Dax profitiert nur kurz: So gestresst sind die Märkte nach dem EZB-Test

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Dax profitiert nur kurz: So gestresst sind die Märkte nach dem EZB-Test

von Saskia Littmann

Der Dax hat positiv auf die Ergebnisse des Bankenstresstests reagiert, in Italien müssen Bankaktien vom Handel ausgesetzt werden. War der Test wirklich erfolgreich, werden die Märkte das aber erst später offenbaren.

Als EZB-Vizechef Vitor Constancio am Sonntag die Ergebnisse des Bankenstresstest der Europäischen Zentralbank verkündete, lobte er die Prüfung ausführlich. Man hätte viel erreicht, so detailliert seien Europas Bankbilanzen nie zuvor geprüft worden. Ob der Portugiese damit recht hat, wird sich wohl aber erst in den kommenden Wochen zeigen.

Denn das Hauptziel des aufwendigen Tests sollte es ja sein, mehr Vertrauen unter den Banken zu schaffen. Diese sollen, mit dem Wissen über die einwandfreie finanzielle Situation ihres Gegenüber im Gepäck, sich untereinander wieder stärker vertrauen und sich untereinander Geld leihen. Das Szenario ist relativ einleuchtend: Halten die Geldinstitute die Tests der Bankenaufseher für glaubwürdig, leihen sie sich jetzt wieder mehr Geld, der Interbankenmarkt erwacht aus seinem Tiefschlaf.

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Stresstest-ABC

  • A wie Asset Quality Review (AQR)

    Der erste Teil der Bankentests. Bei diesem Bilanzcheck hatten sich die Aufseher vorgenommen, mindestens 160 000 Kreditakten in die Hand zu nehmen und Risikopapiere im Volumen von 3,72 Billionen Euro unter die Lupe zu nehmen.

  • B wie Bankenunion

    Die führenden Banken in den 18 Euro-Staaten werden ab November gemeinsam überwacht. Ab 2016 greifen zudem gemeinsame Regeln zur Sanierung und - im Notfall - Schließung von Banken.

  • C wie Comprehensive Assessment

    Die aktuellen Bankentests verknüpfen einen Krisentest (Stresstest) mit einem direkten Blick in die Bücher der Banken, das ist neu.

  • D wie Durchfaller

    Das Wort nehmen Aufseher und Banker ungern in den Mund. Faktisch gilt: Institute, die am Ende nicht die gefordert Kapitalquote von acht Prozent vorweisen, haben die Anforderungen der Tests nicht erfüllt und müssen Kapitallöcher stopfen.

  • E wie EZB

    Die Notenbank ist eigentlich für die Zinsen im Euroraum zuständig. Weil in der Kürze der Zeit keine neue Behörde aufgebaut werden konnte, übertrugen Europas Politiker der Europäischen Zentralbank zusätzlich die Aufgabe der zentralen Bankenaufsicht.

  • F wie Finanzkrise

    Die Krise der Jahre 2007/2008 brachte die Finanzwelt an den Rand des Kollaps. Die Rettung maroder Banken kostete die Steuerzahler Milliarden. Das soll sich nach dem Willen der EU-Politiker nicht wiederholen. Daher die harten Tests und eine strengere Aufsicht vor allem über grenzüberschreitend tätige Banken.

  • G wie Großbank

    Manche Banken sind so groß, dass ihr Kollaps das weltweite Finanzsystem in Schieflage bringen könnte. Neun dieser sogenannten global systemrelevanten Banken wird die EZB künftig direkt überwachen, darunter die Deutsche Bank.

  • H wie Heimatmarkt

    Bisher waren die Aufseher in den Ländern zuständig, in denen Banken ihre Zentrale haben. Allein der Blick auf den Heimatmarkt ist jedoch zu wenig. Grenzüberschreitend tätige Banken sollen künftig von Aufsehern aus mehreren Ländern überwacht werden.

  • I wie Immobilien

    Unter ihrer laxen Vergabe von Krediten für Bauherren und Wohnungskäufer haben vielen Banken noch heute zu knabbern. Unter anderem deshalb schauen die Prüfer bei den Tests auch darauf, ob Institute auch dann überlebensfähig sind, wenn die Immobilienpreise abstürzen.

  • J wie Joint Supervisory Teams

    Für die Beaufsichtigung der 120 führenden Banken im Euroraum werden Teams aus EZB-Mitarbeitern und Aufsehern aus den nationalen Behörden gebildet. Für große Banken, deren Kollaps das ganze System gefährden könnte, können solche Aufsichtsgremien 50 bis 70 Experten umfassen.

