Denkfabrik: Wie die EZB deutsche Sparer illusioniert

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Denkfabrik: Wie die EZB deutsche Sparer illusioniert

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Der niedrige Leitzins macht sich vor allem bei Sparern bemerkbar

von Hans-Werner Sinn

Die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank treibt Aktienkurse und Immobilienpreise in die Höhe. Wie Sparer sich reicher fühlen, in Wahrheit aber ärmer werden.

Mit ihrer ultralockeren Geldpolitik hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Kapitalmärkte in Euphorie versetzt. Aktienkurse und Immobilienpreise steigen in schwindelerregende Höhen. Es scheint, dass in der Alchemieküche der EZB die Formel für die Erzeugung von Reichtum aus dem Nichts gefunden wurde.

Lösen sich damit auch die Sorgen der Sparer um ihr Alterseinkommen in Luft auf? Leider kann davon nicht die Rede sein. Wer nur auf die aktuellen Vermögenswerte schaut, unterliegt einer durch die Nullzinspolitik der EZB herbeigeführten Bewertungsillusion. In Wahrheit hat die Politik der Notenbank die Sparer und Vermögensbesitzer, die sich für ihr Alter absichern wollen, nicht reicher, sondern ärmer gemacht – weil sie ihnen die Zinsen auf ihr Erspartes nimmt.

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Zur Person

  • Hans-Werner Sinn

    Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Nur eine Illusion

Den Effekt kann man an einem Beispiel leicht klarmachen. Man stelle sich vor, in einer Volkswirtschaft gäbe es eine feste Zahl von Häusern und Aktien, die für ihre Eigentümer jeweils pro Jahr 50 Milliarden Euro an Mieten und Dividenden bringen und in einem gedanklichen Ausgangsszenarium einen Marktwert von je einer Billion Euro haben.

Außerdem gebe es ein Finanzvermögen von einer Billion Euro, das jährlich zu einem Zinssatz von fünf Prozent ans Ausland verliehen wird, also ebenfalls 50 Milliarden Euro an jährlichen Erträgen erzeugt. Das Gesamtvermögen in dieser Volkswirtschaft beträgt drei Billionen Euro. Den Vermögensbesitzern steht ein Geldzufluss von jährlich 150 Milliarden Euro zur Verfügung, der annahmegemäß in den Konsum fließt.

Nun falle der Zins bei unverändertem Strom der Dividenden und Mieteinnahmen für eine gewisse Zahl von Jahren auf null. Der für Konsum verfügbare Geldfluss fällt dann von 150 Milliarden auf 100 Milliarden Euro. Die Zinssenkung hat zur Folge, dass die Vermögensbesitzer einen Teil ihres Geldvermögens in Häuser und Aktien umwandeln wollen, weil dort höhere Renditen winken. Aber das gelingt ihnen in der Summe nicht, weil nicht mehr Immobilien und Aktien am Markt sind.

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

  • Hans-Werner Sinn, ifo Institut

    "Die EZB sollte keine Staatspapiere kaufen, denn dann würde sie die Zinsen der Wackelstaaten weiter drücken und sie anregen, sich noch mehr zu verschulden. Der Kauf wird von Artikel 123 des EU-Vertrages zu Recht verboten, weil er einer verbotenen Monetisierung der Staatsschulden gleichkommt. Man sollte auch bedenken, dass selbst die US-Notenbank Fed keine Staatspapiere von Gliedstaaten kauft. Kalifornien, Illinois oder Minnesota stehen am Rande der Pleite, und doch hilft die Fed ihnen nicht mit Krediten. Es ist schlichtweg unakzeptabel, dass die EZB meilenweit über die Fed hinausgeht, obwohl Europa den gemeinsamen Bundesstaat noch gar nicht gegründet hat. Die EZB-Politik treibt die Staaten Europas in Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse und wird längerfristig nichts als Streit und Spannungen erzeugen."

  • Marcel Fratzscher, DIW

    "Die EZB verfehlt ihr Mandat der Preisstabilität und ist dabei, ihr wichtigstes Gut zu verlieren: ihre Glaubwürdigkeit. In letzter Instanz ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ein notwendiges Übel, um ihrem Mandat gerecht zu werden. Je zögerlicher die EZB handelt, desto weniger effektiv ihre Geldpolitik und desto höher die Risiken."

  • Michael Heise, Allianz Group

    "Ich sehe derzeit keine Deflationsgefahren, die Staatsanleihekäufe rechtfertigen könnten. Ohne die notwendigen Anpassungsprozesse in den Peripherieländern und dem ökonomisch vorteilhaften Ölpreisrückgang läge die aktuelle Inflationsrate in etwa um einen Prozentpunkt höher, als es derzeit der Fall ist. Die Jagd nach Rendite und die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten würden weiter erhöht, der Anreiz, fürs Alter langfristig zu sparen, würde weiter vermindert."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Seit Anfang 2009 ist der Zuwachs der Geldmenge M3 mit durchschnittlich 1,7 Prozent weit hinter dem Referenzwert von 4,5 Prozent zurückgeblieben, den einst EZB und Bundesbank für sinnvoll hielten. Entsprechend schwächelt die Konjunktur, während der Preisauftrieb auch ohne Öl gefährlich nah an die Deflation herankommt. In dieser Lage muss die EZB mit einer Offenmarktpolitik gegenhalten, also mit dem Kauf von Anleihen auf dem offenen Markt, der auch Staatsanleihen umfassen sollte."

  • Volker Wieland, Sachverständigenrat

    "Es ist nicht notwendig, nun auch noch mit breit angelegten Staatsanleihekäufen auf den Ölpreisverfall zu reagieren. Die EZB sollte nicht nur auf Deflationsrisiken schauen, sondern auch berücksichtigen, dass sie als Käufer von Staatsanleihen den Regierungen zusätzlichen Anreiz gäbe, notwendige Strukturreformen aufzuschieben."

Die Vermögensbesitzer treiben durch ihren Wunsch nur die Preise dieser Vermögensobjekte hoch – und zwar so hoch, bis sie schließlich von ihrem Kaufwunsch wieder Abstand nehmen. Nehmen wir einmal an, das sei bei einer Verdoppelung der Preise der Fall. Das Vermögen der Volkswirtschaft steigt in diesem Fall von drei auf fünf Billionen Euro, denn die Aktien und Häuser sind dann jeweils zwei Billionen Euro wert, und das Barvermögen beträgt nach wie vor eine Billion Euro. Die Sparer fühlen sich reicher, obwohl sie in Wahrheit ärmer geworden sind.

Die Erklärung für dieses Bewertungsparadoxon liegt darin, dass das Vermögen in Einheiten heute für Konsum verfügbarer Güter ausgedrückt wird. Das ist zwar nicht falsch, aber doch willkürlich und insofern irreführend, als die Sparer im zitierten Beispiel ihr Vermögen gar nicht heute konsumieren wollen. Vielmehr planen sie, von den ihnen laufend zufließenden Zahlungen zu leben. Und die sind nun einmal gefallen, nicht gestiegen.

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