
Viele Spanier haben die Hoffnung verloren. Eine Arbeitslosenquote von fast 25 Prozent, drastische Sparmaßnahmen der Regierung, steigende Lebenskosten, das Spekulieren gegen spanische Staatsanleihen und die Verstaatlichung zweier wichtiger spanischer Unternehmen in Argentinien und Bolivien haben die bekannte Lebensfreude vieler Spanier erheblich beeinträchtigt. Hinzukommt die für viele nicht mehr erträgliche “germanische Kontrolle via Brüssel”. Wolfgang Schäuble wurde jüngst in der Tageszeitung "El País" als 14. Minister des spanischen Regierungschef Mariono Rajoy bezeichnet.
In diesen Tagen fühle ich mich hin und her gerissen. Ich lebe in Spanien, einem Land, das offenbar von allen Seiten attackiert wird. Gleichzeitig komme ich aus Deutschland, einem Land, das man derzeit angeklagt, seine Wirtschaftsmacht, seine Hegemonie und seine Sonderbeziehungen mit Frankreich für eigene Interessen auszunutzen.
In vielen Zeitungen in und außerhalb Europas kommt wieder das Bild vom "hässlichen Deutschen" auf. Da wird wieder von Gaskammern und Holocaust im Zusammenhang mit der "neuen deutschen Führungskraft" gesprochen. Angela Merkel vergleichen sie mit Hitler und stellen gleichzeitig die Spanier mit den Griechen auf eine Stufe - sie werden für ihre Faulheit, Korruption und neureiches Gehabe angeklagt.

Noch relativ freundlich geht das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" mit den Deutschen ins Gericht. Als zögerlichen Herrscher bezeichnet das Magazin Deutschland. Deutlich schärfer blies der Wind dagegen in den letzten Monaten aus Südeuropa...
Bild: Handelsblatt Online.Das griechischen Magazin "Crash" zeigte etwa im Sommer auf dem Titelbild Merkel in einer orangefarbenen Sträflingsuniform, wie man sie von Bildern aus dem Horror-Straflager Guantanamo kennt. Die Kanzlerin blickt wütend drein. Häftling 4339, so die Nummer auf Merkels Overall, trägt Handschellen. "Stellt sie vor Gericht wegen des Völkermordes an den Griechen", lautet die Titelschlagzeile.
Bild: Handelsblatt Online.Auch IWF-Chefin Christine Lagarde, Finanzminister Wolfgang Schäuble, EU-Kommissionschef Jose Manuel Barroso und Ratspräsident Herman Van Rompuy sollen auf die Anklagebank. "Merkel und ihre Freunde glauben nicht an den Wert des menschlichen Lebens und der persönlichen Würde", schreibt Giorgos Trangas, Herausgeber des Magazins. Die Kanzlerin habe Griechenland "in ein modernes KZ" verwandelt, in dem die Griechen "als die neuen Juden wie Aussätzige eingesperrt" seien. "Massenverbrechen" würden gegen die Griechen verübt, "ein wahrer Völkermord" sei im Gang, so das Magazin.
Bild: dpaDas griechische Politikmagazin sorgte bereits im Mai für Aufsehen. Damals zeigte es der Bundeskanzlerin plakativ über die Statue der Venus, was es von der deutschen Politik hält.

Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel ist auch IWF-Chefin Christine Lagarde zum Hassobjekt in Griechenland geworden. Hier werden die beiden Politikerinnen als Krähen dargestellt, die Griechenland bestehlen wollen. Soldaten versuchen, die beiden Frauen mit den Hitler-Bärten abzuwehren.

Immer häufiger sind in griechischen Zeitungen Nazi-Symbole oder Begriffe aus der NS-Zeit zu sehen. Die hellenische Tageszeitung "Demokratie" titelte "Dachau" und "Memorandum macht frei", nachdem das griechische Parlament auf Druck Deutschlands weitere Sparmaßnahmen beschlossen hatte.

