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exklusivDenkfabrik: "Regierung wird Widerstand gegen Euro-Bonds aufgeben"

von Hans-Werner Sinn

Die gefährlichen Target-Salden im Euro-System lassen sich durch den Ankauf von Staatsanleihen durch die Bundesbank oder den Rettungsschirm ESM reduzieren. Die Krise wird dadurch aber nicht behoben. Auf kurz oder lang dürfte die Bundesregierung ihren Widerstand gegen Euro-Bonds aufgeben.

Klage gegen den Euro I

Schon im Gründungsvertrag der Europäischen Union, der am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet wurde, war klar: Wichtige Währungsfragen sollen künftig gemeinsam entschieden werden. Die Wirtschafts- und Währungsunion war beschlossen, der Grundstein für den Euro gelegt. Der deutsche Bundestag ratifizierte den EU-Vertrag im Dezember 1992.

Kurz darauf wurde zudem die „Entwicklung der Europäischen Union“ in der Verfassung festgeschrieben. Gegen diese Kompetenzverlagerung klagten zahlreiche Deutsche vor dem Bundesverfassungsgericht - vom Grünen Hans-Christian Ströbele bis zum nationalliberalen Manfred Brunner (später Vorsitzender der Kleinpartei „Bund Freier Buerger - Die Freiheitlichen“; das Bild zeigt ihn bei einer Demonstration für eine Volksabstimmung über die Einführung des Euros).

Bild: dapd

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Früher war dieser sperrige Begriff selbst vielen wirtschaftlich Interessierten unbekannt. Doch im Zuge der Euro-Krise sind die Target-Salden zu einem öffentlich diskutierten Streitpunkt geworden. Es geht um überbordende Geldüberweisungen vom Süden in den Norden der Euro-Zone. Diese entstehen dadurch, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken des Südens und ihren Kunden ermöglicht, sich unter Verwendung immer schlechterer Sicherheiten immer mehr Geld von ihren Notenbanken zu leihen – um damit im Norden Güter zu kaufen, Schulden zu tilgen und Investitionen zu tätigen.

Warum ist das ein Problem? Aus Sicht der nordeuropäischen Banken sind die stark gestiegenen Target-Salden dadurch zustande gekommen, dass sie sich gegenüber den billigen Konkurrenzangeboten aus der Druckerpresse, die die Notenbanken des Südens ihrer Wirtschaft machten, geschlagen geben mussten – und das Geld der Sparer lieber den eigenen Notenbanken anboten. So haben allein die deutschen Geschäftsbanken um die 700 Milliarden Euro zur Bundesbank getragen, das ist genauso viel, wie die Bundesbank den anderen Notenbanken an Kredit gab. Statt marktfähiger, gut verzinster Forderungen erhielt Deutschland für seine Exportüberschüsse damit bloß noch Target-Forderungen: Forderungen, die sich in Luft auflösen, sollte der Euro zerbrechen, und durch die Inflation auch dann verdampfen, wenn die Dinge weiterlaufen wie bisher. Selbst wenn der Crash ausbleibt, macht die EZB-Politik den Sparern, ihren Banken sowie den Lebensversicherern die Zinsen kaputt.

Die Target-Salden sind nicht nur Symptom und Fieberthermometer der Krise, sondern ganz konkret ein Maß für den öffentlichen Kredit, der über das EZB- System an die Südländer geflossen ist. Zusammen mit den Staatspapierkäufen der EZB liegt dieser Kredit beim Vierfachen aller bislang vergebenen Rettungskredite, die die nationalen Parlamente, die EU-Kommission und der Internationale Währungsfonds (IWF) beschlossen haben. Hätten wir bei uns ein System wie in den USA, müssten die Target-Schuldner ihre Verbindlichkeiten gegenüber der Notenbank durch die Übergabe von hochverzinslichen Wertpapieren tilgen. Und befänden wir uns noch im Bretton-Woods-System, also dem Festkurssystem, das die Länder des Westens bis 1973 verband, würden die deutschen Target-Salden wie damals sogar mit Gold getilgt.

Es liegt in der Logik der Target-Falle, in die Deutschland geraten ist, dass Deutschland eigentlich froh sein muss, wenn die Bundesbank ihre Target-Kredite durch Staatspapierkäufe ersetzen kann. Denn diese hochumstrittenen Käufe lassen die Staatspapiere aus den südlichen Ländern wieder in die nördlichen Staaten wandern und transportieren somit Geld in den Süden. Dadurch fallen die Target-Salden wieder. Der Target-Kredit wird durch einen offenen Kredit der Notenbanken ersetzt und die Buchforderung der Bundesbank in einen fungiblen Vermögenstitel umgetauscht, der im Gegensatz zur Target-Forderung auch im Falle des Zusammenbruchs des Euro-Systems seinen Wert behält. Ich wette, dass genau dies das Argument war, mit dem Mario Draghi die Bundesregierung hat überzeugen können, die Staatspapierkäufe durch die Mitgliedsnotenbanken des Euro-Systems zu tolerieren – jene Aktion, gegen die sich der deutsche Bundesbank-Präsident Jens Weidmann vergeblich gestemmt hatte.

