frage ist nur, ob die Europäer sie ergreifen.

Die Briten verlassen die EU. Die Frage ist, ob sich die Europäer neu erfinden. Quelle: AP

Ein ziemlich teurer Club: Bis Ende 2018 werden sich die bewilligten, aber noch nicht ausgezahlten Transferleistungen der EU auf 241 Milliarden Euro belaufen. Zum großen Teil handelt es sich um Regionalförderung, für die sich Großbritannien stark gemacht hat. So wäre es aus Sicht Brüssels nur fair, dass Großbritannien seine Pflichten daran auch erfüllt.

Doch in welcher Höhe? Zwölf Prozent würden etwa dem bisherigen Anteil der Briten am EU-Haushalt entsprechen. Nur acht Prozent hingegen, wenn man den Nettobeitrag der Briten samt Rückflüssen an den britischen Staat heranzöge.

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