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kolumne Denkfabrik: Die Euro-Zone muss verkleinert werden

Kolumne von Hans-Werner Sinn

Die Forderung des Internationalen Währungsfonds nach einem weiteren Schuldenerlass für Griechenland ist absurd. Die Politik muss endlich einsehen, dass der Euro mit den jetzigen Mitgliedstaaten nicht überleben kann – und die Euro-Zone auf einen Kern funktionsfähiger Länder reduziert werden muss.

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versicherte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juli 2010, dass die Rettungsschirme nicht von Dauer sein werden. Inzwischen ist klar: Der Euro-Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.

Bild: dpa

Erinnern Sie sich noch an den Mai 2010? Damals lagen die griechischen Staatsschuldentitel mit einem Volumen von 310 Milliarden Euro vor allem in den Portfolios privater Anleger. Und es hieß, unter keinen Umständen könne man die Investoren an einer Umschuldung beteiligen, weil dann die Weltwirtschaft zusammenbreche. So kam es zu den bekannten riesigen Rettungspaketen für Griechenland im Umfang von insgesamt 246 Milliarden Euro, von denen bis jetzt 149 Milliarden Euro abgeflossen sind. Weil das nicht reichte, fand im März 2012 dann doch ein Haircut statt, bei dem Griechenland rund 107 Milliarden Euro an Schulden erlassen wurde. Es war einer der größten Schuldenschnitte der Geschichte.

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Viel genutzt hat es nicht. Jedwede halbwegs seriöse Schuldentragfähigkeitsanalyse muss zu dem Schluss kommen, dass Griechenland seine Restschulden von zuletzt 280 Milliarden Euro, mithin 132 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), nicht tragen kann. Diese Botschaft dürfte auch der im Herbst anstehende Bericht der Troika, also des Internationalen Währungsfonds (IWF), der EU und der Europäischen Zentralbank, enthalten.

Die logische Konsequenz lautet: Die nächste Tranche der bewilligten Kreditmittel, die Griechenland (beziehungsweise seinen Gläubigern) 33 Milliarden Euro bringen würde, darf nicht ausgezahlt werden. Es sei denn, die Parlamente der Euro-Zone verzichten auf ihre Auflagen – was angesichts der wachsenden Widerstände gerade im Deutschen Bundestag unwahrscheinlich ist.

Wozu Griechenland sich verpflichtet hat

  • Schuldenabbau

    Griechenland verpflichtet sich, seine Staatsverschuldung bis 2020 auf einen Stand von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung bringen. Erlaubt sind eigentlich nur 60 Prozent.

  • Einsparungen

    Vereinbart sind Einsparungen in den nächsten beiden Jahren in Höhe von 5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. „Der Großteil wird erreicht durch Einschnitte bei den Staatsausgaben, die die Größe des Staates reduzieren und seine Effizienz verbessern“, heißt es im Text.

  • Renten

    Athen hat sich zu einer radikalen Reform des Rentensystems verpflichtet. Bis Ende September 2012 sollen die Renten „angepasst“ werden, wobei Bezieher geringer Renten geschützt werden.

  • Öffentlicher Sektor

    Athen muss die Beschäftigung im öffentlichen Sektor bis Ende 2015 um 150.000 Stellen reduzieren.

  • Steuern

    Griechenland vereinfacht sein Steuersystem und hebt Steuerbefreiungen auf - um seine Einnahmen zu steigern. Der Kampf gegen Steuerbetrug wird verschärft.

  • Arbeitsmarkt

    Die Mindestlöhne werden um 22 Prozent gegenüber dem am 1. Januar 2012 geltenden Niveau gesenkt. Regelungen über automatische Lohnzuwächse werden ausgesetzt.

  • Liberalisierung

    Der griechische Staat soll konkurrenzgeschützte Berufe wie etwa Apotheker, Buchhalter oder Makler liberalisieren. In überteuerten Wirtschaftsbereichen muss ausländische Konkurrenz zugelassen werden.

  • Verkehr

    Angegangen werden Fusionen und Privatisierungen - etwa regionaler Flughäfen. Auf dem Strommarkt sollen Netze und Versorgung getrennt werden.

  • Kontrolle

    Die Umsetzung der Reformen überwacht die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF), die vierteljährliche Berichte erstellt.

