Charlie-Hebdo: Flucht der Attentäter lässt Frankreich zittern

Charlie-Hebdo: Flucht der Attentäter lässt Frankreich zittern

, aktualisiert 08. Januar 2015, 17:32 Uhr
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Nach dem tödlichen Anschlag auf das Satireblatt „Charlie Hebdo“ jagt Frankreich die beiden mutmaßlichen Haupttäter, darunter ein bereits verurteilter Islamist.

Während die Franzosen eine Schweigeminute für die Opfer von „Charlie Hebdo“ einlegen, sucht die Polizei nach den Attentätern. Ein weiterer Mord und der Fund von Molotow-Cocktails schüren die Furcht vor weiterem Terror.

Nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat die Sorge vor weiteren Attentaten Frankreich in Schrecken versetzt. Nach einer massiven Fahndung verfolgte die Polizei am Donnerstag eine heiße Spur in Nordfrankreich, doch die Brüder Chérif (32) und Said Kouachi (34) blieben auch weit über 24 Stunden nach dem Terrorakt mit zwölf Toten auf der Flucht. Nach dem Fund von Molotow-Cocktails, einer islamistischen Flagge und einem Stirnband in einem Fluchtwagen in Paris gingen die Ermittler davon aus, dass die 32 und 34 Jahren alten Brüder weitere Anschläge geplant hatten. Die Tat wurde auch in islamischen Staaten verurteilt.

Frankreichs Innenminister warnt vor weiterer Gewalt

Die Polizei nahm am Morgen sieben Verdächtige aus dem Umfeld der Terroristen in Gewahrsam. Für neue Terrorangst sorgte zunächst eine Schießerei im Süden von Paris am Donnerstagmorgen, bei der ein Unbekannter eine Polizistin tötete und einen Polizisten verletzte. Zunächst gab es aber keine Hinweise darauf, dass die Taten zusammenhängen. Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve warnte dennoch, die derzeitige Risikolage könne zu weiteren Gewalttaten führen.

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Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

  • Die Satire-Zeitung

    Die französische Satire-Zeitung im Zentrum des Terroranschlags von Paris arbeitet mit Provokationen: „Charlie Hebdo“ macht sich über Päpste und Präsidenten lustig - und auch über den Propheten Mohammed. Die Wochenzeitung, die am Mittwoch einem Angriff mit mindestens zwölf Toten zum Opfer fiel, rief mit Karikaturen des hoch verehrten Propheten in der islamischen Welt immer wieder Empörung hervor.

  • Der erste Anschlag

    Im November 2011 waren die Büros der Zeitung Ziel eines Brandbombenangriffs, nachdem sie eine Ausgabe publiziert hatte, in der Mohammed „eingeladen“ wurde, ihr Gastredakteur zu werden. Auf der Titelseite: eine Karikatur des Propheten.

  • Weitere Karikaturen

    Ein Jahr später veröffentlichte die Zeitung inmitten der Aufregung über einen islamfeindlichen Film weitere Mohammed-Zeichnungen. Die Karikaturen stellten Mohammed nackt und in erniedrigenden oder pornografischen Posen dar. Während die Emotionen hochkochten, nahm die französische Regierung die Redefreiheit in Schutz. Gleichzeitig warf sie „Charlie Hebdo“ vor, Spannungen zu schüren.

  • Die politische Orientierung

    Die Zeitung mit niedriger Auflage tendiert politisch betrachtet zum linken Spektrum. Sie ist stolz, mit Karikaturen und parodierenden Berichten Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben. „Wir gehen mit den Nachrichten wie Journalisten um“, sagte ein Karikaturist mit Namen Luz 2012 der Nachrichtenagentur AP. „Einige nutzen Kameras, einige nutzen Computer. Für uns ist es ein Papier und Bleistift“, sagte er. „Ein Bleistift ist keine Waffe. Er ist einfach ein Äußerungsmittel“, meinte er.

  • Der Chefredakteur über Karikaturen

    Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der bei dem Anschlag am Mittwoch getötet wurde, hatte die Mohammed-Karikaturen ebenfalls verteidigt. „Mohammed ist mir nicht heilig“, sagte er 2012. „Ich mache Muslimen keine Vorwürfe dafür, dass sie nicht über unsere Zeichnungen lachen. Ich lebe unter französischem Gesetz“, ergänzte er. „Ich lebe nicht unter Koran-Gesetz.“

  • Charbonniers letzte Karikatur

    Eine von Charbonniers letzten Karikaturen, die in der dieswöchigen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ veröffentlicht wurde, scheint in Anbetracht der Ereignisse wie eine unheimliche Vorahnung. „Noch immer keine Anschläge in Frankreich“, sagte ein Extremisten-Kämpfer darin. „Warte - wir haben bis Ende Januar, um unsere Neujahrswünsche vorzubringen.“

In ganz Frankreich gab es am Tag der nationalen Trauer eine Schweigeminute für die Opfer des Terroranschlags auf „Charlie Hebdo“. Tausende hielten Plakate mit dem Schriftzug „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) hoch. Die Glocken der Kirche Notre-Dame erschallten in Paris, Staatspräsident François Hollande forderte die Franzosen auf, in dieser schweren Zeit zusammenzustehen. Die Sicherheitsmaßnahmen im Großraum Paris wurden massiv verschärft.

