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Europäische Union: Baustelle Europa

von Dieter Schnaas

Politiker, Manager, Intellektuelle – alle wollen „mehr Europa“. Doch was haben wir uns unter einer Politischen Union vorzustellen – und ist es das, was wir wollen?

Klage gegen den Euro I

Schon im Gründungsvertrag der Europäischen Union, der am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet wurde, war klar: Wichtige Währungsfragen sollen künftig gemeinsam entschieden werden. Die Wirtschafts- und Währungsunion war beschlossen, der Grundstein für den Euro gelegt. Der deutsche Bundestag ratifizierte den EU-Vertrag im Dezember 1992.

Kurz darauf wurde zudem die „Entwicklung der Europäischen Union“ in der Verfassung festgeschrieben. Gegen diese Kompetenzverlagerung klagten zahlreiche Deutsche vor dem Bundesverfassungsgericht - vom Grünen Hans-Christian Ströbele bis zum nationalliberalen Manfred Brunner (später Vorsitzender der Kleinpartei „Bund Freier Buerger - Die Freiheitlichen“; das Bild zeigt ihn bei einer Demonstration für eine Volksabstimmung über die Einführung des Euros).

Bild: dapd

Eigentlich hat Robert Spaemann bereits vor elf Jahren alles Nötige zur EU-Krise gesagt. Das künftige Europa, so der Philosoph, werde „nur dann eine Rechtsgemeinschaft“ sein können, wenn es „darauf verzichtet, eine Wertegemeinschaft zu sein“. Wie wir wissen, hat sich Europa konsequent für den umgekehrten Weg entschieden. Die Europäische Union (EU) versteht sich heute mehr denn je als eine Wertegemeinschaft, die zum Zwecke der Selbsterhaltung laufend darauf verzichtet, sich an die eigenen Rechtsvorschriften zu halten. Genau das ist ihr Problem.

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Die Europäische Zentralbank (EZB) darf keine Staatsanleihen von EU-Mitgliedstaaten kaufen? Kein Land haftet für die Schulden eines anderen? Die Außenstände eines Staates übersteigen niemals die Marke von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)? Kein EU-Mitglied genehmigt sich ein jährliches Haushaltsdefizit von mehr als drei Prozent? Ach, was soll’s. Krise heißt mehr Miese und Not kennt kein Gebot – sind doch alles nur Verträge, die auf dem Altar der europäischen Integration geopfert werden können. So verstanden, steht Europa für den Versuch, das gemeinsame Haus mit viel Geld und Solidarität zu verputzen, während sich der Schwamm durchs rechtliche Fundament frisst.

Robert Spaemann wusste noch genau, wie gefährlich die Rede von den „europäischen Werten“ ist. Er erinnerte daran, dass beispielsweise auch das Dritte Reich sich als Wertegemeinschaft verstanden habe – und warnte eindringlich davor, dass Werte, sobald sie zum Maß aller Dinge erhoben würden, das Recht ruinierten. Werte seien zwar heute – im aufgeklärten Europa – plural und daher relativ. Dennoch verlange auch eine Wertordnung der Toleranz nach ihrer totalen Durchsetzung. Wer für sich beanspruche, im Namen eines höchsten Wertes zu handeln, der suche immer auch die Macht, ihn geltend zu machen – und damit nach Möglichkeiten, das Recht zu umgehen.

Zahlen zur EU

Mission Europa

Nun ist zuletzt, wenn man es genau nimmt, nicht mehr viel von „europäischen Werten“ die Rede gewesen, sondern von „Europa“ als einem Wert an sich, das heißt: Europa hat nicht nur eine Mission (grenzenlose Freiheit, individuelle Menschenrechte, supranationales Denken) – es ist sich selbst zur Mission geworden. Wenn aber dieses Europa nur noch gerettet wird, weil es gerettet werden muss – verkommt es dann nicht zur tautologischen Phrase? Und wenn der „Kampf um Werte“, so Robert Spaemann, tatsächlich nichts anderes ist als ein verschleierter Kampf um Macht – wird dann Europa nicht zu einer ethischen Leerformel mit Erpressungspotenzial – zu einer Moralkeule in der Hand derer, die am meisten von Europa zu profitieren meinen? Es lohnt sich daher, ganz genau hinzuschauen, wer heute was aus welchen Gründen unter „mehr Europa“ versteht.

