ThemaEZB

Euro-Krise: Die Unabhängigkeit der EZB ist reine Fiktion

04. November 2012
Der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi - nur ein Gefangener politischer Interessen Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Der Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi - nur ein Gefangener politischer Interessen Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche
von Dieter Schnaas

Nullzinspolitik, Anleihekäufe, demnächst auch noch die Bankenaufsicht – nie zuvor war die Macht der Zentralbanken größer und nie zuvor ihre Kapitulation vor der Politik so total. Die Unabhängigkeit der Geldpolitik hat sich in eine königliche Knechtschaft gewandelt.

Ein harmlos klingender Satz, acht Worte nur: „Der Euro ist weit mehr als eine Währung.“ Angela Merkel hat ihn gesagt, vergangene Woche im Bundestag, und natürlich nickten sie alle im Plenum, pflichtschuldig, ernst, jawohl: „Der Euro ist weit mehr als eine Währung.“ Keinem im Saal ging das Ungeheuerliche dieses Satzes auf, keiner spürte seinen verborgenen Sinn, keiner hörte durch ihn hindurch, was die Kanzlerin ein für alle Mal klarstellte, indem sie es ausdrücklich nicht sagte: Schon die Annahme, die Europäische Zentralbank (EZB) sei unabhängig, ist Unfug. Denn wenn der Euro mehr ist als eine Währung, dann schlägt die Stunde der Politik. Dann ist Preisstabilität kein Wert mehr an sich. Dann ist der richtige Mix aus Wirtschafts-, Finanz- und Geldpolitik gefragt und die unabhängige Geldmengensteuerung der Notenbanken ein Frevel, weil sie keinem höheren Zweck, dem Wohl Europas und seiner Bürger, sondern einem abstrakten Partikularinteresse, dem Wohl der Währung, dient.

Anzeige

Dass die Notenbank das inzwischen genauso sieht und sich nur noch als Ausführungsorgan einer in Berlin, Paris und Brüssel abgemischten Euro-Rettungspolitik versteht, hat vergangene Woche EZB-Chef Mario Draghi mit seinem Besuch im Bundestag eindrucksvoll bestätigt. Seine Visite diente nicht etwa der Verteidigung einer Zinspolitik, die unabhängig von politischen Augenblicksinteressen nach einem angemessenen Preis des Geldes fragt, sondern im Gegenteil: Draghi warb um Verständnis für die Preisgabe aller notenbanklichen Souveränität! Verstehen können das nur noch Geübte in höherer Dialektik: Die EZB entledigt sich ihrer geldpolitischen Freiheit und lässt sich von der Politik in den Dienst nehmen, um sich als Sachwalter der Politik dafür zu rechtfertigen, von ihr mit allzu großen Befugnissen ausgestattet zu sein. Nullzinspolitik, Anleihekäufe, demnächst auch noch die Bankenaufsicht in Europa – die EZB hat ihre Selbstständigkeit verloren, um an Zuständigkeit zu gewinnen. Nie zuvor war ihre Macht größer – und nie zuvor ihre Selbstbestimmtheit so gering.

Sicher, schon Helmut Kohl hat seine Richtlinienkompetenz auf das Gebiet der Geldpolitik erstreckt, wann immer er den historischen Ausnahmezustand gekommen sah. Als Bürger sei er froh, dass die Bundesbank unabhängig sei, hat er einmal gesagt; als Kanzler degradierte er sie zur Agentur seiner politischen Großziele, der Deutschen Einheit und der Europäischen Union. Besonders einprägsam hat Kohl den Deutschen die Sache mit den Politik-Köchen und den Notenbank-Kellnern am Abend vor der Euro-Einführung erklärt: „Für mich geht mit der gemeinsamen Währung ein Traum in Erfüllung“, so Kohl, und die Realisierung dieses Traums sei richtig gewesen, Kosten hin, Bedenken her: „Der Weg der Einigung unseres Kontinents ist damit unumkehrbar.“

Europa mit dem Euro zusammenschließen, das war Kohls Utopie, Kohls Vision, und natürlich: Der Mir-nach-Kanzler hat sie gegen alle Einwände durchgesetzt, ist kompasssicher vorneweg marschiert, der Morgenröte einer Föderation friedlich gestimmter Nationalstaaten entgegen. Und – sind sie ihm nicht alle gefolgt, die „selbst ernannten Experten“ in Frankfurt, denen der Sinn für die geschichtliche Dimension des Euro fehlte, die Ökonomen und Währungshüter, die das europäische „Schlüsselprojekt“ mit ihrer kleinkrämerischen D-Mark-Seligkeit beinahe zerredet hätten? Der Euro war da, Europa vollendet und der Rest reine Formsache, jubelte Kohl: „Er reißt Portugiesen und Finnen, Griechen und Österreicher ebenso wie uns Deutsche mit in die europäische Zukunft.“

Die Hilfsmittel der EZB

  • Billige Kredite

    Draghi senkte den Zinssatz für wöchentliche Kreditgeschäfte auf ein Rekordtief von 0,75 Prozent. Banken, die dringend frisches Geld brauchen, können sich so leichter refinanzieren.