  • K wie Kapitalquote

    Banken sollen Risiken durch mehr eigenes Kapital absichern. Dazu zählen Gelder, die im Verlustfall uneingeschränkt zur Verfügung stehen wie Stammkapital der Eigentümer, eigene Aktien und einbehaltene Gewinne. Bei den Tests wird eine Quote von acht Prozent hartem Kernkapital verlangt. 100 Euro in Risikopositionen muss eine Bank also mit mindestens 8 Euro eigenem Geld abdecken.

  • L wie Leverage Ratio

    Auch diese Verschuldungsobergrenze soll Banken sicherer machen. Dabei sollen die Geschäfte einer Bank unabhängig vom Risikogehalt pauschal ins Verhältnis zum Eigenkapital gesetzt werden.

  • M wie Millionenkosten

    Der Aufwand für die seit Monaten laufenden Checks ist gewaltig. 2000 Aufseher und Wirtschaftsprüfer waren allein in Deutschland mit der Überprüfung der Banken beschäftigt, europaweit waren es 6000. Dazu kommen zahllose Mitarbeiter bei den einzelnen Instituten. Viele Banken berichten von Kosten im zweistelligen Millionenbereich.

  • N wie Nouy

    Die Französin Danièle Nouy leitet die neue europäische Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB. Die 64-Jährige war zuvor Chefin der französischen Bankenaufsicht.

  • O wie Oliver Wyman

    Für die Konzeption und Durchführung der Bankentests hat die EZB das US-Beratungsunternehmen Oliver Wyman angeheuert, das im Jahr 2012 einen Stresstest für die spanischen Banken durchführte.

  • P wie Puffer

    Eigenkapital gilt als Puffer für Krisenzeiten. Seit den Erfahrungen der Finanzkrise fordern Aufseher dickere Polster.

  • Q wie Quote

    Mancher Beobachter meint, die Tests seien nur glaubwürdig, wenn es eine bestimmte Quote von Durchfallern unter den 130 von der EZB untersuchten Instituten gebe.

  • R wie Rettungsfonds

    In vielen Ländern gibt es Notfallprogramme für den Fall, dass Banken frisches Geld brauchen, es aber bei Investoren nicht bekommen. Umstritten ist, ob in letzter Konsequenz auch Gelder aus dem europäischen Schutzschirm ESM genutzt werden können.

  • S wie Stresstest

    Der Krisentest soll zeigen, ob Banken auch unter widrigen Umständen ausreichend Kapital haben, um ihr Geschäft fortzuführen. Auf Verbraucher übertragen könnte der Test so aussehen: Reichen Einnahmen, Ersparnisse oder Versicherungsschutz auch dann, wenn Auto und Waschmaschine gleichzeitig kaputtgehen, der Arbeitgeber pleitegeht und man erst im nächsten Jahr einen neuen Job findet?

  • T wie Transparenz

    Die gewaltige Datensammlung soll auch für mehr Transparenz sorgen: Welche Altlasten schlummern noch in den Bankbilanzen, wo sind die Risiken, wie groß ist der Kapitalbedarf?

  • U wie Unabhängigkeit

    Kritiker meinen, es vertrage sich nicht, dass die EZB gleichzeitig für die Zinsen im Euroraum zuständig ist - von denen Banken abhängen - und die Banken überwacht. Sie finden, Geldpolitik und Bankenaufsicht sollten deutlicher getrennt werden.

  • V wie Vertrauen

    Das ist das große Ziel der Aufseher. Investoren und Kunden sollen wieder Vertrauen in Europas Banken schöpfen.

  • W wie Wackelkandidaten

    Viele Banken haben vorgesorgt, bei manchen könnte es im Test jedoch eng werden. Wackelkandidaten gibt es in Griechenland, Spanien, Portugal. Größtes Sorgenkind unter den 23 deutschen Instituten im Test ist die HSH Nordbank.

  • X wie x-Mal

    Stresstests gehören seit Jahren zum Instrumentenkasten von Bankenaufsehern weltweit. Europas Erfahrungen sind durchwachsen. Kenner finden, die USA hätten es 2009 mit ihrem ersten Test besser gemacht: Sie zwangen 10 von 19 Häuser, ihre Kapitaldecke zu stärken.

  • Y wie Yellow

    Die EZB entwickelte ein Ampelsystem für die Rückmeldung an die Banken über die Güte der gemeldeten Daten. Gelb (englisch: „yellow“ - bei Ampeln streng genommen und so auch in der EZB-Terminologie: „amber“) signalisierte Klärungsbedarf.

  • Z wie Zeitplan

    Gerade mal etwa ein Jahr hatte die EZB, um die neue Mammutbehörde für die Bankenaufsicht mit etwa 1000 Mitarbeitern aufzubauen. Parallel lief die aufwendigste Überprüfung, der sich die Banken im Euroraum bislang stellen mussten.