  • Derzeitige Lage

    Griechenland liegt in der Verwirklichung fast aller Auflagen zurück. Das liegt an der starken Rezession, aber auch am kompletten politischen Stillstand während des Wahlkampfs.

  • Athens Ziel

    Das „strategische“ Ziel Athens sind Neuverhandlungen, um die Sparmaßnahmen um zwei Jahre zu strecken. Die Rückzahlung der gewährten Hilfen soll erst 2017 beginnen. Der neue Premier Antonis Samaras will beim EU-Gipfel Ende Juni in Brüssel mit den EU-Staats- und Regierungschefs darüber reden.

  • Klausel

    In dem Memorandum ist ausdrücklich vorgesehen, die Verpflichtungen Griechenlands zeitlich zu strecken, falls die Wirtschaftskrise sich verschärft. Athen kann laut Text die EU, die EZB und den IWF „konsultieren“, falls die Rezession schlimmer als erwartet ausfallen sollte.

  • Aussicht auf Erfolg

    Bei den Geldgebern ist die Bereitschaft erkennbar, der neuen Regierung mehr Zeit für die Verwirklichung des Reform- und Sparprogramms und die Rückzahlung der Kredite zu lassen. Die Euro-Staaten pochen laut Diplomaten aber darauf, dass Athen seine Schulden langfristig abbaut und strukturelle Reformen umsetzt.

So gibt es nur noch eine Chance, mithilfe der üblichen Berechnungen zur Schuldentragfähigkeit zu einem positiven Urteil für Griechenland zu kommen: Die Schulden müssen runter, bevor der Troika-Bericht abgeschlossen wird. Nur so lässt sich erklären, dass der IWF nun einen Teilerlass der Forderungen der Staatengemeinschaft gegenüber Griechenland vorschlägt. Die Idee des Währungsfonds: Verzichten die Staaten auf 30 Prozent ihrer Forderungen aus den Hilfspaketen gegen den griechischen Staat – also auf knapp 45 Milliarden Euro, was für Deutschland einen Verlust von 14,5 Milliarden Euro bedeuten würde –, ließe sich die Schuldenquote bis 2020 auf 100 Prozent senken. Dann sei der Weg frei, Griechenland neues Geld zu leihen.

Griechenland Kollabiert Griechenland noch in diesem Jahr?

Der IWF und die Bundesregierung sind offenbar nicht bereit, Griechenland mit zusätzlichen Milliardenkrediten zu helfen. Was bedeutet das für Athen und die Euro-Zone? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Griechenland: Kollabiert Griechenland noch in diesem Jahr?

Was für eine Idee. Die Schulden sind zu hoch für den Schuldendienst, also muss man alte Schulden erlassen, damit wieder neue gemacht werden können? Dieser abenteuerlichen Logik sollte sich die Staatengemeinschaft nicht beugen. Griechenland ist mit oder ohne Schuldentragfähigkeitsanalyse nicht mehr zahlungsfähig, und das wissen alle Beteiligten. Der Haken (oder besser: Trick) bei vielen Analysen ist , dass sie stets ein Wachstum der Volkswirtschaften annehmen. Wächst ein Land, kann es sich Defizite leisten, weil die Wirtschaft den Schulden davon wächst.

Airbus A340

Der Verkauf von vier Flugzeugen des Typs Airbus A340 neues Geld in die leere griechische Staatskasse spülen. Griechenlands Premierminister Samaras erwartet, dass die Flieger der früheren Staatsairline Olympic Airways für jeweils 32,9 Millionen Euro veräußert werden können.

Bild: REUTERS

Aber Griechenland muss nicht wachsen, sondern schrumpfen, um seine überzogenen Importe zurückzufahren und Leistungsbilanzüberschüsse zu erwirtschaften. Ohne Überschüsse wird es nie eine Schuldentilgung geben. Die Tragfähigkeitsanalysen des IWF stimmen insofern bei Griechenland hinten und vorne nicht.

