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Kommentar ESM: Willkommen in der Inflationsgemeinschaft

von Malte Fischer

Der Plan der Euro-Retter, mit einem Hebel für den Rettungsschirm ESM private Investoren in Krisenanleihen zu locken, ist zum Scheitern verurteilt. Die EZB wird bald die Notenpresse anwerfen, um die Haushalte der Südländer zu finanzieren.

Klage gegen den Euro I

Schon im Gründungsvertrag der Europäischen Union, der am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet wurde, war klar: Wichtige Währungsfragen sollen künftig gemeinsam entschieden werden. Die Wirtschafts- und Währungsunion war beschlossen, der Grundstein für den Euro gelegt. Der deutsche Bundestag ratifizierte den EU-Vertrag im Dezember 1992.

Kurz darauf wurde zudem die „Entwicklung der Europäischen Union“ in der Verfassung festgeschrieben. Gegen diese Kompetenzverlagerung klagten zahlreiche Deutsche vor dem Bundesverfassungsgericht - vom Grünen Hans-Christian Ströbele bis zum nationalliberalen Manfred Brunner (später Vorsitzender der Kleinpartei „Bund Freier Buerger - Die Freiheitlichen“; das Bild zeigt ihn bei einer Demonstration für eine Volksabstimmung über die Einführung des Euros).

Bild: dapd

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Kein Wochenende vergeht ohne Schlagzeilen zur Euro-Krise.  Am Sonntag wurde bekannt, dass die Euro-Länder den gerade vom Bundesverfassungsgericht durchgewinkten Euro-Rettungsschirm ESM mit einem Hebel ausstatten wollen. Auf diese Weise soll das Volumen möglicher Hilfen, die der ESM den Krisenländern gewähren kann, vervielfacht werden. Statt der bisher vorgesehen 500 Milliarden Euro könnten  - je nach Hebelkonstruktion - bis zu zwei Billionen Euro für die Krisenländer mobilisiert werden.     

Das Vorhaben erinnert an den alten Euro-Rettungsschirm EFSF, dem Vorgänger des ESM. Um dessen Feuerkraft zu erhöhen, hatten die Euro-Regierungen ihm die Möglichkeit gegeben, einen Teil der Anleiheemissionen von Krisenländern gegen Ausfallrisiken abzusichern. Der EFSF sollte durch eine Art Versicherung beziehungsweise  die Übernahme nachrangiger Tranchen 20 bis 30 Prozent  des Ausfallrisikos der Emissionen aus Krisenländern übernehmen. So wollte man  private Investoren für die Anleihen der Krisenstaaten begeistern und Spanien, Italien und Co. den Zugang  zum Kapitalmarkt erleichtern.   

Doch die Hebel-Idee entpuppte sich als Rohrkrepierer. Private und institutionelle Anleger machten trotz der Haftungszusagen des ESM einen großen Bogen um die Anleihen der Krisenländer. Ihnen steckten noch die schlechten Erfahrungen mit ihren Engagements in griechischen Staatsanleihen in den Knochen. Bei dem von den Euro-Regierungen de facto erzwungenen Schuldenschnitt Griechenlands verloren sie mehr als die Hälfte ihrer Forderungen. Das hat ihr Vertrauen in staatliche Haftungszusagen erschüttert und die Bereitschaft, in Anleihen der Krisenstaaten zu investieren, drastisch verringert.  

Wer im Europäischen Stabilitätsmechanismus das Sagen hat

Dennoch setzen die Euro-Regierung erneut auf den Hebel-Plan. Dahinter steckt zum einen das Bestreben, den ESM formal mit den gleichen Instrumenten auszustatten, wie sie der EFSF besitzt. Zum anderen hegen die Politiker offenbar die Hoffnung, die Ankündigung der EZB, notfalls Staatsanleihen der Krisenländer in großem Stil zu kaufen, habe das Vertrauen der Investoren in die Euro-Zone und damit die Bereitschaft gestärkt, Anleihen der Krisenländer zu kaufen. Zumal, wenn diese über den ESM-Hebel partiell gegen Ausfallrisiken geschützt sind.

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Ob die Rechnung aufgeht, ist mehr als fraglich. Zwar hat sich durch den EZB-Beschluss die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro-Raum bald auseinander fällt, verringert. Immerhin können die Krisenländer mit dem frisch gedruckten Geld aus Frankfurt ihre Altschulden tilgen. Genau das aber ist das Problem. Mittelfristig wird die von der EZB ausgelöste Geldschwemme zu mehr Inflation führen. Die Anleger wissen das. Statt Haircuts droht ihnen die Enteignung durch Inflation und negative Realzinsen. Daher dürften sie wenig geneigt sein, mehr Geld in ESM-gehebelte Staatsanleihen der Südländer zu investieren.

Meiden sie die Krisenanleihen, steigt der Druck auf die EZB, die Lücke zu füllen und die Staatspapiere aus dem Süden in großem Stil zu kaufen. Längst ist die EZB zum Gefangenen ihrer eigenen Politik geworden. Mit ihrer Ankündigung zum Kauf von Staatsanleihen hat sie Inflationserwartungen erzeugt und private Investoren verschreckt. Am Ende bleiben die Frankfurter Notenbanker als Käufer der letzten Instanz übrig. Die Deformation der Währungsunion zur Inflationsgemeinschaft lässt sich auch durch einen Hebel auf den ESM nicht mehr aufhalten.