Sogar noch besser als Staatspapierkäufe durch die EZB ist aus deutscher Sicht ein Staatspapiererwerb durch den dauerhaften Stabilitätsmechanismus ESM, der jüngst nach einer langen Hängepartie vor dem Bundesverfassungsgericht in Kraft getreten ist. Im Gegensatz zum EZB-Rat ist die Bundesrepublik im Gouverneursrat des ESM nämlich mit einem Stimmgewicht vertreten, das ihrem Haftungsanteil von 27 Prozent entspricht. Dort kann sie mithin nicht wie Jens Weidmann im EZB-Rat überstimmt werden. Dieser Sachverhalt hat den Bundestag bei den Beratungen zum ESM-Vertrag maßgeblich bewegt, dem Vertrag zuzustimmen.

Nach Lage der Dinge muss man jedoch davon ausgehen, dass der politische Rettungsaktionismus beim ESM nicht haltmacht. Irgendwann wird trotz Hebelung die Kapazität des neuen Rettungsschirms erschöpft sein. Dann müssen weitere Milliarden her. Da das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil die Bankenlizenz für den ESM kassiert hat, müsste die Bundesregierung erneut an das Parlament herantreten. Dem damit verbundenen Ärger dürfte sie auszuweichen versuchen, indem sie ihren Widerstand gegen Euro-Bonds aufgibt. Kommen nämlich die Gemeinschaftsanleihen, wäre erst einmal Ruhe – bis sich zeigt, dass die niedrigen Zinsen abermals von Schuldenländern ausgenutzt werden, der Reformeifer erlahmt und sich fehlende Wettbewerbsfähigkeit verfestigt.

Die Target-Kredite haben eine öffentliche Kreditlawine nach Südeuropa in Gang gesetzt, die sich politisch nicht mehr stoppen lässt. Es sei denn, man bekämpft das Problem an der Wurzel – bei der EZB selbst.

17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.10.2012, 12:31 UhrWalter

    Die Auffassung, dass ein "Verlust" der Target Salden kein ernsthaftes ökonomisches Problem sei, ist fehlerhaft.

    Im volkswirtschaftlichen Sinne bleibt ein Teil der Exporte in chronische Schuldenländer unbezahlt. Dieser unbezahlte Anteil, der sich in den Targetsalden niederspiegelt, führt dazu, dass zur Rekapitalisierung der Bundesbank neues Geld "gedruckt" werden muss und damit mindestens die Geldwertstabilität massiv untergraben wird. Auch findet eine soziale Umverteilung vom deutschen Sparer (und Lebensversicherungskunden), der wegen der geringen Anlagezinsen einen Verlust von jährlich einigen % seiner Anlage hinnehmen muss, in Richtigung Schuldenländer statt.

    Diese Transferleistungen verhindern angemessene und zügige Reformen in den Schuldenländern.

    Sie werden teilweise auch zu sozialen Kürzungen in den Geberländern (bei uns aber erst nach der nächsten BTW) führen, obwohl soziale Kürzungen ggf. in den Nehmerländern dringend erforderlich sein dürften.

  • 21.10.2012, 15:35 UhrSteigenberger

    Statt Eurobond besser der "Altschuldentilgungsfonds bis 60%"!

    Merkel hat durch ihre Bankenhörigkeit u. das Versäumnis eine Nordallianz

    mit anderen Geberländern der Eurozone zu gründen schon viele Gestaltungs

    möglichkeiten aus der Hand gegeben.

    Es zeichnet sich jetzt schon die Ausschöpfung des ESM ab, ein Gross-

    teil der Altstaatsschulden ( auch Deutschlands !) könnte über den

    Schuldentilgungsfonds bis 60% Altstaatsschulden geregelt werden, eigent-

    lich ein neutrales Mittel, denn Deutschland hat auch schon 85% Staats-

    schulden, die Verlierer sind die Länder mit über 100 % Staatsschulden:

    Belgien, Griechenland u. Italien !

    Damit könnte sich Deutschland für aktuelle Kreditaufnahmen seinen "Niedrig-Zins" sichern, was Wettbewerbsvorteile mit sich bringt.

    Zunächst müsste Merkel aber Schäuble ersetzen u. sich unabhängigen

    Sachverstand ins Haus holen; Geburtstagsfeiern für Ackermänner waren
    der total falsche Weg Angie !!

  • 21.10.2012, 13:38 UhrDieterStaas

    Dieser Beitrag von Herrn Sinn klingt schon nicht mehr so dramatisch, wie noch die Werbartikel zu seinem Buch. Deutschland wird deshalb also nicht untergehen. Target-Salden sind eben nur Salden und keine Schulden, wie Herr Sinn das gerne darstellen möchte. Sie zeigen Ungleichgewichte an, die sich durch den Ankauf von "südlichen" Staatspapieren sehr leicht ausgleichen lassen. Das Un-Sinnige am Sinn'schen Ansatz besteht in der Gleichsetzung von normalen Bankkrediten mit Zentralbankkrediten. Wenn ein Bankkredit von 1000 Euro getilgt wird, dann hat die Bank anschließend auch 1000 Euro. Wenn ein Zentralbankkredit getilgt wird, dann hat die Zentralbank anschließend nichts. Es hat sich nur die umlaufende Geldmenge vermindert, sowie ein Zentralbankkredit die umlaufende Geldmenge ausweitet. letzteres ist aber in der momentanen Krise gewollt. Die Geldmenge soll ausgeweitet werden, um einen Absturz der Wirtschaft zu verhindern (wie alles so kam und warum und was noch kommt).

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