Europa in der Krise: Athens größter Pharisäer

Europa in der Krise: Athens größter Pharisäer

von Florian Willershausen

Alexis Tsipras lässt sein Volk im Unklaren über die Härten, die seiner Politik folgen werden. Das wird sich irgendwann rächen – auch wenn ihn die einfachen Griechen heute bejubeln.

Keinen Tag liegt die denkwürdige Nacht zurück, in der Alexis Tsipras seine Griechen per Fußtritt in den Abgrund stürzte. Doch hier in Perama, einem entlegenen Arbeiterviertel am Rande von Athen, haben sie noch keine Ahnung von den Folgen, die die rüde abgebrochenen Verhandlungen zwischen Griechenland und seinen Gläubigern haben. Die Einwohner sind meist einfache Dockarbeiter – oft ohne Arbeit. Sie verstehen nicht, dass ihrem Land am Mittwoch die Zahlungsfähigkeit droht und was das bedeutet. Sie ahnen nicht, dass die Banken ihre Renten am Montag nicht mehr auszahlen werden, dass Waschmittel vermutlich bald fürchterlich teuer werden und sich die soziale Lage noch weiter verschlechtert.

Woher auch? Niemand erklärt den einfachen Menschen von Athen, welche Konsequenzen die Politik des Populisten-Premiers Alexis Tsipras hat. Die folgen stattdessen blind den einfachen Erklärmustern seiner linksradikalen Syriza-Partei: „Es war alles besser, als wir den Euro noch nicht hatten“, behauptet Tarras, ein Vorarbeiter am Bau, der bis vor drei Monaten längere Zeit arbeitslos war. Es sei richtig, dass der Premierminister denen in Brüssel endlich mal Paroli biete: „Der verhandelt wenigstens“, sagt der Kette rauchende Vater mit dem Säugling auf dem Schoß. „Die vorherigen Regierungen haben doch alles unterschrieben, was ihnen die Troika vorgelegt hat!“

Anzeige

Griechenland vor dem Grexit Zerreißprobe in Athen

Griechenland steht vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Banken bleiben auf Geheiß der Regierung ab sofort geschlossen, Kapitalverkehrskontrollen werden eingeführt. Das große Bangen beginnt.

Blitze über der Akropolis Quelle: dpa Picture-Alliance

Es ist nicht schwierig, im Arbeiterviertel Perama noch drastischere Meinungen zu finden. Eine kommt ausgerechnet von Georg, einem Textilkaufmann, der in Mönchengladbach gelernt hat und immer noch Fan des dortigen Bundesligaklubs ist: „Die Deutschen wollen jetzt das vollenden, was sie vor 70 Jahren nicht geschafft haben“, sagt der 52-Jährige, der sich am Sonntagmittag ein Glas Anisschnaps gönnt. Nur würden die Herrschaft über Europa heute nicht mehr mit Gewehren, sondern mit Kredite erreichen wollen.

Solche Sichtweisen sind ganz normal in den ärmeren griechischen Gegenden, seit Jahren schon. Alexis Tsipras weiß das für seine politischen Zwecke zu nutzen, er spielt mit den Stereotypen, er schürt die Ängste und lockt die Menschen mit leeren Versprechungen. Was ein Euro-Ausstieg der Griechen für sie, die armen Schlucker, bedeuten würde, braucht ihn nicht zu interessieren. Der Regierungschef, so geschickt er sich auch der sozialrevolutionären Rhetorik bedient, ist Teil der wohlsituierten Athener Mittelschicht.

Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

  • Die Rückzahlungen 2015

    Die griechische Regierung muss in diesem Jahr noch rund 17 Milliarden Euro an Krediten und Zinsen zurückzahlen. Der größte Batzen entfällt dabei mit rund 8,1 Milliarden Euro auf den Internationalen Währungsfonds (IWF). Daneben stehen Zahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB), private Gläubiger sowie die Partner aus der Eurozone aus. Ungeachtet der Verlängerung des Hilfsprogramms mit den Euro-Partnern ist bisher unklar, wie Finanzminister Yanis Varoufakis die Mittel aufbringen will. Vor allem im Juli und August stehen Rückzahlungen über mehrere Milliarden Euro an. Es folgt eine Auflistung darüber, was Griechenland in welchem Monat dieses Jahres zahlen muss.
    Rundungsdifferenzen möglich, Quelle: Eurobank Athen, eigene Berechnungen (Reuters)

  • März

    Rund 1,5 Milliarden an den IWF, 75 Millionen Zahlungen an andere - insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro.

