EU-Erweiterung: Kroatiens Beitritt ohne Begeisterung

EU-Erweiterung: Kroatiens Beitritt ohne Begeisterung

von Matthias Kamp

Die Mitgliedschaft in der Europäischen Union sorgt in der Bevölkerung für wenig Jubelstimmung. Ein Besuch in Slawonien, der ärmsten Region des 28. EU-Staates.

Verlässt man das Provinzstädtchen Dakovo in Richtung serbische Grenze, breitet sich Tristesse aus. Ein, zwei Bauernhöfe, viel mehr gibt es meist nicht in den Dörfern im dünn besiedelten Nordosten Kroatiens. Zu erreichen sind die Gehöfte oft nur über Schotterpisten, die kleine Getreide- und Rübenfelder in noch kleinere Parzellen teilen. Hier und da duckt sich eines der für die Region typischen einstöckigen Häuser in die Landschaft.

Niko trägt Bermudashorts, eine weiße Schirmmütze und Sportschuhe. Sein Gesicht ist von der Sonne gegerbt. Der 46-Jährige steht auf einem Feld neben seinem Traktor und denkt ein wenig wehmütig an die Vergangenheit – in Deutschland. „Als Spargelstecher ging es uns gut“, erinnert er sich. Jahrelang hat er jede Saison auf den Feldern in Weiterstadt bei Darmstadt gearbeitet. Es war die vielleicht beste Zeit seines Lebens, sagt er. Jetzt ist Niko Bauer in Slawonien, der strukturschwächsten Region des Balkanstaates Kroatien, der an diesem Montag als 28. Vollmitglied in die Europäische Union aufgenommen wird.

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Wissenswertes über Kroatien

  • Wo liegt Kroatien überhaupt?

    Kroatien liegt am Mittelmeer gegenüber von Italien. Das Land grenzt an Slowenien, Ungarn, Serbien und Bosnien-Herzegowina, hat eine Gesamtfläche von 56.542 Quadratkilometer, einschließlich 1.246 Inseln. Rund 4,5 Millionen Kroaten wurden zuletzt gezählt, die meisten von ihnen sind Katholiken.

  • Ist Kroatien ein Urlaubsland?

    Die fast 1800 Kilometer lange Küstenlinie mit zahlreichen vorgelagerten Inseln, sowie Weltkulturerbe-Stätten und Nationalparks machen Kroatien zu einem attraktiven Reiseziel. Fast zwölf Millionen Touristen zog Kroatien 2011 an, zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Der Tourismussektor bildet damit ein Fünftel des Bruttoinlandsproduktes.

  • Wird man in Kroatien nass?

    Kroatien zählt zu den 30 wasserreichsten Staaten der Welt, in Europa steht das wässrige Land gar auf Platz drei mit 32.818 Kubikmetern an erneuerbaren Wasserreserven pro Kopf und Jahr. Abgesehen von den vielen Flüssen und Seen, wird es sonst eher in der Küstenregion nass, wo die Niederschlagsmenge doppelt so hoch ist wie im Landesinneren.

  • Wie steht es um Kroatiens Wirtschaft?

    Das BIP-Wachstum betrug 2011 0,2 Prozent, die Inflationsrate liegt bei 2,8 Prozent, die Arbeitslosigkeit bei 11,3 Prozent. Die wichtigsten Handelsgüter Kroatiens sind Erdöl, Nahrungsmittel, Maschinen und Elektrotechnik.

  • Was können Kroaten besser als Deutsche?

    Lebkuchenherzen backen. Diese süße Spezialität stammt nämlich ursprünglich aus Kroatien: seit dem 16. Jahrhundert werden die Herzen in Klöstern gebacken, verziert und zu besonderen Anlässen verschenkt.

Niko besitzt eine kleine Schafherde; das Fleisch verkauft er an die Bewohner im Umland. Das kleine Stück Land, das er mit seinem Traktor bearbeitet, hat er gepachtet; die vierköpfige Familie lebt von etwa 200 Euro im Monat. Auch im rückständigen Slawonien ist das nicht viel. Vom EU-Beitritt erwartet Niko nichts. „Es tut mir leid für die EU, dass sie jetzt auch noch dieses Land aufnehmen muss“, lästert er.

Niko, der aus Furcht vor Repressalien seinen Familiennamen nicht nennen will, ist mit dieser Ansicht nicht allein. In Slawonien dominiert angesichts des EU-Beitritts eine Mischung aus Furcht und Resignation. Weil die Infrastruktur schwach entwickelt ist, kann die Region zwar mit Milliardenhilfen aus Brüsseler Fördertöpfen rechnen. Insgesamt sind für den Neuling in den nächsten sieben Jahren rund acht Milliarden Euro an Hilfen vorgesehen. Die von der Regierung in Zagreb verordnete Begeisterung teilt hier trotzdem kaum jemand – und wer seine Kritik zu laut äußert, muss angeblich mit Besuchen von Behördenvertretern rechnen.

Kartenansicht Slawonien

Slawonien ist die der ärmsten Region Kroatiens

Traditionell ist die Region zwischen Zagreb und serbischer Grenze die Kornkammer des 4,5-Millionen-Einwohner-Landes. Die Böden sind fruchtbar; Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse gedeihen hier prächtig. Industriell indes sieht es düster aus. Zwei große staatliche Fleischverarbeiter gab es einst in Dakovo, sie beschäftigten zusammen mehr als 5000 Leute. Doch die Regierung verkaufte die Betriebe an einen reichen Kroaten aus Zagreb. Der versprach, die Unternehmen zu sanieren. Stattdessen verscherbelte er die Maschinen ins Ausland und setzte die Belegschaft auf die Straße. Einen großen Hersteller von Reifen und Schuhen, der zu besten Zeiten 30.000 Mitarbeiter beschäftigte, ereilte ein ähnliches Schicksal. Sicher, die Unternehmen waren am Weltmarkt nicht wettbewerbsfähig. Das Problem ist nur, dass nach der Abwicklung nichts Neues nachwuchs.

Die Folgen des Niedergangs sind überall zu besichtigen. Man kann stundenlang durch die Region fahren, ohne einen einzigen Laden, eine Bankfiliale oder eine Gaststätte zu entdecken. Die Spuren des Krieges gegen Serbien in den Neunzigerjahren sind noch allgegenwärtig. Es gibt Bombenkrater im Boden, manche Häuserfassaden sind mit Einschusslöchern übersät.

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