EU-Problemstaat: Ungarn verschenkt sein Talent

EU-Problemstaat: Ungarn verschenkt sein Talent

von Matthias Kamp

Eine moderne Infrastruktur und gut ausgebildete Menschen macht Ungarn für Investoren interessant. Doch mit seiner scharfen Rhetorik macht Ministerpräsident Viktor Orbán sein Land zum Pariastaat Europas.

Eine moderne Infrastruktur, gut ausgebildete Menschen, überschaubare Kosten und die Nähe zu den Märkten Westeuropas – das waren die Faktoren, die deutsche Firmen in der Vergangenheit zu Tausenden nach Ungarn getrieben haben.

Ungarns Stärken

  • Infrastruktur

    Ungarn ist ein Transitland mit gutem Infrastrukturangebot sowie Logistikinfrastruktur und gilt als Brückenkopf zu Ost-/Südosteuropa.

  • Arbeitsmarkt

    Ungarn verfügt über gut ausgebildete und motivierte Arbeitskräfte bei niedrigem Lohnniveau.

  • Investitionen

    Das Land gilt als günstiges Umfeld für Investitionen im verarbeitenden Sektor, allem voran im Kfz-Bau.

  • Vorteile für Unternehmen

    Ungarn kann zudem mit einer hohen Produktivität sowie vergleichsweise niedrigen Steuern für kleine und mittlere Unternehmen und höhere Einkommen punkten.

  • Wirtschaftliche Verflechtung

    Die Wirtschaft des Landes profitiert von einer engen Verflechtung zu Deutschland, insbesondere Süddeutschland.

Die großen Namen des deutschen Einzelhandels wie Metro, Aldi und Lidl sind vor Ort; Dax-Schwergewichte wie Siemens oder Bayer sowieso. Doch vor allem die Autozulieferer nutzen Ungarn seit langem als Fertigungsbasis. Etwa die Hälfte des deutschen Investments in Ungarn entfällt auf die Automobilwirtschaft. Insgesamt hatten deutsche Unternehmen bis Ende 2011 fast 18 Milliarden Euro in das osteuropäische Land getragen. Kaum irgendwo sonst in der Region ist die deutsche Wirtschaft ähnlich stark engagiert.

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Ungarns Schwächen

  • Belastung

    Einzelne Sektoren wie Banken oder Energie haben in Ungarn mit extremen steuerlichen Belastungen zu kämpfen.

  • Fachkräfte

    Vor allem in technischen Berufen herrscht in Ungarn Fachkräftemangel.

  • Investitionsquote

    Trotz des günstigen Investitionsumfelds fiel die Investitionsquote Ungarns auf nur noch 17 Prozent.

  • Vertrauensverlust

    Durch das schwindende Vertrauen Ungarns im Ausland sinkt der FDI-Zufluss (Foreign Direct Investment, ausländische Direktinvestitionen)

  • Kreditklemme

    Durch die Zuspitzung der Kreditklemme im Land drohen Insolvenzen und Zahlungsausfälle.

Ungarn galt bei der deutschen Wirtschaft stets als verlässlicher Partner und attraktiver Standort. Wegen seiner Rolle beim Fall des Eisernen Vorhangs genoss das Land außerdem überall im Westen hohes Ansehen. Doch jetzt ist Ministerpräsident Viktor Orban dabei, den Bonus zu verspielen. Mit seinen Frontalangriffen gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), schrillen Tönen gegen Brüssel, seinen ständigen Verfassungsänderungen und den verschärften Kontrollen der Medien sorgt der Regierungschef schon seit einiger Zeit auf politischer Ebene für Wirbel. Schlimmer noch: Die zunehmend unberechenbare Wirtschaftspolitik verunsichert jetzt auch deutsche Unternehmen. Immerhin ist Deutschland größter ausländischer Investor in Ungarn. 3000 deutsche Firmen haben im Land Niederlassungen.

Es breite sich in Ungarn eine Stimmung aus, heißt es bei der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Budapest, die sich mit den Worten „Ungarn zuerst“ zusammenfassen ließe. Vor allem im Dienstleistungssektor seien Unternehmen aus dem Ausland in Ungarn nicht mehr willkommen. Die Profiteure: heimische Staatsfirmen. „Über das positive Bild legt sich ein Schatten“, umschreibt ein langjähriger politischer Beobachter aus Deutschland in Budapest das Klima.

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