ThemaSchuldenkrise

alles zum Thema
_

Essay: Hört auf zu helfen!

von Ferdinand Knauß

Die Schuldenkrise verlangt nicht nach den alten Rezepten des fürsorgenden Staates, sondern offenbart sein Scheitern. Ein Plädoyer für eine neue, wahrhaft liberale Politik

Die Schuldenuhr der öffentlichen Haushalte in Deutschland tickt. Sie steht bei weit über zwei Billionen Euro. Quelle: dpa
Die Schuldenuhr der öffentlichen Haushalte in Deutschland tickt. Sie steht bei weit über zwei Billionen Euro. Quelle: dpa

Solidarität, Rettung und Hilfe scheinen die Gebote der Stunde zu sein in Europa. Ob für verschuldete Banken und südeuropäische Staaten oder arbeitslose Jugendliche. Die Politiker kommen zusammen, kümmern sich um die Sorgenkinder, schnüren Hilfspakete. Und wer am fürsorglichsten zu helfen verspricht, wird gewählt. Wie zuletzt Francois Hollande in Frankreich und Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen. Helfen - den "Menschen" und der Konjunktur - ist die Kernkompetenz von linken Politikern, egal welcher Partei sie angehören.

Anzeige

Politiker des Schuldenzeitalters

Stehen wir also vor einer neuen Ära der Solidarität in Europa? Nein. Kein Wahlsieg kann die gemütlichen Zeiten unter Francois Mitterand und Johannes Rau zurückbringen. Nein, denn Staatsschulden lassen sich nicht abwählen. Sie bleiben. Und sie zwingen zum Handeln.

Für das, was die Schuldenkrise unmissverständlich von der Politik fordert, nämlich die Beendigung des Schuldenregimes durch radikale Einschränkung der Staatsausgaben, bringen die meisten der im Schuldenzeitalter im letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts sozialisierten Politiker denkbar schlechte Voraussetzungen mit. Sie sind parteienübergreifend daran gewöhnt, Probleme zu lösen, indem sie den Staat mehr Geld ausgeben lassen, als er hat. Die Sozialdemokraten sind in dieser Politikmethode besonders bewandert, aber sie stehen damit nicht alleine.

Staat und Glück

Die intellektuelle Basis dieses international fast konkurrenzlosen Politikstils ist der antiliberale Glaube an die Pflicht und Fähigkeit des Staates, sich um das Wohl seiner Bürger und der restlichen Welt kümmern zu müssen. Er hat im geistigen Nährboden der Parteien tiefe Wurzeln geschlagen. Eine Enquete-Kommission des Bundestages befasst sich konsequenterweise sogar mit dem Glück, das zum Fortschrittsindikator werden soll. Fast jedes soziale Risiko der Bürger, jedes mögliche Unglück kann so zum Gegenstand vorsorgender und fürsorglicher Einmischung des Staates werden. Die "präventive Sozialpolitik" der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ist die jüngste Blüte dieser staatlichen Hybris: Durch vernünftige – natürlich staatliche – Erziehung und fürsorgliches Regieren könne der Staat schon im Voraus verhindern, dass seine Schäfchen auf den falschen Pfad kommen.

Zwei, die sich besonders engagiert um "die Menschen" kümmern: Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (r,SPD) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) am 21.06.2012 im Düsseldorfer Landtag Quelle: dpa
Zwei, die sich besonders engagiert um "die Menschen" kümmern: Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (r,SPD) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) am 21.06.2012 im Düsseldorfer Landtag Quelle: dpa

Renate Künast forderte kürzlich bei der Vorstellung des "Berichts zur Lage der Welt", wir bräuchten mehr "Ingenieure der Gesellschaft", die uns den Weg in eine nachhaltige und gerechte Gesellschaft weisen. Der "Neue Mensch" spukt als Zombie der linken Ideengeschichte immer noch munter durch die Politik.

Wut des Regierens

Fatalerweise passt dieses Ethos des Kümmerns auch wunderbar zum Eigeninteresse, das jeder Politiker am Ausbau des Staates hat: Er bedeutet mehr lukrative Posten für eigene Anhänger und mehr Möglichkeiten, Wähler zufrieden zu stellen. Ein wirklich schlanker Staat, der so wenig Geld wie möglich ausgibt, macht denen, die ihn führen, keinen Spaß. Und wenn man das Geld für gute Taten und nicht – wie frühere Staatsmänner – für fürstlichen Prunk und stehende Heere ausgibt, dann kann man beim Mästen des Staates sogar stets ein reines Gewissen haben. Es gibt unendlich viele gute Werke zu tun. In der Sprache der Ministerien nennt man sie „Lösungen für Herausforderungen“. Und deswegen leidet die Transferbürokratie in Ministerien und Behörden auch immer unter Personalmangel. Der liberale Preuße Wilhelm von Humboldt, der selbst Minister war, entlarvte schon im frühen 19. Jahrhundert diese „fureur de gouverner“, die Wut des Regierens.