Auch in Italien muss sich Merkel des Öfteren Nazi-Vergleiche gefallen lassen. Die konservative italienische Tageszeitung "il Giornale" - die im Besitz von Paolo Berlusconi, dem Bruder des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi ist - sieht eine neue Dominanz Deutschlands in Europa aufziehen. Italien befinde sich nicht mehr in Europa, sondern im "Vierten Reich" - so der Titel der Zeitung. Die Journalisten kritisieren: "Das Nein von Merkel und Deutschland (zum Kauf von Staatsanleihen durch die EZB, Anm. der Red.) zwingt uns und Europa in die Knie." Die Zeitung zieht Parallelen zum Aufstieg Nazi-Deutschland Ende der 1930er-Jahre und kritisiert auch den italienischen Premier Mario Monti, der nicht energisch genug gegen Deutschland eintritt.
Die Bildunterschrift zum Merkel-Foto beginnt mit den Worten "Heil Angela". Auch in anderen Ländern vergreifen sich Kritiker immer häufiger im Ton, etwa in Griechenland.
Bild: dpaAuch in Großbritannien knüpft sich die Presse Bundeskanzlerin Angela Merkel vor. Auf dem Titel des "Economist" ist die Kanzlerin in Denkerpose zusehen. In ihrer Hand: eine Aktenmappe mit einem streng geheimen Ausstiegs-Szenario für den Euro. Außerdem steht eine Tasse Kaffee und eine halbleere Flasche, die ziemlich nach Whisky aussieht, auf ihrem Schreibtisch. Der "Economist" titelt dazu: "Tempted, Angela?" (auf deutsch: "Na, Angela, in Versuchung?")
Bild: dpa"Europas gefährlichste Führungsfigur", nennt das linksliberale britische Polit-Magazin "New Statesman" Angela Merkel in seiner neuesten Ausgabe. Die deutsche Kanzlerin - im Lederdress und als Terminator dargestellt - drohe den Kontinent mit ihrem Sparkurs in eine neue Depression zu führen, so die Kommentatoren. Merkel sei für die Weltordnung und den weltweiten Wohlstand gefährlicher als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad, Israels Premierminister Benjamin Netanjahu und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-Un.
Bild: dpaAuch in Polen genießt die Bundeskanzlerin keinen guten Ruf. In dem Magazin "Najwyzszy Czas!" wurde sie mit Hitler-Bart und in Nazi-Uniform verunglimpft.
Noch relativ freundlich geht das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" mit den Deutschen ins Gericht. Als zögerlichen Herrscher bezeichnet das Magazin Deutschland. Deutlich schärfer blies der Wind dagegen in den letzten Monaten aus Südeuropa...
Mein Herz ist zweigeteilt, weil ich beide Seiten verstehen kann. In allem, was gesagt und geschrieben wird, gibt es ein Körnchen Wahrheit. Dennoch haben beide Länder, Spanien und Deutschland, allen Grund, verärgert zu sein über das Bild, das vom anderen gezeichnet wird und das meist auf Stereotypen reduziert ist.
Es tut auch deswegen weh, weil die aktuelle Disharmonie zwischen beiden Ländern vor allem auf Missverständnissen beruht - vor allem von Seiten Spaniens. Aber auch auf kulturellen Unterschieden und auf einer anderen Wahrnehmung von den gleichen Dingen.
Was die Deutschen über Spanien denken
Image entsteht meist auf der Basis von Stereotypen, die immer einen wahren Hintergrund haben, aber niemals die ganze Realität widerspiegeln. Was weiß Angela Merkel wirklich über Spanien, wenn sie sagt, dass die Menschen dort mehr arbeiten und später in Rente gehen müssen? Nichts. Man muss den Anschein haben, dass auch ihre Meinung auf Stereotypen basiert, wie wir es alle machen, wenn wir Dinge hören oder lesen, die logisch erscheinen für südeuropäisches Land, das stark vom Tourismus abhängt. Aber in der Krise, die wir derzeit in Europa erleben, ist so etwas sehr gefährlich, weil es die gute Partnerschaft zwischen Spanien und Deutschland zerstört.
Das Bild der iberischen Halbinsel in Deutschland ist das eines Urlaubslandes. Die Deutschen verbinden damit nette Menschen, Sonne, Strand und Lebensfreude. Das sind alles positive Attribute. Warum ist das Image von Spanien dann nicht genauso gut in Wirtschaftsdingen? Viele spanische Unternehmen gehören doch in ihren Branchen zu den Weltmarktführern.
Die Deutschen, die in Spanien leben, wissen, dass die Spanier - anders als Merkel behauptet - viel mehr Stunden arbeiten als in Deutschland, wo viele schon am Nachmittag und nicht erst am Abend zuhause sind. Manche Deutschen kehren sogar schon um 15 Uhr von der Arbeit zurück, weil sie bereits um 7 Uhr angefangen und nur eine kurze Mittagspause machen.
Hier lebend habe ich erfahren, dass wir in mancherlei Hinsicht etwas von der Flexibilität und der Ruhe lernen könnten, mit der in Spanien Projekte erfolgreich durchgezogen werden. Sicherlich ist die Produktivität - wenn man sie in Relation zur Zeit setzt - wesentlich geringer als in Deutschland. Aber das hat auch damit zu tun, dass hierzulande das Sozial- und Arbeitsleben nicht getrennt werden. Um 12 Uhr geht man mit den Kollegen zum zweiten Frühstück, spricht über Fußball und seine Familie, lange Mittag- und manchmal auch Abendessen mit Geschäftspartnern sind üblich.
Wenn Deutsche hier Geschäfte machen, können sie den Eindruck gewinnen, dass die Spanier nur trinken und essen - aber nicht arbeiten. Wir müssen jedoch verstehen, dass es gut ist, anders zu sein und dass jedes Land etwas beisteuern kann zur Europäischen Union.
Spanien hat mit Firmen wie Telefónica, Iberdrola, Santander und Inditex Unternehmen geschaffen, die ihre deutschen Wettbewerber teilweise um Längen schlagen. Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz ist eines der effizientesten der Welt. Die spanische Medizin ist Weltklasse, das Land führt das internationale Ranking der Organspender und gilt als weltweite Referenz bei der Verpflanzung und Nachsorge.
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