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Welches Europa also wollen wir? Eine Verantwortungsgemeinschaft selbstbestimmter Staaten oder eine integrierte Haftungsunion? Ein Europa des Rechts und der politischen Verlässlichkeit oder ein Europa der sorglosen Kreditwirtschaft im Namen höherer Werte? Welche Gestalt soll Europa annehmen, wenn es weder Staatenbund noch Bundesstaat sein soll? Müssen die Nationalstaaten mehr Souveränitätsverzicht leisten? Wie ließe sich die demokratische Legitimation der EU-Institutionen heben? Und was haben wir uns unter einer Politischen Union vorzustellen?

In den vergangenen Wochen haben sich unzählige Spitzenpolitiker, Top-Manager, Großökonomen und Staatsintellektuelle mit Vorschlägen zu Wort gemeldet – und dabei im Verein mit emsig Fakten schaffenden Regierungschefs, Notenbankern, Troika-Beauftragten und Rettungsschirm-Herren unterstrichen, dass Europa heute mehr denn je ein Elitenprojekt – und weniger denn ein Europa der Bürger – ist. Die WirtschaftsWoche stellt die wichtigsten Positionen vor, sortiert und bewertet sie.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.09.2012, 13:10 UhrGuter-Artikel-danke-wiwo

    Der Euro entlarvt so richtig diese EU: Lügen, Betrügen, Tricksen, Rechtsbrüche, Vertragsbrüche, Verlust der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Die Politiker verdummen, manipulieren das Wahlvolk mit haltlosen Hohlphrasen wie "mehr Europa". Ein Binnenmarkt funktioniert auch ohne Einheitswährung, und bei dem eurofaschistische imperialistische Gedusel von Schmidt und Co, stellt sich mir immer die Frage: Warum soll ich mich einem griechen oder Portugiesen europäiasch mehr verbunden fühlen als einem Kanadier, Neuseeländer oder Schweizer?
    Die ganze EU dient nur Macht- und Finanzinteressen. Der Euro dient den Exportfirmen und der Hochfinanz. Im Euro wird D nur ausgplündert von der tollen Wertegemeinschaft, deren höchster Wert der Vertragsbruch ist. In Jugoslawien wurden auch mehrer Kulturen/Sprachen/Religionen zusammengezwungen unter einer Einheitswährung und einem Staatsgebilde.

  • 20.09.2012, 10:15 Uhrallesverloren

    Politiker, Manger und Intellektuelle sind für mehr Europa, natürlich auch die anderen Empfänger von allen Arten von Transferleistungen (Südländer, Banker, Exporteure). Es ist ja auch eine schöne neue Welt entstanden, in der mittlerweile niemand mehr haften muss, bis auf den Sparer und Steuerzahler.

    Die Zahlmeister werden nicht mehr gefragt, sie werden als ignorante Spielverderber gebrandmarkt, die das große Ganze nicht erkennen können.

    Die Entschlossenheit der europäischen Politiker, sich von den Zahlmeister finanzieren zu lassen ist universell vorhanden. Die Entschlossenheit der deutschen Politik, Deutschland zugunsten von Europa zu opfern ist ebenfalls vorhanden. Der Wähler wird belogen und enteignet.

    Es ist ein Abstiegskampf auf das niedrigste Niveau, dessen Verlierer jetzt schon feststehen (Sparer, Rentner, überwiegend Deutsche).

    Wenn erst einmal die deutsche Exportwirtschaft alle ihre Patente und ihr Prozess-Know-How nach China verschenkt haben wird, wird bei der nächsten Rezession hier alles geschlossen. Die Exporte finden dann von dort statt. Das war´s dann.

  • 20.09.2012, 03:41 Uhrpedro

    Ablesbar warum wir Europa brauchen auf Seite 7 der Bild vom 19.09.2012 die Kommentare zu Herrn Buschkowsky.
    Es sind die Lesermeinungen die ausdrücken wie sehr wir ein Europa brauchen um uns vor uns selbst zu schützen.
    Ebenfalls die Kommentare zur Hilfe für Griechenland zeigen wie sehr wir ein Europa brauchen.

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