Diffuses Gefühl: Ratingagenturen sind keine Erfüllungsgehilfen

KommentarDiffuses Gefühl: Ratingagenturen sind keine Erfüllungsgehilfen

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Teil eines unvorteilhaften Ogliopols: Die Ratingagentur Standard & Poor's.

von Bert Losse

Eine europäische Ratingagentur wäre politisch steuerbar – und würde am Markt kaum ernst genommen.

Jetzt hat sich also auch der Bundesaußenminister, bislang in der Euro-Krise nicht verhaltensauffällig, zu Wort gemeldet. Nachdem Standard & Poor’s (S&P) die Bonität von gleich neun Euro-Staaten herabgestuft hatte, forderte Guido Westerwelle in der vergangenen Woche die Einrichtung einer europäischen Ratingagentur – nach dem Vorbild der Stiftung Warentest. Auch andere EU-Spitzenpolitiker liebäugeln mit einer solchen Institution.

Macht die Idee Sinn? Es ist durchaus statthaft, ein Unwohlsein zu verspüren, wenn mit S&P, Fitch und Moody’s drei private Unternehmen von den USA aus demokratisch gewählte Regierungen in Europa vor sich hertreiben. Und es stimmt auch, dass die Zeitpunkte, zu denen die Bonitätswächter ihre Herabstufungen bekannt geben, gelegentlich merkwürdig anmuten – und nicht selten unmittelbar nach positiven Meldungen aus der Euro-Zone liegen.

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Kein optimaler Zustand

Daraus aber ein angelsächsisches Komplott abzuleiten, geht zu weit. Viele Mitarbeiter der Ratingagenturen sind Europäer. Fitch hat seine Hauptsitze zwar in New York und London, ist aber mehrheitlich in französischer Hand. Auch der Verdacht, die US-Regierung habe beim Downgrading europäischer Staaten ihre Hand im Spiel, ist Verschwörungstheorie: An einem herunterkrachenden Euro kann Washington angesichts des hohen US-Leistungsbilanzdefizits kein übersteigertes Interesse haben.

Sicher: Ein Oligopol von drei Ratingagenturen ist kein optimaler Zustand. Mehr Wettbewerb wäre gut. Eine europäische Ratingagentur macht aber nur Sinn, wenn sie völlig staats- und politikfern ist. Doch das wollen viele EU-Politiker ja gerade nicht, sie hoffen vielmehr, sich beim Schuldenmachen von der Disziplinierung durch den Markt befreien zu können. Bei Personal und Satzung einer europäischen Agentur dürfte die Politik daher ein gewichtiges Wort mitreden. Die neue Institution würde nicht nur Millionensummen kosten, sondern wohl auch zum Erfüllungsgehilfen der Finanzminister werden.

Möglichkeiten die Abhängigkeit zu senken

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Denn was bliebe ihr übrig? Möglichkeit 1: Sie orientiert sich an den Bewertungen der anderen. Dann stellt sich die Frage, warum man sie überhaupt braucht. Möglichkeit 2: Sie vergibt bessere Bonitätsnoten als die Konkurrenz. Dann würde sie an den Märkten nicht ernst genommen. Am Ende könnte eine europäische Ratingagentur das diffuse Gefühl einer amerikanischen Fernsteuerung beenden – viel mehr aber nicht.

Eine mögliche Alternative lautet, sich in der Finanzwirtschaft aus der sklavischen Abhängigkeit von Ratings zu befreien, indem entsprechende Vorgaben für Zentralbanken, Versicherungen oder Pensionskassen modifiziert werden. Eine noch bessere Lösung wäre dies: Europas Staaten überzeugen die Bonitätswächter durch Reformen und Konsolidierungspolitik von ihrer Leistungskraft. Man darf gespannt sein, ob die jetzigen Kritiker die Ratingagenturen mit Lob überschütten, wenn diese die ersten Ratings nach oben anpassen.

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