Warten auf Entspannung

Waren die Tests aus Sicht der Banken dagegen überflüssig und unglaubwürdig, dürfte sich an der bisherigen Situation kaum etwas ändern. Die Institute horten ihr Geld lieber bei sich, Kredite an andere Banken werden kaum vergeben. Geliehen wird das Kapital lieber direkt bei der Zentralbank, nur um es dann dort wieder sicher zu parken.

War der Test so erfolgreich, wie Constancio meint, sollte sich also der Geldmarkt in den kommenden Wochen und Monaten sichtbar entspannen. Noch liegt der Eonia, also der Zins, zu dem sich Banken am Geldmarkt kurzfristig Geld leihen, mit 0,018 Prozent auf einem extrem niedrigen Niveau. Zum Vergleich: Anfang des Jahres lag er zeitweise noch bei 0,3 Prozent. Immerhin sind die Zinsen derzeit nicht mehr negativ. Im August kam der Markt so stark zum Erliegen, dass die Zinsen erstmalig ins negative rutschten. Auch der Euribor, ein Referenzzins für Euro-Anlagen mit maximal einjähriger Laufzeit, liegt seit langem im historisch niedrigen Bereich.

Stresstest der EZB Gütesiegel für Europas Banken

Europas Banken sind gerüstet, falls es zu einer neuen Finanzkrise kommen sollte. Von 130 Banken bestehen nur 25 den EZB-Stresstest nicht. Kapitallücken haben die Banken in den südlichen Euro-Krisenländern.

Quelle: dpa/Montage

Wie sehr das Euro-Bankensystem auf mehr Vertrauen angewiesen ist, zeigt die Kreditvergabe. Diese ist im September abermals gesunken. Insgesamt vergaben die Finanzhäuser 1,2 Prozent weniger Darlehen an Unternehmen und private Haushalte als im Vorjahresmonat, wie die EZB am Montag.

Ob es tatsächlich zu einer Entspannung am Geldmarkt und bei der Kreditvergabe kommt, wird sich also erst in den kommenden Monaten zeigen. Kritiker sind allerdings skeptisch. "Der Stresstest alleine wird die Kreditklemme für kleine und mittlere Unternehmen in Südeuropa nicht lösen", kommentierte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, die Ergebnisse. Noch deutlicher wird Erik Nielsen, der Chefvolkswirt der italienischen Großbank Unicredit. "Es gibt zu viele Entscheidungsträger die glauben, dass allein die Veröffentlichung des Asset Quality Reviews und der Stresstests für eine Erhöhung der Kreditvergabe der Banken an den privaten Sektor sorgen wird, der dann irgendwie die Erholung auslösen wird. Aber das ist extrem unwahrscheinlich", sagt Nielsen.

Börsentief in Italien

Im Gegensatz zum Geldmarkt zeigt der Aktienmarkt die Folgen des Stresstests sofort. Der Dax quittierte das Bestehen der deutschen Geldinstitute zunächst mit steigenden Kursen, der Index kletterte über die Marke von 9000 Punkten. Lange hielt die Euphorie allerdings nicht, der erneut gesunkene ifo-Index drückte das Kursbarometer zurück ins Minus. Immerhin führten die Papiere der Commerzbank die Liste der Dax-Gewinner an, zwischenzeitlich verzeichnete die Aktie Kurszuwächse von über neun Prozent. Die Erleichterung der Börsianer hielt allerdings nicht an, am Mittag lag die Aktie nur noch rund 1,7 Prozent im Plus.

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Dramatischer waren die Folgen des Stresstest an der Mailänder Börse. Vor allem die Traditionsbank Monte dei Paschi hatte im Stresstest großen Verbesserungsbedarf offenbart. Die Bank muss mehr als zwei Milliarden zusätzliches Kapital beschaffen, um die Vorgaben der EZB zu erfüllen. Anleger verloren das Vertrauen in die Bank, zunächst gingen die Aktien auf Talfahrt - um rund 15 Prozent brachen die Aktien am Montagmorgen ein. Nach nur fünf Minuten wurde der Handel ausgesetzt. Offenbar glauben Börsianer nicht daran, dass die Bank ihre Kapitallücke rechtzeitig schließen kann.

Möglichkeiten dafür hat die Traditionsbank mehrere. Neben einer Kapitalerhöhung könnte das Institut sich mit einer anderen, gesünderen Bank zusammenschließen, oder zumindest Teile der Bank verkaufen. Die Bank war vor allem in der Finanzkrise 2008 und durch riskante Spekulationen mit Derivaten in Geldnot geraten.

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