Draghi vor dem Währungsausschuss: EZB-Chef sieht weiter mangelnde Kreditvergabe

Draghi vor dem Währungsausschuss: EZB-Chef sieht weiter mangelnde Kreditvergabe

EZB-Chef Mario Draghi sieht weiter eine mangelnde Kreditvergabe im Euroraum. Dies liege vor allem an der schwachen Nachfrage nach Krediten, sagte er vor dem Währungsausschuss des EU-Parlaments.

Zur Resonanz der Geldhäuser auf das erstmals von der EZB eingesetzte Instrument der zielgerichteten Langfristkredite (TLTROs) erklärte Draghi, „die Nachfrage nach der ersten neuen Kreditlinie hat im Rahmen der Erwartungen der Notenbank gelegen.“ Die EZB hatte in der vergangenen Woche insgesamt 82,6 Milliarden Euro vergeben, was Analysten als enttäuschend bewerteten. Sollte die Nachfrage anziehen, wolle man mit dem Instrument sicherstellen, dass die Geldhäuser zu sehr günstigen Bedingungen Kredite an Unternehmen vergeben können, erklärte Draghi vor dem Währungsausschuss des EU-Parlaments.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Der EZB-Chef zeigte sich zuversichtlich, dass Käufe von Kreditverbriefungen (ABS) die Dynamik am Kreditmarkt verbessern können. Immerhin sei zuletzt bereits eine leichte Verbesserung der Kreditvergabe zu beobachten gewesen, meinte Draghi. Mit Blick auf die wirtschaftliche Erholung sieht der EZB-Präsident eine nachlassende Dynamik im Euroraum. Es gebe Risiken, dass die Konjunktur weiter an Schwung verlieren könnte. Die Arbeitslosigkeit bleibe inakzeptabel hoch. Er forderte die Regierungen der Mitgliedsstaaten erneut zu Strukturreformen auf.

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„Ohne Strukturreformen bleibt die Geldpolitik unwirksam.“ Die EZB sei bereit, die Geldpolitik - falls notwendig - mit anderen außergewöhnlichen Maßnahmen weiter zu lockern, wiederholte Draghi zuletzt getroffene Aussagen. In der Öffentlichkeit wurde vor allem über den breit angelegten Kauf von Staatsanleihen diskutiert.

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Beim Zinssatz sei man hingegen am unteren Ende angekommen, sagte Draghi. Die EZB hatte am Monatsanfang den Leitzins auf das Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt. Die Geldpolitik wird voraussichtlich sehr lange locker bleiben, so Draghi.

Mit ihren jüngsten Maßnahmen habe die EZB keine Schwächung des Wechselkurses beabsichtigt, versicherte der Notenbankchef. „Der Wechselkurs ist kein Ziel der Geldpolitik.“ Allerdings stellte Draghi klar, dass der Wechselkurs wichtig für die Preisstabilität ist. Infolge der jüngsten EZB-Maßnahmen war der Euro deutlich unter Druck geraten und am Montag im Handelsverlauf auf ein 14-Monatstief von 1,2821 US-Dollar gefallen.

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