5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 25.09.2012, 15:39 Uhr0acht15

    In die Katastrophe durch Unvermögen oder mit System, wie diese Anfrage an Herrn BFM Schäuble per abgeordnetenwatch.de aufzeigt:

    Sehr geehrter Herr Bundesfinanzminister Schäuble,

    im Juli 2010 äußerten Sie im Rahmen eines Interviews aufgrund der FAZ Behauptung "Jede Wette, dass […....] der Rettungsschirm für die Euroländer verlängert wird" dieser Zeitung gegenüber: "Solange Angela Merkel Bundeskanzlerin ist und ich Finanzminister bin, würden Sie diese Wette verlieren. Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart. Griechenland wird insgesamt drei Jahre die Kreditlinien in Anspruch nehmen können. Dann können sie noch fünf Jahre laufen. Danach ist Schluss".

    Von gleicher Qualität sind ganz offensichtlich Ihre Äußerungen noch im Juli diesen Jahres dem Handelsblatt gegenüber, dem zufolge Sie Berichte über Anleihenkäufe (spanischer Schuldtitel) dementierten.

    Entsprechendes gilt für Ihr Interview mit Marietta Slomka (ZDF) vor der kürzlich erfolgten EZB-Entscheidung, Staatsanleihen von Eu-Mitglieds(schulden)staaten zu kaufen, und, und, und . . . .

    Dafür gibt es m.E. nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder sind Sie wiederholt nicht in der Lage, die Dinge richtig einzuschätzen, oder aber Sie sagen der Öffentlichkeit wiederholt wissentlich die Unwahrheit.

    Was sagen Sie insbesondere in Anbetracht der Tatsache dazu, daß man nun - 2 Wochen nach der vorl. BVerfG-Entsch. - regierungsseitig sogar eine Hebelung des ESM auf 2 000 000 000 000 € ins Auge faßt und zugleich betont, es bleibe bei der deutschen (Plicht)Haftungsgrenze von 190 000 000 000 €, und wird es demnächst eine höhere Haftung der BRD in der Sache geben?

    Antwort steht aus . . .

  • 25.09.2012, 06:53 UhrWegweiser

    Das Kernproblem dieser Eurozone sind die völlig unterschiedlichen Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeiten, die nicht mehr durch einen zeitnahen und marktkonformen Wechselkurs einer eigenen Währung an- bzw. ausgeglichen werden können. Ein Blick auf die steigenden Target 2- und die nationalen Leistungsbilanzsalden zeigt dies überdeutlich. Viele Euroteilnehmerländer sind in dieser Währungsunion ökonomisch (preislich, technologisch) nicht überlebensfähig. Hinzu kommen die fehlenden Möglichkeiten einer ausreichenden Rekapitalisierung des eigenen Bankenbereiches (siehe LTRO, ELA).

    Mit diesen grundlegenden volkswirtschaftlichen Erkenntnissen möchte man sich wohl politisch nicht näher auseinandersetzen, um nicht unliebsame öffentliche Diskussionen führen zu müssen. Die zahlreichen öffentlich-rechtlichen Talkshows sind dafür ein hervorragendes Anschauungsbeispiel.

    Ein weiteres Anschauungsbeispiel ist die Ausrichtung der derzeitigen EZB-Geld- und Währungspolitik. Diese ist nicht mehr stabilitätsorientiert, sondern dient ausschließlich dem Erhalt dieser Währungszone mit all ihren Mitgliedern. In erster Linie zu Lasten der wenigen, noch leistungsfähigen Volkswirtschaften. Jens Weidmann ist innerhalb der EZB völlig isoliert, sein Vorgänger trat deshalb wohl zurück. Jürgen Stark folgte ihm.

    Es ist deshalb unabdingbar, dass wir in Deutschland selbst einmal eine sachlich wissenschaftlich fundierte öffentliche Diskussion über die wahren Ursachen dieser Eurowährungszonenkrise führen. Die Folgen aus dieser Euroeinführung sind für Deutschland heute schon katastrophal. Und sie sind der eigentliche Grund für diese innenpolitischen Problemstellungen in Deutschalnd selbst (fehlende Aufwertungsgewinne, Leistungsbilanzen, Rettungsrisiken, Investitionsquoten, Inflationierung, Kapitalflucht, Vermögensverteilungseffekte, Entwicklung reale Arbeitentgelte, Kaufkraft, autonomes und marginales Sparen und Konsum).

  • 25.09.2012, 03:53 UhrEinBuerger

    Keines der Pleiteländer wird die Rettungsgelder jemals zurückzahlen können und wollen.

    Und außerdem wird keines der Pleiteländer echte Reformen noch vorantreiben nachdem man gesehen hat dass - wie Merkel schon vor langer Zeit gesagt hat - der Euro UM JEDEN PREIS gerettet werden wird.

    Was Merkel & Co hier veranstalten ist lediglich eine beispiellose Lügengeschichte zum Zweck des Machterhaltes einer mafiösen EU-Bürokratie.

    Und die Deutschen die das bezahlen sollen schweigen, wie vor 75 Jahren ...

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