DIW-Präsident Marcel Fratzscher: "Der Euro stützt das deutsche Spitzen-Rating"

InterviewDIW-Präsident Marcel Fratzscher: "Der Euro stützt das deutsche Spitzen-Rating"

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Deutschland ist eines von weltweit zwölf Ländern, die noch das Bonitätsrating AAA bei S&P haben.

von Tim Rahmann

Deutschland genießt als eines der wenigen Länder Welt vollstes Vertrauen bei den Investoren. Zu Recht, sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Wovon Deutschland profitiert – und wieso Eurobonds keine gute Idee sind.

WirtschaftsWoche Online: Herr Fratzscher, Deutschland kann gelassen auf die Überprüfung seiner Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor’s am Freitag blicken. Das Land gehört zu dem kleinen Kreis von nur noch zwölf Ländern auf der Welt, die ein Triple-A-Rating bei der US-Agentur haben. Können Sie die deutsche Spitzen-Bewertung das nachvollziehen?

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Marcel Fratzscher: Ja, das ist absolut nachvollziehbar und gleichzeitig eine wirklich respektable Leistung. Denn in der Tat hat sich die Zahl der Länder mit der Top-Note in den vergangenen Jahren deutlich verringert. Dass immer weniger Nationen so gut bewertet werden, ist logisch, schließlich sind die Staatschulden weltweit massiv angestiegen. Auch Deutschland hat mit einer Schuldenlast von 78,4 Prozent im Vergleich zum BIP (Stand Ende 2013) einen recht hohen Schuldenberg angehäuft. Aber es gibt gute Gründe, warum Deutschland dennoch vollstes Vertrauen an den Märkten genießt.

Das sind die zwölf Länder mit Spitzenrating

  • 1

    Dänemark wird mit dem Top-Rating benotet. Die Gründe: Die dänische Wirtschaft zeichnet sich durch eine Vielzahl oft mittelständischer Industrie- und Dienstleistungsunternehmen aus, die oft hoch spezialisiert sind und technologisch zur Spitzenklasse gehören. Insgesamt wächst die Wirtschaft in diesem Jahr wohl um 1,5 Prozent. Die Staatsverschuldung ist gering (44,5 des BIP, Ende 2013) und auch das Haushaltsdefizit konnte dank einer Sparpolitik auf 0,8 Prozent gedrückt werden.

     

    (in alphabetischer Reihenfolge; bei Standard & Poor’s)

  • 2

    Deutschland, die größte europäische Volkswirtschaft, genießt das beste Kreditrating – obwohl das Land nicht alle Maastricht-Kriterien einhält. Die Staatsverschuldung liegt bei 78,4 Prozent (in Prozent des BIP, Ende 2013), aber der Trend geht in die richtige Richtung. Bis 2020 soll der Schuldenberg bis unter 60 Prozent des BIP gedrückt werden. Deutschland weist derzeit einen ausgeglichenen Haushalt auf.

  • 3

    Auch Euro-Mitglied Finnland gehört zu den kreditwürdigsten Ländern der Welt. Zwischen 2011 und 2013 lag das Haushaltsdefizit nicht ein einziges Mal über dem Grenzwert von 3,0 Prozent des BIP (-0,7 bis -2,1 Prozent). Die Gesamtverschuldung liegt bei 57,0 Prozent (Ende 2013), die Wirtschaft soll in diesem Jahr minimal um 0,2 Prozent zulegen.

  • 4

    Anders als bei den US-Ratingagenturen Fitch und Moody’s, die Großbritannien mit AA+ bzw. Aa1 bewerten, genießt London bei S&P noch die Bestnote. Die Wirtschaft wächst in diesem Jahr um 2,7 Prozent des BIP, die Staatschulden liegen bei 91,8 Prozent des BIP. Bedenkenswert: Das Haushaltsminus ist deutlich, es liegt wie in den Vorjahren bei über 5 Prozent.

  • 5

    Die Wirtschaft Hongkongs gehört zu den am weitesten entwickelten und reichsten Volkswirtschaften weltweit. Nachdem das Wachstum 2012 aufgrund der allgemeinen weltwirtschaftlichen Lage nur bei 1,4 Prozent lag, konnte Hongkong im Jahr 2013 wieder einen moderaten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts von 3 Prozent verzeichnen. Auf dem Arbeitsmarkt herrschte im Dezember 2013 mit einer Arbeitslosenquote von 3,2 Prozent weiterhin nahezu Vollbeschäftigung. Die Staatsverschuldung lag Ende 2012 bei gerade einmal 32,4 Prozent (im Vergleich zum BIP).

  • 6

    Anders als die USA, die von Standard & Poor’s aufgrund der Streitereien um die Schuldengrenzen abgewertet wurden, genießt deren Nachbar Kanada vollstes Vertrauen. Das Land ist mit einem BIP von 1.473,51 Mrd. Euro die elftgrößte Volkswirtschaft der Erde und  der weltgrößte Exporteur von Holz. Die Staatverschuldung liegt bei 89 Prozent im Vergleich zum BIP.

  • 7

    Liechtenstein ist nicht nur von seinen Finanzinstituten geprägt, sondern auch ein innovativer und exportorientierter Industriestandort. Im Jahr 2012 arbeiteten 39,4 Prozent der Beschäftigten in der Industrie, 59,9 Prozent im Dienstleistungssektor, nur 0,8 Prozent in der Landwirtschaft. Über 50 Prozent der Arbeitskräfte sind Pendler aus dem Ausland, vorwiegend aus den Nachbarländern Schweiz und Österreich sowie aus Deutschland. Das Land galt jahrelang als eines der wenigen Länder der Welt, die keine Schulden hatten. Der Etatplan für 2013 sah aber vor, dass trotz Sparanstrengungen nur noch rund 70 Prozent der laufenden Ausgaben durch Einnahmen gedeckt waren.