Dschihad-Flaggen und Brandsätze gefunden

In einem bereits am Mittwoch in Paris stehengelassenen Fluchtauto der Attentäter fanden die Ermittler etwa zehn Molotow-Cocktails und Flaggen, die für den „Heiligen Krieg“ werben. Das deute darauf hin, dass die Brüder noch weitere Taten geplant hätten, zitierten Medien Polizeiquellen. Der 32-jährige Chérif sei als Islamist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, berichteten Medien. Unklar blieb, ob er auch als Kämpfer im Irak war.

Die Polizei habe in Nordfrankreich das Fluchtauto der mutmaßlichen Attentäter gefunden, hieß es in Berichten. Ein Tankstellenbesitzer bei dem Ort Villers-Cotterêts habe die maskierten und bewaffneten Männer eindeutig erkannt. Daraufhin waren die Sicherheitskräfte dorthin geeilt. Die Polizei durchsuche die Gegend, in der die beiden flüchtigen Terroristen am Mittag ein weiteres Fluchtauto stehengelassen hätten, hieß es. Die bereits für den Großraum Paris geltende oberste Sicherheitsstufe gegen Attentate wurde auf die Region ausgeweitet.

Der mutmaßliche Komplize Hamid Mourad (18) hatte sich am Mittwoch in der Kleinstadt Charleville-Mézière nahe der belgischen Grenze der Polizei gestellt, aber seine Unschuld beteuert.

Fotos zeigten zahlreiche Polizeiautos vor der Tankstelle an der Nationalstraße. Nach Medienberichten könnten die beiden Terroristen bei ihrer Flucht einen Überfall auf die Tankstelle verübt haben. Bei dem Raub hätten sie Benzin und Essen mitgehen lassen. Die Brüder führten Schnellfeuerwaffen mit sich, hieß es. Die Rede war auch von einer Panzerfaust.

Die beiden Männer stammen aus Paris und haben die französische Staatsbürgerschaft. Sie waren nach Angaben des Pariser Innenministers Bernard Cazeneuve überwacht worden. Dabei habe es allerdings keinerlei Hinweise auf einen Terrorakt gegeben, gegen die Männer habe es auch kein juristisches Verfahren gegeben, sagte Cazeneuve dem Sender Europe 1. „Wir treffen hundertprozentig Vorsichtsmaßnahmen, ein Null-Risiko gibt es aber nicht“, fügte er an.

Die Brüder sollen am Mittwoch schwarz vermummt die Redaktion des Magazins mitten in der Hauptstadt gestürmt und unter anderem mit einer Kalaschnikow um sich geschossen haben. Unter den zwölf Todesopfern waren acht Journalisten von „Charlie Hebdo“ und ein weiter Kollege, der unter anderem für den Radiosender France Inter arbeitete.

„Charlie Hebdo“ war mehrfach wegen Mohammed-Karikaturen in die Kritik geraten und angefeindet worden. Erst am Dienstag hatte die Zeitschrift eine Karikatur veröffentlicht, auf der ein islamistischer Terrorist mit einer umgehängten Kalaschnikow auf dem Rücken sagt: „Noch immer kein Attentat in Frankreich, aber man hat ja noch Neujahrswünsche.“

Weitere Artikel

In Deutschland sahen Sicherheitskreise keine Anzeichen für erhöhte Terrorgefahr. Mehrere deutsche Zeitungen verstärkten dennoch ihre Sicherheitsvorkehrungen. Vor einigen Redaktionen zeigten am Donnerstag Polizeibeamte Präsenz. Weitere Medienhäuser stockten ihr privates Wachpersonal auf.

Mehrere französische Blätter druckten am Donnerstag eine fast schwarze Seite Eins. Eine Reihe deutscher Zeitungen druckte Mohammed-Karikaturen und andere religionskritische „Charlie Hebdo“-Zeichnungen nach.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière warnte vor populistischen Brandstiftern in Deutschland. „Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun“, sagte der CDU-Politiker der „Süddeutschen Zeitung“. Attentate wie das von Paris richteten sich gegen die gesamte Gesellschaft und ihre Werteordnung.

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