Euro-Zone: Inflationsrate könnte noch lange niedrig bleiben

Euro-Zone: Inflationsrate könnte noch lange niedrig bleiben

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Wie lange bleiben die Inflationsraten in der Euro-Zone niedrig?

EZB-Beobachter rechnen noch für die nächsten Jahre mit niedrigen Inflationsraten in der Euro-Zone. Gleichzeitig warnt die Zentralbank in ihrem Monatsbericht vor konjunkturellen Risiken.

Das Deflationsgespenst dürfte der Euro-Zone noch länger erhalten bleiben. Denn nach Ansicht von Experten wird sich die niedrige Inflation im Währungsraum erst in Jahren normalisieren. Wie aus der am Donnerstag von der Europäischen Zentralbank (EZB) veröffentlichten Umfrage unter professionellen Beobachtern ihrer Geldpolitik hervorgeht, rechnen diese erst im Jahr 2019 wieder mit fast stabilen Preisen.

Demnach soll sich 2016 die Inflationsrate mit 1,5 Prozent langsam dem von der Zentralbank angestrebten Wert von knapp zwei Prozent annähern. Im laufenden und im nächsten Jahr wird dieses Ziel jedoch wohl deutlich verfehlt: Die Beobachter rechnen für 2014 mit einem Wert von 0,7 Prozent. Im Mai hatten sie noch 0,9 Prozent veranschlagt. Nächstes Jahr dürfte die Teuerung den Schätzungen zufolge dann auf 1,2 (Mai: 1,3) Prozent steigen.

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Die wichtigsten Fakten zur niedrigen Inflation

  • Was bedeutet das niedrige Preisniveau für Verbraucher?

    Autofahrer können sich ebenso freuen wie alle, die Haus oder Wohnung heizen müssen: Die Sprit- und Energiepreise liegen seit Monaten unter dem Vorjahresniveau. Auch der starke Euro trägt dazu bei, dass Tanken und Heizen günstiger wird: Die Euro-Stärke verbilligt die in Dollar abgerechneten Rohölimporte. Niedrige Inflation ist also in diesem Fall gut fürs Portemonnaie: Verbraucher bekommen mehr für ihr Geld. Allerdings liegt selbst die derzeit sehr niedrige Inflationsrate in Deutschland noch über den Zinsen, die aktuell auf den meisten Sparbüchern oder Tagesgeldkonten zu verdienen sind. Ersparnisse verlieren also unter dem Strich an Wert. Allerdings wären die Einbußen für Sparer noch größer, wenn die Inflation höher läge.

  • Was ist schlecht an sinkenden Preisen?

    Das Problem ist, wie Verbraucher und Unternehmen die künftige Entwicklung des Preisniveaus einschätzen. Wer weiter sinkende Preise erwartet, verschiebt vielleicht den Kauf der neuen Waschmaschine oder die Investition in die neue Fabrikhalle - denn es kann ja eigentlich nur günstiger werden. Das könnte eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen: Unternehmen machen weniger Gewinn, Mitarbeiter werden entlassen. Diese können sich dann weniger leisten und der Druck, Preise weiter zu senken, nimmt zu. Diese Verkettung lähmt die Konjunktur. In der Folge sinken auch die Steuereinnahmen und die Belastungen durch Schulden und Sozialleistungen nehmen zu.

  • Warum ist die Inflationsrate derzeit so niedrig?

    70 Prozent des Inflationsrückgangs im Euroraum, so hat es kürzlich EZB-Präsident Mario Draghi vorgerechnet, gehen auf das Konto gesunkener Energie- und Lebensmittelpreise. Dass das Preisniveau in Deutschland noch höher ist als in vielen anderen Eurostaaten liegt daran, dass in Ländern wie Griechenland, Spanien und Co. Unternehmen Preise senken müssen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Zudem müssen Regierungen sparen, um hohe Schuldenberge abzutragen. In Deutschland ist die Konjunktur hingegen relativ robust. Das schafft Raum für Investitionen und Lohnerhöhungen.

  • Droht eine für die Konjunktur gefährliche Deflation?

    Darüber gehen die Meinungen auseinander. So warnt das DIW vor der Gefahr „einer sich selbst verstärkenden Deflationsspirale“ bei langanhaltend niedrigen Inflationsraten. DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank. Im „Focus“ schreibt er: „Ohne ein beherztes Eingreifen der EZB sehe ich schwarz.“ Europas Währungshüter rechnen zwar mit einer niedrigen Inflationsrate in diesem und im kommenden Jahr, Deflationsrisiken sehen sie aber nicht.

  • Was kann die Europäische Zentralbank tun?