  • Unbegrenzte Liquidität

    Seit dem Herbst 2008 verleiht die EZB unbegrenzt Geld. Draghi setzte noch eins drauf: Die Institute durften sich zusätzlich mit dreijährigen Krediten von insgesamt einer Billion Euro eindecken.

  • Weniger Sicherheiten

    Die EZB hatte die Anforderungen an Wertpapiere, die Banken bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Zentralbank als Sicherheiten benutzen dürfen, deutlich gesenkt. Draghi hat diese nun noch weiter gelockert.

  • Kauf von Pfandbriefen

    Die EZB hat für 70 Milliarden Euro Pfandbriefe gekauft und belebte so den Markt für dieses sehr wichtige Refinanzierungsinstrument der Banken.

  • EZB zahlt keine Zinsen mehr

    Draghi hat den Zinssatz für Einlagen der Geschäftsbanken auf null gesenkt. Die Geldhäuser sollen ihre überschüssige Liquidität lieber an Konkurrenten verleihen – oder als Kredite an die Realwirtschaft geben. So will er den Geldmarkt wiederbeleben.

  • Strengere Aufsicht

    Draghi hat es satt, von nationalen Aufsehern beschummelt zu werden. Er will auf wichtige Bankdaten zugreifen können.

Heute wissen wir, dass der Euro die Rechtsvorschriften der EU, das Stabilitätsversprechen der EZB und deren geldpolitische Unabhängigkeit mitreißt – und zwar in den Abgrund. Europa hat tatsächlich „den Rubikon überschritten“, wie Kohl damals weissagte: Die Unwiderruflichkeit der europäischen Einigung hat sich zu einem säkularen Dogma verfestigt, dem das Opfer des Geldwerts, der Prosperität und der ordnungspolitischen Grundsätze gebracht werden muss. Die Autonomie der EZB und ihre gesetzlich verankerte Selbstverpflichtung, Inflationsgefahren vorzubeugen, ist spätestens seit ihrem Beschluss, notfalls unbegrenzt staatliche Schuldtitel zu kaufen, reine Fiktion. Kaum schlägt die Politik Alarm, weil sie die akute Gefahr eines Zusammenbruchs des Finanzsystems höher einschätzt als die schleichende Gefahr eines chronisch kranken Geldsystems – schon sind die Zentralbanker nicht mehr präventivmedizinisch für die Gesundheit der Währung unterwegs, sondern als Notärzte im Dauereinsatz, um eine schwerverletzte Oligarchie von Investmentbankern vor sich selbst und dem Massenexitus schuldenkomatöser Staaten zu retten.

Anzeige
Kommentare | 12Alle Kommentare
  • 04.11.2012, 07:59 UhrEinBuerger

    "Der Euro ist weit mehr als eine Währung."

    Das ist genauso ein Satz wie ehemals "Führer befiehl, wir folgen Dir" - nämlich eine vollständige Kapitulation vor einem diktatorischen Hirngespinst.

    Und so wie damals werden für einen Satz die Bürger verheizt, zum Wohle des Egos und der Machtspiele und Machtexpansiongelüste einer politischen "Elite".

    Dass die heutigen Ersparnisse der deutschen Bürger schon verloren sind ist zwar allen klar aber man gibts nur öffentlich nicht zu - man könnte das als Euro-Betriebsunfall abbuchen und wieder neu anfangen.

    Das eigentliche Verbrechen ist aber dass jetzt gerade hemmungslos und skrupellos auch noch alle künftigen Leistungen unserer Kinder und Enkel für Südens Mafia und Parasiten verschenkt werden.

  • 04.11.2012, 09:38 Uhrmelancholiker

    wenn der € mehr ist als eine währung - dann schlägt die stunde der politik.
    was erwarten wir denn anderes von der sozialistisch dogmatisch geprägten uckermärckschen pfarrerstochter. die gesamte €-rettung ist ein aushebeln der märkte und der wirtschaftlichen realität durch politische fiktionen. das schlimme ist nur: die märkte werden siegen und die steuerzahler werden für die politik haften.

  • 04.11.2012, 10:31 UhrWegweiser

    Fanatismus statt nüchterner Analytik und Einsicht. Ökonomischen Analysen, kaufmännische Gepflogenheiten, rechtsstaatliche Grundsätze, perdu, vergessen und eher hinderlich. Diese Grundfundamente eines Rechtsstaates, einer Demokratie und einer freien oder auch sozialen Marktwirtschaft, sie werden diesem Projekt offenbar bedenkenlos geopfert.

    Damit ergeben sich für den Bürger zwingend Entscheidungshandlungen bezüglich seines Wahlverhaltens, seiner legalen Einflußmöglichkeiten (z.B. Parteigründungen, Demonstrationen etc.) und seiner grundlegenden Sichtweise auf die deutsche Parteienlandschaften! Sind diese überhaupt noch wählbar?

    Die EU, der Euro werden als unabdingbare Systemrelevanz dargestellt. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang noch der normale Bürger, Steuerzahler und Staatsbürger?

    http://www.youtube.com/watch?v=QERfizizp28
    http://www.youtube.com/watch?v=G_sqj-YTLEk

Alle Kommentare lesen
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.