Brexit: Londoner Start-ups schwanken zwischen Hoffen und Bangen

Brexit: Londoner Start-ups schwanken zwischen Hoffen und Bangen

Das Brexit-Votum stürzt die britische Wirtschaft in gewaltige Verunsicherung. Die jungen und noch anfälligen Start-ups zittern besonders. Einige hoffen aber auch auf Vorteile im Verhältnis zu den alten Schwergewichten.

Keine 24 Stunden vergingen nach dem Brexit-Referendum, bis fünf Investoren des Londoner Start-ups Netz Hunderttausende Pfund an zugesagten Einlagen auf Eis gelegt hatten. Jetzt muss die kleine Tech-Firma, die Finanzunternehmen mit Daten beliefert, geplante Einstellungen verschieben. Und selbst wenn sie die versprochenen Investments schließlich erhält, ist unklar, ob noch genügend Fachkräfte aus den 27 anderen EU-Staaten Interesse an einer Arbeit in Großbritannien haben.

„Wir wissen nicht, ob die Leute, die wir einstellen möchten, noch nach London kommen wollen“, sagt der aus Deutschland stammende Vorstandsvorsitzende von Netz, Frank Bertele. „Was den gesetzlichen Rahmen angeht, herrscht viel Unsicherheit.“ Bertele treibt seit dem Votum der Briten für einen Austritt aus der EU sein Vorhaben voran, in die USA zu expandieren.

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Die Verunsicherung trifft die gesamte Wirtschaft im Königreich. Die noch in den Kinderschuhen steckenden Start-ups sind besonders anfällig. Ihr Überleben hängt maßgeblich vom richtigen Timing ab, finanzielle Unterstützer zu gewinnen, Personal einzustellen und Bürogebäude anzumieten. Einige von ihnen sehen aber auch die Chance, als anpassungsfähige Betriebe besser mit dem Umbruch klar zu kommen als die behäbigeren etablierten Unternehmen.

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Mit am meisten sorgen sich die Londoner Start-ups um ihr künftiges Personal. Der stark von Fachkräften abhängige Tech-Sektor profitiert bislang besonders von der Freizügigkeit innerhalb der EU, die Visa und Arbeitsgenehmigungen überflüssig macht. Laut einer Umfrage des Start-up-Zentrums Wayra aus dem vergangenen Jahr stammt ein Drittel aller Beschäftigen von jungen britischen Tech-Unternehmen aus dem Ausland. Jeder fünfte kommt aus einem anderen EU-Land.

Die Industrie leidet schon heute unter einem Fachkräftemangel. Die Regierung erleichtert es den Firmen deshalb, Mitarbeiter aus Nicht-EU-Staaten zu rekrutieren. Bei der Jobbörse Adzuna finden sich derzeit etwa 35 000 offene Stellen in der Software-Branche in London.

Das Finanztechnologie-Start-up Duedil hat seit 2011 jährlich seine Belegschaft verdoppelt. 20 Prozent der Beschäftigten kommen aus anderen EU-Staaten. Die Firma wächst viel zu schnell, um die Klärung des künftigen Verhältnisses zwischen Großbritannien und der Europäischen Union in aller Ruhe abwarten zu können. Deshalb hat die Geschäftsführung auf die Schnelle einen Plan für ein EU-Büro aus dem Boden gestampft. In den kommenden Wochen soll entschieden werden, ob es in Dublin, Berlin oder einer anderen Stadt angesiedelt sein wird. „Ohne den Brexit hätten wir bestimmt weitere Leute in London eingestellt“, sagt Geschäftsführer Damian Kimmelman.

Im Fall von Bewerbern aus Nicht-EU-Staaten ist das schon heute teuer für die Firmen. Pat Saini von der Anwaltskanzlei Pennington Manches spricht von mindestens 5000 Pfund (6000 Euro) pro Person für Visakosten und andere Gebühren. „Wenn das für EU-Bürger nach einem Brexit genauso teuer wird, dann werden die Unternehmen, die auf Arbeitskräfte aus der EU angewiesen sind, länger auf Mitarbeiter warten und mehr für sie zahlen müssen“, erklärt sie.

In mancher Hinsicht macht sich die Unsicherheit für die Start-ups aber auch positiv bemerkbar. So hat Netz seit der Abstimmung vom 23. Juni nach eigenen Angaben vier Mal so viele Kundenanfragen verzeichnet wie zuvor. Vor allem Vermögensverwalter und Finanzberater bitten Netz um Daten über mögliche neue Kunden. Und einer der fünf Investoren, die ihr Engagement bei dem Start-up aussetzten, änderte inzwischen seine Meinung und kehrte trotz der Unsicherheit zu Netz zurück.

Duedil konnte innerhalb von zwei Tagen drei Verträge mit US-Kapitalgesellschaften abschließen, die vom Absturz des britischen Pfunds profitieren wollen. Sie kauften sich Zugang zur Datenbank von Duedil, die Informationen über Privatunternehmen in Großbritannien liefert.

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Angesichts ihrer geringen Größe fällt es den jungen Firmen leicht, sich flexibel an neue Situationen anzupassen. So können sie auf eine Art und Weise Vorteile aus Veränderungen ziehen, wie es Konzernen mit tausenden Beschäftigten nicht möglich ist. „Wenn den Leuten klar wird, dass diese Hürden vor ihnen Chancen darstellen, dann sind Start-ups diejenigen, die das Potenzial am besten ausschöpfen können“, sagt Kimmelmann.

Zugleich lässt viele die Sorge nicht los, dass London seine Attraktivität als pulsierender Hightech-Standort einbüßen könnte. Die Finanztechnologie-Sparte gilt dabei als besonders gefährdet. Im vergangenen Jahr ging nach Branchenangaben ein Drittel allen Risikokapitals für europäische Start-ups nach Großbritannien.

Neil Rimer, Mitbegründer der Risikokapitalgesellschaft Index Ventures, appelliert an die britische Regierung, das nicht zu gefährden. Ungeachtet der künftigen Handelsbeziehungen mit der EU müsse das Königreich weiterhin attraktiv bleiben für Fachkräfte und Firmengründer. „Wer auch immer die Verhandlungen führen wird, wird nicht daran interessiert sind, den Leuten auf ihrem Weg zur Arbeit im Weg zu stehen“, sagt er. „Ich denke, die Regierung wird viel dafür tun, diese Art der Mobilität zu bewahren.“

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