Ein Land, das nicht mehr wächst, kann seine Schulden nur tragen, wenn es Überschüsse erzielt. Diese Überschüsse erwirtschaftet es erst nach einer Schrumpfung, die wiederum erst dann einsetzt, wenn die Kredite nicht mehr fließen. Das ist die bittere Wahrheit. Wer über seine Verhältnisse lebt, kann seine Schulden, wenn überhaupt, nur dann wieder tragen, wenn er seinen Lebensstandard reduziert.

Teuer, aber machbar - Euro ohne Griechenland

  • Der Zusammenbruch

    Sollte Griechenland nicht bald zu einer stabilen politischen Ordnung zurückfinden, wäre eine Pleite des Staates spätestens im Sommer wohl unausweichlich. In einem solchen Fall würde wohl auch die EZB griechische Banken gemäß ihren Statuten nicht mehr als Geschäftspartner bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit dem Banksektor akzeptieren können. Sie wären also nicht mehr refinanzierungsfähig und dürften auf den Bankrott zusteuern. Dies wäre das Ende eines griechischen Finanzsektors in der Euro-Zone - der Euro als gesetzliches Zahlungsmittel wäre dann nicht mehr zu halten.

  • Der Übergang

    Am Beginn eines Übergangs müssten alleine schon wegen der nötigen technischen Umstellung von Millionen Konten, aber auch um eine Panik und lange Schlangen vor den Banken zu verhindern, die Institute des Landes für einige Tage - vermutlich gut eine Woche - geschlossen bleiben. Parallel würde der gesamte Kapitalverkehr mit dem Ausland für diesen Zeitraum zum Erliegen kommen. In dem Zeitfenster könnte dann die Währungsreform vorbereitet werden - ein banktechnisch und politisch komplizierter Prozess. Unter anderem müssten zahlreiche neue Gesetze erlassen werden. Die Hüter der neuen Währung, also die Notenbanker in Athen, müssten unter anderem eine neue Mindestreservequote und einen neuen Leitzins für ihre Banken beschließen. Zudem müssten sie Vorbereitungen für den so gut wie sicheren Fall treffen, dass die neue griechische Währung am Devisenmarkt massiv abwertet.

  • Die neue Währung

    Wahrscheinlich würde in Griechenland eine neue Währung in zwei Stufen eingeführt. Während sie auf Konten als Buchgeld mehr oder weniger per Knopfdruck umgestellt werden könnte, bräuchte die Bargeldeinführung mehr Zeit - schließlich müssten Münzen geprägt und Geldscheine gedruckt werden. Anschließend müsste das Geld im Land verteilt werden - eine logistische Herkulesaufgabe. In dieser Phase könnte der Euro weiterhin als Tauschmittel für den Alltag fungieren. Hier gibt es eine Art Vorbild: Das Balkanland Montenegro verwendet den Euro bereits einseitig als Zahlungsmittel im Bargeldverkehr, ohne dass es offiziell Mitglied der Euro-Zone ist.

  • Der Scherbenhaufen

    Nach der Währungsreform käme innerhalb des europäischen Systems der Zentralbanken das große Aufräumen. Hier rückt das Großbezahlsystem der Notenbanken, Target II, ins Zentrum. Die Zentralbank in Athen hat innerhalb des Systems Verbindlichkeiten gegenüber der EZB in Höhe von rund 100 Milliarden Euro. Hinzu kämen Forderungen der Euro-Notenbanken aus dem umstrittenen Kauf griechischer Staatsanleihen seit Mai 2010 - geschätzt zwischen 40 und 50 Milliarden Euro. Rechnet man diese Posten zusammen steht Athen alleine beim Eurosystem aus EZB, Bundesbank & Co. mit bis zu 150 Milliarden Euro in der Kreide. Auf die Bundesbank entfielen nach dem Kapitalschlüssel der EZB etwas mehr als ein Viertel, also etwa 40 Milliarden Euro. Möglich wäre nun, dass die Griechen das Geld über einen langen Zeitraum, eventuell viele Jahrzehnte, abzahlen. Auch eine Lastenteilung zwischen der Zentralbank in Athen, der EZB und den verbleibenden 16 Euro-Notenbanken ist denkbar. Im schlimmsten Fall, also wenn Griechenland nicht zahlen will oder kann, müsste die Bundesbank Abschreibungen vornehmen und/oder ihre Risikovorsorge erhöhen. Bundesbankgewinne und damit eine jährliche Entlastung des Bundeshaushalts wären dann für lange Zeit Geschichte. Dass diese Belastung der Bundesbank deutlich höher ausfiele als ihr derzeitiges Eigenkapital von fünf Milliarden Euro wäre kein Problem, da Notenbanken im Gegensatz zu normalen Instituten auch mit negativen Eigenkapital operieren können. Die Bundesbank selbst hat dies etwa in den 1970er-Jahren einige Jahre selbst praktiziert.

