Euro-Zone verharrt in der Rezession: Zahlen lügen nicht

KommentarEuro-Zone verharrt in der Rezession: Zahlen lügen nicht

von Tim Rahmann

Europas Politiker versprühen Optimismus, US-Bank Morgan Stanley empfiehlt gar den Kauf von griechischen Staatsanleihen. Die offiziellen Wachstums-Zahlen sprechen eine andere Sprache.

Auf den ersten Blick ist alles in bester Ordnung: „Das Glas ist halbvoll“, sagt Griechenlands Ministerpräsident Antonis Samaras. Die Wirtschaft werde sich erholen, ist er sich sicher. Eine Umfrage gibt ihm Rückenwind: Demnach ist die Stimmung in der Wirtschaft im April auf den höchsten Stand seit fast dreieinhalb Jahren gestiegen. Die Ratingagentur Fitch hat griechische Staatsanleihen am Dienstag hochgestuft. Die Papiere werden nun mit „B-„ statt „CCC“ bewertet. Damit gelten die Papiere zwar immer noch als Ramsch, aber es drohe kein direkter Zahlungsausfall. Die US-Bank Morgan Stanley empfiehlt gar den Kauf dieser Papiere.

Alles gut also in Griechenland, Südeuropa und der Euro-Zone? Wohl kaum. Denn anders als subjektive oder gar gefärbte Eindrücke von Regierungspolitikern und Investoren, lügen die nackten Zahlen von Eurostat nicht. Demnach ist etwa die griechische Volkswirtschaft um 5,3 Prozent des BIP im Vergleich zum Vorjahreszeitraum geschrumpft. Zum 19. Mal steht damit ein Minus vor der Wachstumszahl. Zuletzt wuchs die griechische Wirtschaft im zweiten Quartal 2008 – um 0,1 Prozent.

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Griechenland ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Positive Signale gibt es in der Euro-Zone gut wie keine. Die Wirtschaft in Deutschland wuchs um 0,1 Prozent. Auch Belgien konnte sich über ein Mini-Plus freuen. Österreich Wirtschaft stagnierte. In allen anderen Euro-Ländern, in denen bislang Zahlen vorliegen, steht ein Minus zu Buche.

Europas Musterschüler

  • Slowenien

    Slowenien ist eins von fünf Euro-Ländern, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie soll Ende 2012 laut Prognose bei 54,7 Prozent des BIP liegen. Der Trend ist dennoch negativ: Nach einem Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu.

  • Finnland

    Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

  • Slowakei

    Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

  • Luxemburg

    Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

  • Estland

    Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Die Folge: Die Wirtschaft in der Euro-Zone ist auch Anfang 2013 in der Rezession geblieben. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den 17-Ländern schrumpfte zwischen Januar und März um 0,2 Prozent zum Vorquartal.

Düster sieht es vor allem in Italien aus. Das Land steckt in der längsten Rezession seit Jahrzehnten. Die Wirtschaftskraft büßte zum Jahresauftakt 0,5 Prozent ein. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone schrumpft damit schon seit sieben Quartalen in Folge und damit so lange wie noch nie seit Beginn der Statistik 1970. Auch in Frankreich sank das BIP mit 0,2 Prozent stärker als angenommen. Auch Slowenien muss ein kräftiges Minus verkraften.

Krise In Slowenien regiert das Prinzip Hoffnung

Die slowenische Regierung will ohne Rettungsmilliarden der Europäer aus der Krise kommen. Die Euro-Mitgliedsländer sind erleichtert. Doch die Gefahr ist groß, dass beide Seiten zu blauäugig sind.

Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Die Zahlen zeigen: Statt auf ihren Bauch sollten die Politiker in Euro-Land auf die Zahlen hören. Sie zeigen, dass nach wie vor nachhaltige Wachstumsimpulse nötig sind. Diese – ja, wir haben es oft geschrieben – können nur durch Strukturreformen ausgelöst werden. Doch am Reformeifer mangelt es nach wie vor in fast ganz Europa. Heute bekamen die Staats- und Regierungschef dafür die Quittung.

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