Christian Noyer: Frankreichs Notenbankchef sieht keine Deflation in der Eurozone

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Christian Noyer

von Angela Hennersdorf und Karin Finkenzeller

Die Eurozone befindet sich nach Ansicht des französischen Notenbankgouverneurs Christian Noyer nicht in einer Phase des allgemeinen Preisverfalls.

„Im Moment befinden wir uns ganz sicher nicht in einer Deflation“, das Wort sei „übertrieben“, sagte Noyer, der auch dem EZB-Rat angehört, in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. „Wir sind uns aber im EZB-Rat einig, dass eine zu lang anhaltende niedrige Inflation gefährlich ist.“

Noyer sieht die Gefahr, dass die Finanzmärkte ihre Inflationserwartungen ändern und die Glaubwürdigkeit der EZB gefährdet ist. „Das Vertrauen, dass wir unser Mandat erfüllen und für stabile Preise sorgen, steht auf dem Spiel.“ Außerdem habe die EZB bei niedriger Inflation keine Spielräume, um etwa auf einen geopolitischer Konflikt oder eine Energiekrise zu reagieren, die das Deflationsrisiko erhöhen würden. „Deshalb ist es wichtig, dass wir wieder eine Inflation nahe unserer Zielmarke erreichen. Damit hätten wir im Falle neuer Schocks einen Puffer“, erklärt Noyer.

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Quantitative Lockerung steht nicht auf der Agenda

Christian Noyer hat Befürchtungen zurückgewiesen, die Europäische Zentralbank werde ihre Stabilitätspolitik lockern und mit dem Kauf von Staatsanleihen beginnen. „Nein, Quantitative Lockerung (QE) steht jetzt nicht an. Wir warten zunächst ab, welche Resultate unsere geldpolitischen Maßnahmen aus dem Juni und September bringen“, sagte Noyer im Interview. EZB-Präsident Mario Draghi hatte angekündigt, den Schuldnerstaaten mit dem Ankauf von Staatsanleihen helfen zu wollen.
Vor einer Quantitativen Lockerung müsse die EZB „die Reaktion der Finanzmärkte genau beobachten“, so Noyer. Dazu gehörten die Entwicklung der Kreditvergabe und die Wirkung der neuen Zinssätze im Markt. „Ein endgültiges Ergebnis lässt sich in etwa 18 Monaten erkennen. Zwischenergebnisse werden wir sicherlich schon eher haben.“

Beim sogenannten ABS-Programm, dem Ankauf von Kreditverbriefungen durch die EZB, hält Noyer die Kritik von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann für berechtigt. „Ich habe volles Verständnis für die Warnung, dass wir die Bilanz der Notenbank nicht mit risikoreichen Kreditverbriefungen belasten dürfen. Wir müssen die Qualität dieser Verbriefungen genau analysieren“, sagte Noyer. „Die EZB wird nicht ins Risiko gehen und ihre Bilanz belasten.“

Allerdings sieht Noyer in einem solchen Ankauf auch Vorteile: „Dennoch profitieren von dem ABS-Kaufprogramm auch Frankreich und Deutschland. Erholt sich die Wirtschaft, dann steigt die Nachfrage nach Krediten. Die Banken sollen dann in der Lage sein, diese Nachfrage zu bedienen, ohne ihre Bilanzen zu sehr zu belasten.“

Frankreich muss mehr tun und sparen

Noyer hat sein Land aufgerufen, mehr Reformen umzusetzen und mehr zu sparen. „Ich finde, gerade wegen der derzeit niedrigen Inflation könnte im französischen Haushalt viel aggressiver gespart werden“, sagte Noyer der WirtschaftsWoche. Damit die Finanzmärkte Frankreich weiter vertrauen, müsse das Land „die beschlossenen Haushaltskürzungen auch umsetzen“, zudem das „strukturelle Defizit mittelfristig auf 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts“ senken und „möglichst effektiv bei den öffentlichen Ausgaben“ sparen.

„Es gibt keinen Grund, dass wir unsere Haushaltsziele nicht erreichen könnten“, betont Noyer. „Der französischen Regierung ist klar, dass sie eine umfassende Reform- und Konsolidierungsagenda vorlegen muss, die die europäischen Partner überzeugt. Dieser Haushaltsplan muss bis Anfang Oktober vorliegen.“

Noyer warnt vor Aufnahme weiterer Länder in die Eurozone

Vor der Aufnahme weiterer Länder in die Eurozone hat das französische EZB-Ratsmitglied Noyer gewarnt. Entscheidungen im Euro-System würden immer schwieriger, so Noyer im Interview. „Ich befürchte, wenn wir immer mehr Länder in das Euro-System aufnehmen, wird der Entscheidungsprozess immer schwieriger. Dann besteht die Gefahr einer Zentralisierung“, warnt Noyer, der auch Gouverneur der französischen Notenbank ist. „Wir müssen effizient bleiben und berücksichtigen, dass einige Länder im Euro-System besonders wichtig sind.“

Noyer hält es für einen Fehler, dass durch die Vielzahl an Mitgliedern ein zentrales Land der Eurozone wie Deutschland alle fünf Monate kein Stimmrecht im EZB-Rat hat. „Als die Regeln für die Rotation der Abstimmungsrechte festgelegt worden sind, hätte man über andere Formen nachdenken müssen“, so Noyer. „Fällt die EZB eine geldpolitische Entscheidung, ist davon vor allem Deutschland betroffen, weil es 30 Prozent der Wirtschaft in der Eurozone stellt. Frankreich wird immer mit einem Fünftel betroffen sein. Das muss jeder Notenbanker bei einer geldpolitischen Entscheidung berücksichtigen.“

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