  • 8

    Luxemburg konnte Ende 2013 einen Mini-Überschuss im Haushalt ausweisen (+0,1 Prozent). Die Gesamtschulden betrugen 23,1 Prozent des BIP. Keine Überraschung also, dass das Land die Top-Bonitätsnote innehat.

  • 9

    Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 1970er-Jahre des letzten Jahrhunderts hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Aus einem der ärmeren westeuropäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt mit hohem Bedarf an Arbeitskräften, einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und einer der teuersten Hauptstädte der Welt. Ende 2013 lag die Staatsverschuldung bei 29,5 Prozent des BIP.

  • 10

    Auch Norwegens Nachbar Schweden punktet mit einer geringen Verschuldung (40,6 Prozent des BIP). Ende 2013 betrug das Haushaltsdefizit 1,1 Prozent. Die Wirtschaft soll in diesem Jahr um 2,8 Prozent zulegen.

  • 11

    Ebenfalls mit der Top-Note AAA ausgestattet ist die Schweiz. Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf konnte zuletzt gute Zahlen präsentieren. Im Jahr 2013 wurde ein Haushaltsüberschuss von 1,3 Milliarden Schweizer Franken (1,07 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die Gesamtschulden lagen bei rund 48 Prozent (im Vergleich zum BIP).

  • 12

    Obwohl Singapur einen überdurchschnittlichen hohen Schuldenberg vor sich herschiebt, (104 Prozent des BIP, Ende 2013), genießt das Land bei den Investoren überragendes Vertrauen. Der Grund: Singapur verfügt über eine hoch industrialisierte und erfolgreiche freie Marktwirtschaft, die sich durch Weltoffenheit, weitgehende Korruptionsfreiheit und internationale Vernetzung auszeichnet. 2013 hat die Regierung ein Rentenpaket aufgelegt, erstmals seit Jahren musste das Land dadurch wieder ein Haushaltsdefizit verbuchen (0,3 Prozent des BIP).

 

Welches sind diese Gründe?

Investoren interessiert vor allem die Frage, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie ihr verliehenes Geld zurückbekommen. Je höher die Schulden, desto größer ist das Risiko einer Insolvenz, sprich: eines Zahlungsausfalls. Es ist also entscheidend, dass ein Land einen Plan hat, wie es seine Verbindlichkeiten abbaut. Da hat Deutschland zwei Stärken. Erstens: Die Bundesrepublik ist das einzige größere Industrieland, das leichte Überschüsse bei den öffentlichen Finanzen erwirtschaftet. Länder wie Großbritannien oder die USA, machen noch immer jedes Jahr große Defizite. In Deutschland ist das anders: Die Wirtschaft ist relativ robust, die Steuereinnahmen sprudeln und der Staat nimmt wieder mehr ein, als er ausgibt. Bis 2020 dürfte Deutschland bei der Schuldenquote wieder unter der Maastricht-Grenze von 60 Prozent liegen.

Was ist der zweite Grund?

Glaubwürdigkeit. Es gibt ein hohes Maß an Vertrauen in die entscheidenden Spieler: die Politik, die Wirtschaft, die Justiz. Nehmen Sie zum Beispiel die Schuldenbremse. Die Politik hat sich gesetzlich verpflichtet, ab 2016 maximal 0,35 Prozent des BIPs jährlich an neuen Schulden aufzunehmen. Das schafft Vertrauen in die Fähigkeit des Staates, langfristig solide zu haushalten. Da haben andere Regierungen, etwa in den südeuropäischen Krisenländern, sicher noch Nachholbedarf.

Zur Person

  • Marcel Fratzscher

    Fratzscher, 43, ist seit Februar 2013 Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität. Von 2001 bis 2012 arbeitete er bei der Europäischen Zentralbank (EZB), zuletzt als Leiter der Abteilung für wirtschaftspolitische Analysen.

Sie untertreiben: Die Forderungen, insbesondere der italienischen und französischen Regierungen, den Stabilitätspakt in Europa aufzuweichen, dürfte das geringe Vertrauen gar noch einmal reduzieren.

Ja, diese Diskussion hilft sicher nicht, neues Vertrauen zu gewinnen. Wir stecken in einem Dilemma. Denn natürlich haben die Regierungschefs Matteo Renzi und François Hollande ja recht: Wir brauchen in Europa mehr Wachstum. In einer idealen Welt würde man sich jetzt einen großen fiskalischen Stimulus wünschen; man würde sich wünschen, dass der Staat die Ausgaben erhöht, um öffentliche und private Investitionen zu stärken und um beispielsweise Trainingsprogramme für Arbeitslose zu ermöglichen. Würde Deutschland sich in einer Lage wie Griechenland, Spanien, Italien oder Frankreich befinden, würde die Bundesregierung genau das sicher auch tun. So wie 2009. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise hatte die Regierung von Bundeskanzlerin Angela Merkel vier Prozent der Wirtschaftsleistung in die Hand genommen, um einen Stimulus zu setzen. Nur: Die südeuropäischen Länder haben heute dieses Geld nicht. Weil viele in guten Zeiten nicht ihre Haushalte konsolidiert haben. Und an den Märkten bekommen sie nicht das Geld für signifikante Konjunkturprogramme, weil das Zusammenspiel von hohen Schulden und hohen Haushaltsdefiziten vertrauensschädigend ist.

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