DIHK-Umfrage zu Brexit-Folgen: Deutsche Firmen befürchten Exportrückgänge

DIHK-Umfrage zu Brexit-Folgen: Deutsche Firmen befürchten Exportrückgänge

Deutsche Unternehmen wollen wegen des EU-Austrittsvotums der Briten bei Tochterfirmen und Zweigstellen auf der Insel weniger investieren und Stellen streichen. Das ist ein Ergebnis einer Umfrage des DIHK.

In einer ersten großen Umfrage nach der Brexit-Entscheidung unter mehr als 5600 Betrieben, die der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Donnerstag vorlegt hat, ist von deutlich schlechteren Perspektiven für deutsche Exporteure die Rede.

Deutsche Unternehmen wollen demnach wegen des EU-Austrittsvotums der Briten bei Tochterfirmen und Zweigstellen auf der Insel weniger investieren und Stellen streichen. Der Verband rechnet inzwischen mit einem Rückgang der deutschen Ausfuhren auf die Insel um ein Prozent in diesem und fünf Prozent im nächsten Jahr. Ursprünglich hatte er für 2016 einen Zuwachs von fünf Prozent erwartet.

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Auch in Großbritannien und in anderen Ländern schlägt der Brexit-Schock auf die Wirtschaft durch.

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

  • Führungsstreit bei den Tories

    Seit der konservative Premier David Cameron seinen Rücktritt angekündigt hat, tobt ein Kampf um seine Nachfolge - nicht nur hinter den Kulissen. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Brexit-Wortführer Boris Johnson und Innenministerin Theresa May. Johnson werden die besten Chancen eingeräumt, auch wenn er erbitterte Feinde in der Tory-Fraktion hat. May könnte als Kompromisskandidatin gelten, sie war zwar im Lager der EU-Befürworter, hielt sich aber mit öffentlichen Äußerungen zurück.

  • Führungsstreit bei Labour

    Labour-Chef Jeremy Corbyn laufen nach dem Rauswurf seines schärfsten Kritikers Hilary Benn die Mitglieder seines Schattenkabinetts in Scharen davon. Mehr als die Hälfte seines Wahlkampfteams trat bereits zurück. Sie werfen Corbyn vor, nur halbherzig gegen einen EU-Austritt geworben zu haben, und stellen seine Führungsqualitäten in Frage. Dahinter steckt auch die Befürchtung, es könne bald zu Neuwahlen kommen. Viele Labour-Abgeordnete befürchten, mit dem Linksaußen Corbyn an der Spitze nicht genug Wähler aus der Mitte ansprechen zu können. Corbyn war im Spätsommer vergangenen Jahres per Urwahl an die Parteispitze gerückt, hat aber wenig Unterstützung in der Fraktion.

  • Streit um Beginn der Austrittsverhandlungen

    Der scheidende Premier David Cameron kündigte an, die offiziellen Austrittsverhandlungen mit der EU nicht mehr selbst einzuleiten. Der Ablösungsprozess könnte damit frühestens nach Camerons Rücktritt beginnen - womöglich erst im Oktober. Äußerungen anderer britischer Politiker lassen befürchten, dass sich die Briten gern sogar noch mehr Zeit lassen würden. Am allerliebsten würden sie schon vor offiziellen Austrittsverhandlungen an einem neuen Abkommen mit der EU basteln. Brüssel, Berlin und Paris dringen aber auf einen raschen Beginn der Austrittsverhandlungen.

  • Die Schottland-Frage

    Seit dem Brexit-Votum liegt die Frage nach der schottischen Unabhängigkeit wieder auf dem Tisch. Die Schotten stimmten - anders als Engländer und Waliser - mit einer Mehrheit von 62 Prozent gegen einen Brexit. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon kündigte in Edinburgh an, Vorbereitungen für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum einzuleiten. Boris Johnson deutete jedoch bereits an, dass er als Premierminister da nicht mitspielen würde: „Wir hatten ein Schottland-Referendum 2014 und ich sehe keinen echten Appetit auf ein weiteres in der nahen Zukunft“, schrieb Johnson in einem Gastbeitrag im „Daily Telegraph“. Auch Premierminister David Cameron erteilte einem erneuten Schottland-Referendum eine Absage.

  • Irland und Nordirland

    In beiden Teilen der Insel herrscht Sorge, der Brexit könnte dazu führen, dass wieder Grenzkontrollen eingeführt werden und der Friedensprozess gestört wird. Irlands Ministerpräsident Enda Kenny versicherte, seine Regierung arbeite eng mit Belfast und London zusammen, um die Grenzen offenzuhalten. Ähnlich wie in Schottland stimmte auch in Nordirland eine Mehrheit der Wähler gegen den Austritt des Königreichs aus der EU. Die nordirische nationalistische Partei Sinn Fein forderte bereits eine Abstimmung über eine Wiedervereinigung Irlands und Nordirlands.

