Euro-Krise: Der europäische Markt zerfällt

Euro-Krise: Der europäische Markt zerfällt

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Ein integrierter europäischer Finanzmarkt würde dringend benötigtes Wachstum anschieben. Doch der europäische Finanzmarkt zerfällt.

von Silke Wettach

Die Zusammenführung der nationalen Finanzmärkte seit 1999 zeigte Wirkung. Doch mit dem Ausbruch der Schuldenkrise zerfällt der europäische Markt in nationale Einheiten. Das schadet der Gemeinschaftswährung.

Für die Väter des Euro war es ein simples Konzept: eine Währung, ein Markt. Und so lancierten sie parallel zur Einführung des Euro 1999 einen Aktionsplan für Finanzdienstleistungen, der zu einem einheitlichen europäischen Finanzmarkt führen sollte. Hindernisse, die Banken und andere Finanzmarktakteure zuvor hinderten, in anderen Ländern der EU aktiv zu werden, wurden aus dem Weg geräumt. Die Integration zeigte Wirkung: So näherten sich etwa die Zinssätze stark an, zu denen Unternehmen und Privatpersonen in der Euro-Zone Kredite erhielten.

Doch die Finanz- und die Schuldenkrise haben die bisher erzielten Fortschritte beinahe ausradiert. In ihrem jüngsten Bericht zur Integration des europäischen Finanzmarkts zieht die Europäische Zentralbank (EZB) eine ernüchternde Bilanz. In dem Ende April veröffentlichten Dokument spricht die EZB von einer „einschneidenden Verschlechterung der europäischen Finanzintegration“ und einem „Rückfall in die Zersplitterung der Bankenmärkte in der Euro-Zone“. Für den italienischen Ökonomen Ignazio Angeloni, der das EZB-Direktorium in Fragen der Integration berät, handelt es sich schlicht um „ein Debakel“.

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Anzeichen für die Renationalisierung gibt es viele. So verlangen Banken seit 2008 systematisch höhere Zinsen, wenn sie Instituten aus anderen EU-Ländern Geld leihen. Gleichzeitig haben Finanzinstitutionen massiv Anleihen aus dem EU-Ausland abgestoßen. Angesichts der Schuldenkrise sind viele Finanzakteure aus Staatsanleihen von Peripherie-Staaten ausgestiegen. Das spanische Wirtschaftsministerium veröffentlichte kürzlich Daten, wonach Ausländer alleine im März spanische Staatsanleihen im Wert von 20 Milliarden Euro abgestoßen haben. In Italien stockten die heimischen Banken ihren Bestand an italienischen Staatsanleihen im Februar um 22 Milliarden Euro auf und sprangen so für ausländische Investoren ein.

Die Renationalisierung beschränkt sich nicht auf Staatsanleihen, auch bei Unternehmensanleihen zeigen die EZB-Daten einen ähnlichen Trend. Investoren bevorzugen heimische Unternehmensanleihen.

Auch Banken konzentrieren sich im Retail-Bereich mehr und mehr auf ihre Heimatmärkte. „Es gibt Anzeichen, dass sich Banken hinter ihre nationalen Grenzen zurückziehen“, stellt die EU-Kommission in einer aktuellen Analyse fest. Ein Grund sind nationale Auflagen, bestimmte Kreditvorgaben an die Realwirtschaft zu erfüllen. Für Kredite an ausländische Privatkunden bleiben dann schlicht keine Mittel zurück. Als die französische Crédit Agricole im Dezember den Rückzug aus 21 Ländern ankündigte, erklärte die Bank pathetisch, sie wolle nun der französischen Bevölkerung helfen, ihre Pläne umzusetzen.

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Bedenklich ist der nationale Rückzug gleich aus zwei Gründen. Ein integrierter europäischer Finanzmarkt würde dringend benötigtes Wachstum anschieben. Ökonomische Studien kommen übereinstimmend zu dem Resultat, dass die europäische Wirtschaft von einem einheitlichen Finanzmarkt profitieren würde. Ökonomen vom Centre for Economic Policy Research schätzen beispielsweise, dass das Wachstum des verarbeitenden Gewerbes in Europa um bis zu 0,94 Prozentpunkte höher läge, wenn es denselben Zugang zu Finanzen hätte wie US-Unternehmen, zitiert die EZB in ihrem Bericht.

Dramatisch ist der Zerfall des europäischen Finanzmarkts aber vor allem, weil er das Funktionieren der Geldpolitik stört. Die „reibungslose Übersetzung“ der Zinsstrategie der EZB sei teilweise ausgesetzt, heißt es im EZB-Bericht, sodass der Prozess „weniger robust und vorhersehbar“ sei. Die Zentralbank verliert an Steuerungsmöglichkeiten, es ist nicht klar, ob die von ihr beabsichtigten Signale in der Realwirtschaft ankommen. EZB-Berater Angeloni sieht in der Entwicklung einen Grund zur Sorge: „Eine Währungsunion kann ohne Finanzmarktintegration nicht überleben.“

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