EU-Flüchtlingsgipfel: Geld spielt keine Rolle!

KommentarEU-Flüchtlingsgipfel: Geld spielt keine Rolle!

Bild vergrößern

Immer mehr Flüchtlinge kommen über das Mittelmeer nach Europa. Nur wenige schaffen den beschwerlichen Weg bis hierhin: eine deutsche Asylbewerberunterkunft. Auch die EU erkennt, dass dringender Handlungsbedarf besteht.

von Hans Jakob Ginsburg

Beim Brüsseler Gipfel zum Flüchtlingsdrama ist nicht viel herausgekommen – abgesehen von der Erkenntnis, wie zaghaft Europas Spitzenpolitiker an wirklich wichtige Probleme herangehen.

Geld spielt keine Rolle, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, hat die Bundeskanzlerin am späten Donnerstag gesagt, nach dem Beschluss der Staats- und Regierungschefs, die Rettungsaktion im Mittelmeer künftig mit zehn Millionen Euro pro Monat zu finanzieren. Das ist gemessen an den Kosten der Griechenland- und Bankenrettung nicht viel, aber man wird Angela Merkel an diesem Ausspruch messen, wenn das Massensterben im Mittelmeer neue schlimme Fernsehbilder produzieren wird. Und damit ist leider fest zu rechnen.

Schon darum, weil die EU nach den neuen Brüsseler Beschlüssen ihre Rettungsaktionen weiter auf die Küstengewässer unmittelbar vor ihren Mitgliedsländern beschränken wird. Das war zu Anfang dieses Jahres der entscheidende Fehler bei der Umstellung vom italienischen Rettungsprogramm „Mare Nostrum“ auf das gesamt-europäische Projekt „Triton“: Wer nicht im gesamten Mittelmeer – ja, auch vor der libyschen Küste - Schiffbrüchige und Lebensbedrohte rettet, nimmt die Katastrophen in Kauf.

Anzeige

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

  • Flucht nach Europa

    Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

  • Tot oder vermisst

    3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

  • Zahl der Flüchtlinge in Europa

    170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

  • Syrer

    66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

  • Asylantrag

    191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

  • 123.000 Syrer...

    ...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

  • Asylbewerber in Deutschland

    202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

  • Steigende Zahl der Asylbewerber

    Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

  • Aufnahme der Flüchtlinge

    Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

  • Überfahrt nach Italien oder Malta

    600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Nur – es war ja gar kein Fehler: Unsere europäischen Politiker wollten und wollen immer noch potenzielle Flüchtlinge abschrecken – was aber nicht funktioniert, Moral und Völkerrecht mal ganz beiseite. Und natürlich den bösen Menschenschmugglern das Geschäft verderben – als ob es darauf ankäme!

Europa kann sich zu nichts durchringen

Unfreiwillig komisch etwa der wahlkampfverstrickte Engländer David Cameron: In Brüssel versprach der Premierminister den Einsatz des größten Kriegsschiffes seiner Navy für den Kampf gegen die Schlauch- und Fischerboote auf dem Mittelmeer und betonte im selben Atemzug, kein Schiffbrüchiger, der es vielleicht auf Ihrer Majestät Schlachtschiff schaffe, dürfe dann auch Asyl in Großbritannien beantragen.

weitere Artikel

Es ist nicht lustig. In Deutschland reden Wirtschaftsverbände davon, dass ganz viele Asylbewerber leicht und ohne Schaden für irgend jemanden in unseren Arbeitsmarkt integriert werden könnten, wenn die Gesetzeslage das hergeben würde. In vielen anderen EU-Ländern gibt es kaum Asylbewerber, keine Bootsflüchtlinge und keine geflohenen Syrer und Irakis: In Brüssel haben sich ihre Vertreter durchgesetzt, und so etwas wie ein Verteilungsschlüssel für die Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten ist nicht in Sicht.

Noch weniger kann Europa sich durchringen, an seinen Botschaften oder sonstwo in den afrikanischen Ländern Aufnahme- und Informationszentren zu errichten, als Alternative zu den Todeswegen über das Mittelmeer.

Und schon gar nicht sprachen die Spitzenpolitiker vom Grundproblem: der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung jener afrikanischen Länder, aus denen die verzweifelten Flüchtlinge kommen. Das wäre nicht nur moralisch geboten: Mehr Investitionen in Afrika, mehr afrikanisch-europäischer Handel, bessere und gezielte Ausbildungsprogramme wären für alle Seiten wirtschaftlich nützlich. Insofern sollte Angela Merkel auch in diesem Zusammenhang ein bisschen mehr von Geld sprechen.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%