EU-Gipfel: Europas Rolle rückwärts in der Energiepolitik

EU-Gipfel: Europas Rolle rückwärts in der Energiepolitik

von Tim Rahmann

Die Staats- und Regierungschefs geben einen wichtigen Impuls für die Wirtschaft und kämpfen für bezahlbare Energiepreise für die Industrie. Beim Kampf gegen Steuertrickser hingegen gibt es nur vage Ergebnisse.

Europa bereitet sich auf eine Rolle rückwärts in der Energiepolitik vor. Als Reaktion auf die schwere Wirtschaftskrise wollen die 27 Mitgliedsländer der Europäischen Union Industrie und Verbraucher mit niedrigeren Energiepreisen unterstützen. "Die Versorgung mit bezahlbarer und nachhaltiger Energie für unsere Volkswirtschaften ist äußerst wichtig", heißt es in dem Entwurf der Abschlusserklärung des Brüssel Gipfels. Die Industrie sei auf billigen Strom und Gas angewiesen. Noch vor Jahresende soll die EU-Kommission eine Analyse über die Preistreiber im Energiesektor vorlegen.

So soll die Wirtschaft insbesondere im Wettbewerb mit den USA und China mithalten können. Länder, in denen die Strom- und Gaspreise um ein Vielfaches niedriger sind als in Europa. "Die Wettbewerbsfähigkeit Europas hat sich durch die Erdgasförderung in Amerika dramatisch verändert", erklärte Bundeskanzlerin Angela Merkel unmittelbar nach dem Gipfeltreffen. "Das stellt uns vor erheblichen Herausforderungen."

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Um diese zu meistern, sollen die Staaten ihren Mix in der Energieversorgung erweitern, heißt es im Abschlussbericht. Sprich: Die Fokussierung auf Erneuerbare Energie soll revidiert werden. Gas- und Kohlekraftwerke könnten wieder eine stärkere Rolle spielen. "Man darf jetzt nicht unter dem Eindruck der Wirtschafts- und Finanzkrise den Klimaschutz kleiner schreiben", erklärte der luxemburgische Premier Jean-Claude Juncker. "Aber trotzdem muss man sehen, dass es nicht so sein kann, dass wir klimapolitisch die Führung übernehmen, während andere sich zurücklehnen und nichts tun." Juncker fügte hinzu: "Klima ist eine globale Frage, man muss sie global angehen."

Infografik So funktioniert die Erdgasförderung

Weltweit lagern riesige Mengen Erdgas in schwierig zu erreichenden Gesteinsschichten. Neue Fördertechniken ermöglichen es jetzt, sie wirtschaftlich zu erschließen.

Querschnitt der Bodenschichten beim Fracking

Der Strompreis steigt und steigt

Europas Vorpreschen bei der Wind- und Solarenergie soll also nicht länger zulasten der Wirtschaft gehen. Zur Not geht man halt künftig einen Schritt langsamer voran. Eine Kehrtwende vor allem der deutschen Politik, die die Energiewende überstürzt verkündete und nun mit anschauen muss, wie der Ärger um den Netzausbau das Projekt ins Stocken bringt. Der Strompreis kennt nur eine Richtung: er steigt und steigt. Die Unternehmen werden zwar entlastet, sie mussten seit 2008 nur drei Prozent höhere Kosten tragen. Doch der Preis ist hoch, da die Privathaushalte die Zeche zahlen müssen. Ihre Stromrechnung stieg seit 2008 um rund 20 Prozent.

Was hinter „Fracking“ steckt

  • „Fracking“ - umstrittene Förderung von Erdgas

    Das umstrittene „Fracking“ wird seit mehreren Jahrzehnten zur Gewinnung von Erdgas aus Gesteinsporen eingesetzt. Bei dem „Hydraulic Fracturing“ wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen.

  • Künstliche Fließwege

    Um das Gas fördern zu können, werden künstliche Fließwege geschaffen. Dazu wird ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst, so dass Risse im Gestein entstehen. Durch sie entweicht das Gas und gelangt schließlich an die Oberfläche.

  • Gefahr für das Grundwasser

    Unter den Chemikalien sind auch gefährliche Stoffe, die bei unsachgemäßer Verwendung Mensch und Umwelt gefährden können. Kritiker weisen darauf hin, dass der Chemikalien-Cocktail bei Bohrpannen oder dem Durchstoßen von Wasserspeichern ins Grundwasser gelangen kann. Auch das Umweltbundesamt äußert Bedenken.

  • Beherrschbarkeit des Verfahrens

    Energiekonzerne wie ExxonMobil betonen dagegen die Beherrschbarkeit des Verfahrens: Jeder Eingriff („Frac“) werde durch eine stabile Ummantelung der Bohrung von der Umwelt getrennt.

  • Lagerstätten in Deutschland

    In Deutschland wird das Gas in „unkonventionellen Lagerstätten“ vor allem in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Nord-Hessen und dem Oberrheingraben vermutet.

  • ... und in der Welt

    Über das weltweit größte Vorkommen verfügt laut einer Studie des US-Energieministeriums China, danach kommen die USA und Argentinien. In den USA sind die Energiepreise durch die massive Erschließung von Gasvorkommen eingebrochen - allerdings gibt es Berichte über massive ökologische Folgen.

Neben den bekannten Energiequellen soll möglicherweise auch bald per Fracking der Energiehunger Europas gesättigt werden. Die Förderung von Schiefergas taucht in der Abschlusserklärung zwar nur verklausuliert auf, doch die Fracking-Gegner müssen besorgt sein. So einigten sich die Staats- und Regierungschefs der EU in Brüssel auf die Formulierung, die EU-Kommission werde "heimische Energiequellen darauf prüfen, wie sie sicher, nachhaltig und kosteneffizient" sie genutzt werden könnten. Gipfelchef Herman Van Rompuy wurde klarer: "Zum Energiemix gehört auch Schiefergas. Für einige Länder mehr, für andere Staaten weniger."

EU-Kommissar Günther Oettinger wird zufrieden sein. Schließlich betonte er noch am Morgen, man müsse sich die Option Fracking für ganz Europa bewahren. Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) lehnt dagegen die von Umweltschützern als gefährlich bezeichnete Förderung von Schiefergas ab. Wohlgemerkt: Die EU gibt nur die Richtung vor, kümmert sich um die Versorgungssicherheit und die Verbindung der nationalen Energienetze. Die nationalen Regierungen entscheiden, ob sie Atom, Windenergie oder Kohle den Vorzug geben. So steht es im EU-Vertrag.

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