Europa: Reichtum trotz Rettungsschirm

Europa: Reichtum trotz Rettungsschirm

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Sozialsysteme sollen ihre Bürger auffangen, aber in vielen Krisenländern sind sie durchlässig, wie ein Netz

von Silke Wettach

Der Ruf um Hilfe des Euro-Rettungsschirms schließt nicht aus, dass es in den Pleiteländern durchaus erheblichen Wohlstand gibt. Bei der Debatte über Wohlstand lohnt ein Blick auf die Sozialsysteme.

Wenn die Vertreter der Troika nach Dublin kommen, müssen sie in der Umgebung ihres Quartiers beim Merrion Square schon sehr genau suchen, um Spuren des Austeritätsprogramms zu entdecken. Das hoteleigene Restaurant Patrick Guilbaud, von Michelin mit zwei Sternen ausgezeichnet, ist gut besucht – obwohl das billigste Drei-Gänge-Menü 105 Euro kostet. Auch in den anderen angesagten Etablissements rund um das Merrion Hotel drängt sich die Kundschaft fast wie zum Höhepunkt des Booms. "Leider das ganze Wochenende ausgebucht", heißt es in vielen der schickeren Restaurants Dublins in diesen Tagen.

Quartal für Quartal bekommen die Beamten bei ihren Missionen nach Irland den Eindruck, dass eine gar nicht so kleine Schicht der Iren von den Sparprogrammen der vergangenen Jahre unberührt bleibt. Auch wenn am unteren Ende der Einkommensskala Menschen vom Sparkurs deutlich betroffen sind, zeigt das Beispiel Irland eines: Der Ruf um Hilfe schließt nicht aus, dass es in den betreffenden Ländern durchaus erheblichen Wohlstand gibt.

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Gerechtigkeit der Rettungspolitik wird hinterfragt

Nicht umsonst hat die Europäische Zentralbank (EZB) mit ihrer Studie zum Haushaltsvermögen in der Euro-Zone eine rege Diskussion ausgelöst. Seit Deutschland in der Reihenfolge der reichsten Haushalte im Durchschnitt auf Platz neun landete, hinter Spanien, Italien und sogar Frankreich, stellt sich die Frage, wie gerecht die aktuelle Rettungspolitik ist. Aus Südeuropa kam in der Debatte der Einwand, die Deutschen hätten wesentlich höhere Rentenzahlungen zu erwarten und würden somit doch über größeren Wohlstand verfügen.

Doch künftige Renteneinkommen sind schwer zu berechnen, die Prognosen mit großen Unsicherheiten behaftet. Dennoch zeigt der Blick auf die Sozialsysteme in Europa, dass die Bürger je nach Land unter sehr unterschiedlichen Umständen leben.

Besonders stark ist der Kontrast bei der Dauer des Arbeitslebens. Während Arbeitnehmer in Deutschland im Durchschnitt 37,4 Jahre einer Tätigkeit nachgehen, ehe sie den Ruhestand antreten, sind es nach den Zahlen von Eurostat (Stand 2011) in Spanien 34,5 Jahre, in Frankreich 34,3 Jahre, in Griechenland 32,1 Jahre und in Italien 29,7 Jahre.

Staaten schrecken vor großen Veränderungen zurück

Unter dem Sparzwang der Krise haben manche Länder das gesetzliche Rentenalter angehoben. Spanien etwa hat 2011 beschlossen, das Rentenalter bis 2027 graduell auf 67 Jahre anzuheben, und in diesem Frühjahr Frühverrentungen unattraktiver gemacht. In Irland steigt das Renteneintrittsalter im kommenden Jahr auf 66 Jahre und 2028 auf 68 Jahre. Doch mit einer Komplettüberholung des seit Jahren unveränderten Systems lässt sich die Regierung von Enda Kenny Zeit. Sozialministerin Joan Burton will zwar in diesem Frühjahr Pläne für eine große Rentenreform vorlegen, wartet vorerst aber eine OECD-Studie über das irische Rentensystem ab.

Auch Frankreich schreckt vor großen Einschnitten zurück, obwohl es dringend seine Sozialausgaben reduzieren muss, um das Haushaltsdefizit von voraussichtlich 3,7 Prozent in diesem Jahr zurückzufahren. Präsident François Hollande erinnert sich mit Schrecken an die Demonstrationen und Streiks, die sein Vorgänger Nicolas Sarkozy auslöste, als er 2010 das Rentenalter um zwei Jahre aufstockte. "Wir werden das Rentenalter nicht antasten", beruhigt Premierminister Jean-Marc Ayrault bereits die Bürger. Und so werden Franzosen weiterhin mit 62 Jahren regulär in Rente gehen können – ein solch niedriges Alter ist sonst in Europa nur in Lettland vorgesehen.

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