Mit Schuldentragfähigkeitsanalysen ist schon genug Schindluder getrieben worden. Aus ihnen nun die Notwendigkeit eines erneuten Schuldenschnitts in Griechenland herzuleiten ist geradezu grotesk.

Griechenlands Problem ist und bleibt, dass es zu teuer ist. Das Land hat die Löhne seiner Staatsbediensteten nach Ausbruch der Finanzkrise noch schnell um fast 30 Prozent erhöht, bevor die Regierung anschließend gewisse Korrekturen vornahm. Trotzdem waren seine Löhne zuletzt nach aktueller Datenlage immer noch höher als zu Beginn der Krise.

Griechenlands Preise sind in der Krise zudem um fünf Prozent stärker gewachsen als die Preise der Wettbewerber im Euro-Raum. Es gibt noch keine Anzeichen für die nötige reale Abwertung, die nach Kaufkraftanalysen der OECD 39 Prozent betragen müsste, allein um auf das türkische Preisniveau zu kommen.

Was also ist zu tun? Die noch halbwegs soliden Länder der Euro-Zone dürfen sich den Buchungstricks der Finanzakrobaten nicht mehr unterordnen, sondern sollten den gesunden Menschenverstand einsetzen. Der Euro ist mit den jetzigen Mitgliedstaaten nicht überlebensfähig. Er muss auf einen Kern funktionsfähiger Länder reduziert werden, während die anderen Staaten wieder eigene Währungen benötigen, um abwerten und wettbewerbsfähiger werden zu können.

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Die Politik darf die notwendigen Entscheidungen, so schwer sie auch sind, nicht mehr auf die lange Bank schieben.

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17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.08.2012, 14:26 Uhrgeronimo

    So ist es Herr Professor,sie verlieren ihren Scharfsinn.Ein Ein Vereinigtes Staaten bündniss,von Europa wird,und kann es überhaupt nicht geben.Nach wievor ist nur eine WIRTSCHAFTS Gemeischafft sinvoll,und von Beiden wirklich Großen Staatsmänner so gewollt und nichts anderes!!

  • 22.08.2012, 12:00 UhrPequod

    Was sollen die langen Debatten? Was mit diesen abenteuerlichen
    Schuldenstreckungen der ''EU'' veranstaltet wird ist nichts weiter
    als eine Beihilfe zur Insolvenzverschleppung und ein Fall für
    die Staatsanwaltschaft, auch wenn Griechenland nicht dem HGB
    unterworfen ist, so kann niemand erzählen, daß es in Griechen-
    land kein Handelsrecht geben würde, oder es auf europäischer
    Ebene keine Möglichkeiten bestünde gegen diese eklatanten
    Rechtsbrüche im Insolvenzrecht vorzugehen, oder hat man sich
    dazu entschlossen ein Gauner gegen Gauner Spiel zu veranstal-
    ten? Wenn das der Fall ist, dann ist wohl alles zu spät!!

  • 21.08.2012, 11:31 UhrGnomon

    Die Politik wird es wohl soweit nicht kommen lassen. Ich kann mir gut vorstellen, dass man das Eurokrisensüppchen bis nach der Wahl 2013 köcheln lassen wird. Aus Sicht der Union ist doch ein davor liegendes Ausscheiden Griechenlands wenig wünschenswert, offenbart es doch die Nutzlosigkeit der 2 jährigen "Rettungsstrategie" und gibt der Opposition Munition im Wahlkampf. Den Ballon kann man dann noch im winter 2013/2014 platzen lassen.

    Mich würde interessieren, welche Kräfte innerhalb des IWF auf eine Griechenlandrettung drängen. Ist es die von französischen Interessen getriebene Lagarde oder sind es an der Eurokrise interessierte Amerikaner?

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