  • April

    450 Millionen an IWF, 275 Millionen an Zinsen - insgesamt rund 0,7 Milliarden Euro.

  • Mai

    750 Millionen plus 196 Millionen an IWF, sowie 77 Millionen für bilaterale Kredite - insgesamt rund 1 Milliarden Euro.

  • Juni

    1,5 Milliarden an IWF plus 280 Milliarden an EZB und andere - insgesamt 1,7 Milliarden Euro.

  • Juli

    450 Millionen an IWF, 3,5 Milliarden an EZB, 700 Millionen an Zinsen für EZB - insgesamt rund 4,8 Milliarden Euro.

  • August

    Rund 170 Millionen an IWF, 3,2 Milliarden an EZB und andere Notenbanken, 190 Millionen an Zinsen - insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro.

  • September

    1,5 Milliarden Euro an IWF.

  • Oktober

    450 Millionen an IWF, 200 Millionen an andere - insgesamt 0,65 Milliarden Euro.

  • November

    150 Millionen an IWF, 77 Millionen bilaterale Kredite - rund 0,23 Milliarden Euro

  • Dezember

    1,1 Milliarden Euro an IWF.

Als Sohn eines Bauunternehmers wird sein Geld längst auf Schweizer Konten liegen haben. Er wäre wohl einer der vielen Reichen, die Vermögen sofort nach dem Euro-Aus in Drachmen tauschen könnten – um es dann sofort in Immobilien zu investieren. Die Bewohner von Perama haben kaum Ersparnisse, weshalb es dort auch keine Schlangen vor den Geldautomaten gibt. Sie träfe vor allem die Inflation, in die auf die Rückkehr zur Drachme folgen würde.

Solche Ignoranz gegenüber den eigenen Wählern wird sich irgendwann rächen. Noch zehrt Tsipras von seiner Popularität ob des Märchens, dass er den Griechen ihre „Würde“ zurückgegeben habe. Doch schon wenn man von den Arbeitervierteln im Süden wieder in Richtung Zentrum fährt, spürt man den Stimmungswechsel: Da ist Taxifahrer Georg, der wegen der hohen Steuern vor drei Wochen seinen Kiosk hat aufgeben müssen – und nun gänzlich mit der Politik gebrochen hat. „Wir sollten aus dem Euroraum aussteigen und nach drei Jahren geht es uns besser“, sagt er, „denn Griechenland ist ein armes Land und werde nie so wettbewerbsfähig werden wie Deutschland.“ Aber so ehrlich und mutig sei kein Politiker, auch Alexis Tsipras nicht.

Griechenland-Krise Grexit? Welcher Grexit?

Keine Spur von Panik: In Athen hält sich die Hoffnung, der Austritt Griechenlands aus der Eurozone könne irgendwie vermieden werden. Indem er Kurs auf ein Referendum nimmt, pokert Tsipras so hoch wie nie zuvor.

huGO-BildID: 46181452 epa04821093 Greek Prime Minister Alexis Tsipras (R) arrives for a debate on the referendum in the plenary session at the Greek Parliament in Athens, Greece, 27 June 2015. Greek Prime Minister Alexis Tsipras called for a referendum on the Greek debt deal on 05 July, during a televised speech late night on 27 June on Greek state TV. EPA/ALEXANDROS VLACHOS +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Fährt man weiter in den Norden, schlägt die Stimmung völlig um. Denn im Viertel Kifissia etwa leben viele Unternehmer. Sie haben zwar ihr Kapital schon vor Monaten ins Ausland geschafft und fürchten die Kapitalverkehrskontrollen der kommenden Tage nicht mehr. Doch die Geschäfte liegen dennoch am Boden, weil einfach keiner mehr Vertrauen in die griechische Wirtschaft mehr hat. „Wir haben den griechischen Markt abgeschrieben“, sagt Vasilis Antonopoulos, der seine Solaranlagen nun in Serbien und Bulgarien statt in der Heimat installiert.

Der Frust, den der Unternehmer in sich trägt, wird irgendwann auch die ärmeren Viertel von Athen erreichen. Spätestens dann dürfte es ungemütlich werden für einen Populisten wie Alexis Tsipras.  

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%