23 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.08.2012, 18:27 UhrProEuro

    Ja und Nein. Der Staat spielt tatsächlich ein Ponzispiel und er muss endlich ein paar Dinge verändern. Aber der Paul-Ryan Weg ist dafür der falsche: Man kann nicht einfach die Steuern abschaffen und alle Ausgaben des Staates mit Ausnahme von Justiz, Verteidigung und Innere Sicherheit streichen. Bildung, Infrastruktur, Alternative Energien, Integration.... Dafür Schulden zu machen, lohnt sich, hier macht man gute Schulden. Anders aber bei den schlechten Schulden: Niedriger Spitzensteuersatz, niedrige Mineralöl-Erbschafts-und Tabaksteuer, teure Pendlerpauschale, Subventionen, Betreungs-und Elterngeld etc.. Das sind die schlechten Schulden und denen muss der Kampf angesagt werden

  • 12.08.2012, 16:10 Uhrmichel

    Oberflächlich analysiert kann man dem Autor zustimmen. Es scheint alles schlüssig. Nicht berücksichtigt wird aber, das immer mehr Vermögen in Händen immer weniger Menschen landet und dem realen Wirtschaftskreislauf entzogen wird. Diese Großvermögen vagabundieren in den Steueroasen der Welt umher und suchen nach maximal hoher Rendite, sprich Zinsen. Wir sollten nicht vergessen, in unserer heutigen Wirtschafts- und Kapitalwelt entsteht Geld erst durch Kredit. Gibt es keine leistungsfähigen Kreditnehmer mehr, geht dem Wirtschaftskreislauf der Schmierstoff aus, obwohl es ja eigentlich ausreichend Vermögen gibt, denn alle Schulden sind ja Vermögen, in der Regel des kleinsten Teils der Menschheit. Wir haben also eingrundsätzliches Problem des Währungskreislaufes, der massiv durch Vermögensballung und Zinsexplosion gestört ist. Es gibt ausreichend seriöse Statistiken, in denen der Geldzufluss von unten nach oben expotentiell zunimmt. In den Preisen für die Endverbraucher dürften inzwischen fast 27% Zinslasten enthalten sein. Auch die Aussage, die Staatsausgaben sind durch hohe Sozialtransfers zu stark ausgedehnt ist Schwachsinn. Diese Ausgaben sind direkte Konjunkturprogramme, da die Empfänger sofort im realen Wirtschafstkreislauf konsumieren und somit überhaupt erst Produktion und Erträge ermöglichen. Selbst ein Harz4-Empfänger zahlt über MwSt. und versteckte Zinslasten der Unternehmen einen großen Teil seiner empfangenen Leistung zurück. Auch die Mietbeihilfe ermöglicht dem Vermögensbesitzer eine marktgerechte Einnahme für seine Investition. Das Problem sind nicht die Schulden/Zinsen, sondern eine völlig aus dem Ruder gelaufene Vermögensverteilung und damit Erpressbarkeit und Manipulation der realen Wirtschaft zu Lasten großer Bevölkerungsteile. Wohlstand beteiligt sich schon lange nicht mehr an einer angemessenen Verteilung der Lasten eines Staates. Kapitalertrag mussmehr Steuern zahlen.

  • 13.07.2012, 12:01 UhrEucken

    Sehr guter Artikel! Wäre schön, wenn sich dieser liberale Geist wirklich durchsetzen würde. Das sehe ich in Deutschland leider weit und breit nicht. Nicht einmal ein normaler wirtschaftlicher Vorgang,wie die Pleite einer Drogeriemarktkette, geht heute vonstatten, ohne dass eine Vielzahl von politischen Kümmerern unbedingt helfen und unbedingt in normale marktwirtschaftliche Vorgänge eingreifen wollen...

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Besuch bei den Opfern der Textilfabrik-Katastrophe
Besuch bei den Opfern der Textilfabrik-Katastrophe

Es grenzte an ein Wunder, als die Näherin Rashem Begum nach 17 Tagen aus den Trümmern des Gebäudes „Rana Plaza“ gerettet...

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.