    Draghi hat klargestellt, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, sollte die Teuerungsrate überraschenderweise weiter sinken. Die Notenbank prüfe auch weitere unkonventionelle Maßnahmen, darunter ein Programm zum Anleihekauf („Quantitative Lockerung/QE). „Ob die EZB noch einmal die Zinsen senkt, oder gleich ein breit angelegtes Anleihenkaufprogramm beschließt, würde wohl davon abhängen, wie stark sie ihren mittelfristigen Inflationsausblick nach unten korrigiert“, glaubt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

  • Wie werden sich die Verbraucherpreise weiter entwickeln?

    Die EZB erwartet, dass die Inflationsrate schon im April wieder etwas anziehen wird. Volkswirt Weil erklärt, warum: Der übliche Anstieg der Preise für Reisen und Hotelübernachtungen rund um Ostern fällt in diesem Jahr in den April und nicht wie 2013 in den März. Zudem dürften die Energiepreise im April anders als im Vorjahr nicht sinken. Hierfür sprechen nach Weils Einschätzung etwa die tendenziell höheren Benzinpreise während der Osterferien. Insgesamt erwartet die Commerzbank, dass die Inflation im Euroraum in den kommenden Monaten um 0,8 Prozent pendeln wird.

  • Müssen Verbraucher für Nahrungsmittel weiterhin mehr zahlen als 2013?

    Vorerst ja, allerdings stiegen die Preise für Nahrungsmittel in Deutschland zuletzt nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Monaten. Da wegen des milden Wetters früher frisches Obst und Gemüse zu haben ist, dürfte der saisonübliche Preisrückgang für diese Waren in diesem Jahr früher einsetzen. 2013 hatte das kalte Frühjahr die Ernte verzögert. Sinkende Preise für Lebensmittel freuen die Verbraucher, sie können allerdings die Inflation insgesamt wieder etwas drücken.

Die Statistikbehörde Eurostat bestätigte am Donnerstag offiziell die niedrigen Inflationsraten. Die jährliche Teuerungsrate lag im Juli bei 0,4 Prozent, teilten die Statistiker am Donnerstag in Luxemburg mit und bestätigte damit eine erste Schätzung. Eine niedrigere Rate gab es zuletzt im Oktober 2009 mit minus 0,1 Prozent. Im Vormonat Juni hatte die Inflationsrate bei 0,5 Prozent gelegen. Hauptgrund für die niedrigen Raten sind sinkende Energiepreise. Auch die Preise für Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak gingen zurück. Teurer wurden zum Beispiel Restaurant- und Cafébesuche, Mieten und Fahrzeugreparaturen.

Konjunkturelle Skepsis

Die neuen Zahlen könnten EZB-Chef Mario Draghi zum Handeln veranlassen. Zuletzt beließ die Zentralbank ihren Leitzins bei 0,15 Prozent. Draghi rechnet mit einer längeren Phase niedriger Inflation. Als Abwehrmittel gegen einen konjunkturschädlichen Preisverfall hält die Zentralbank ein Wertpapierankaufprogramm bereit. Es soll aber nur zum Einsatz kommen, wenn der Euro-Zone eine Deflation und ein Konjunktureinbruch drohen.

Die professionellen Beobachter gehen davon aus, dass die Euro-Zone dieses Jahr um 1,0 Prozent wachsen wird. Das Wachstum soll sich 2015 auf 1,5 Prozent beschleunigen. Sie blicken damit etwas skeptischer auf die Konjunkturentwicklung in diesem Jahr als noch im Mai. Damals veranschlagten sie für 2014 ein Wachstum von 1,1 Prozent. Die EZB befragt vierteljährlich professionelle Beobachter ihrer Geldpolitik. Die Umfrage dient dem Abgleich der Sicht der EZB mit der Einschätzung der Akteure am Finanzmarkt.

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In ihrem Monatsbericht warnt die Zentralbank auch vor weiteren Risiken. „Insbesondere erhöhte geopolitische Risiken sowie die Entwicklung in den Schwellenländern und an den globalen Finanzmärkten könnten die Konjunkturlage negativ beeinflussen“, schreiben die Währungshüter. Denkbar seien Auswirkungen auf die Energiepreise und die weltweite Nachfrage nach Erzeugnissen aus den 18 Euroländern. EZB-Präsident Draghi hatte vor einer Woche in Frankfurt gesagt, nach seiner Einschätzung werde „insbesondere die Lage in der Ukraine und Russland (...) größere Auswirkungen auf die Eurozone haben“. Was genau die Sanktionen gegen Russland und die Gegenmaßnahmen der russischen Seite für die Wirtschaft des Währungsraums nach sich ziehen werden, sei allerdings noch schwer abschätzbar.

Erst Anfang September wird die EZB erneut über ihren Leitzins entscheiden. Dass dieser erneut gesenkt wird, gilt als unwahrscheinlich. Allerdings deutete Draghi in der vergangenen Woche an, die EZB arbeite an der Wiederbelebung des Marktes für Kreditverbriefungen. Falls nötig, wolle die Zentralbank bereit sein, um Papiere zu kaufen.

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