  • Drohende Wirtschaftskrise

    Das britische Pfund verlor seit dem Brexit-Votum massiv an Wert gegenüber dem Dollar und fiel auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten. Auch die Börsenkurse stürzten zeitweise in den Keller. Der britische Finanzminister George Osborne versuchte am Montag, Sorgen an den Märkten zu zerstreuen. Großbritannien sei auf alles vorbereitet, sagte Osborne. Noch am Tag nach der Brexit-Entscheidung war Notenbank-Chef Mark Carney vor die Kameras getreten und hatte angekündigt, die Bank of England könne bis zu 250 Milliarden Pfund in die Hand nehmen, um weitere Verwerfungen zu verhindern. Trotz allem verlor das Pfund weiter an Wert.

Für die deutsche Wirtschaft steht einiges auf dem Spiel: Großbritannien ist für sie der drittwichtigste Exportmarkt in der Welt nach den USA und Frankreich. 2015 lieferten deutsche Firmen Waren und Güter im Wert von knapp 90 Milliarden Euro dorthin - vor allem Autos, Maschinen und chemische Produkte. In den vergangenen Jahrzehnten hat die hiesige Wirtschaft mehr als 110 Milliarden Euro in dem scheidenden EU-Land investiert.

Das könnte sich jetzt ändern: "Der Brexit schadet auf Dauer der deutschen Wirtschaft", klagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Die Unsicherheit sei mit Händen zu greifen "und wirkt kurzfristig als Dämpfer für die Konjunktur". Manche Experten befürchten dort sogar eine Rezession. Das Pfund ist zuletzt auf ein 31-Jahres-Tief gestürzt.

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Quelle: REUTERS

Neue Investitionen auf dem Prüfstand

In der DIHK-Umfrage unter Firmen aller Branchen und Größen gaben 35 Prozent an, bei ihren britischen Töchtern und Zweigstellen weniger Investitionen zu planen. Gut ein Viertel denkt dort sogar an Personalabbau. Schon in der Phase der Trennungsverhandlungen mit der Europäischen Union werden die deutschen Exporte nach Einschätzung von 27 Prozent der befragten Firmen sinken. Nach dem Vollzug des EU-Austritts erwarten mehr als die Hälfte niedrigere Exportzahlen. Dagegen beschäftigten sich etliche britische Konzerne, die in Deutschland tätig sind, mit mehr Investitionen und einem Beschäftigungsaufbau auf dem hiesigen Markt.

Die deutschen Unternehmen haben ihre Produktion im Mai, also noch vor dem Brexit-Votum, so stark gedrosselt wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Industrie, Bau- und Energiebranche stellten zusammen 1,3 Prozent weniger her als im April. Produktionsdaten aus der britischen Industrie belegen, dass auch sie vor dem Referendum an Schwung eingebüßt haben. Im Mai sank die Herstellung um 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat.

PremiumFinanzplatz Brex and the City

Nirgendwo ist die Unsicherheit nach dem Brexit-Votum größer als im Londoner Finanzdistrikt. Die Nervosität belastet das Geschäft - und die persönliche Lebensplanung.

"Wir fühlen uns gerade so, als ob uns jemand die Luft abgeschnürt hätte", ein Goldman-Sachs-Banker in London. Quelle: Getty Images

Die britische Wirtschaftsleistung war bereits von Januar bis März nur noch um 0,4 Prozent zum Vorquartal gewachsen, nachdem Ende 2015 noch ein Plus von 0,6 Prozent herausgesprungen war. Mit dem Sieg der Brexit-Befürworter haben sich nach Einschätzung von Experten die Aussichten merklich verdüstert. Finanzminister George Osborne befürchtet eine "hausgemachte Rezession". Steuersenkungen und Hilfen der Notenbank in London sollen Schlimmeres verhindern.

Auch die französische Regierung rechnet mit Einbußen beim Wirtschaftswachstum durch die Brexit-Entscheidung. Haushaltsminister Christian Eckert sprach von einem Dämpfer in der Größenordnung von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten, ohne jedoch einen genauen Zeitraum zu nennen.

Schlechte Nachrichten kamen auch von Unternehmen. Die größte US-Bank JPMorgan warnte vor dem Verlust Tausender Stellen in Großbritannien, die im Konzern auf andere Niederlassungen auf dem Kontinent verlagert werden könnten. Dies gelte für den Fall, dass britische Banken ihre Produkte künftig nicht mehr generell auch im Rest der EU anbieten dürfen, sagte Vorstandschef Jamie Dimon der italienischen Zeitung "Il Sole 24 Ore".

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