Europäische Zentralbank: Mario Draghi und das billige Geld

Europäische Zentralbank: Mario Draghi und das billige Geld

Morgen will sich die Europäische Zentralbank langfristig auf eine expansive Geldpolitik festlegen, mit Zinsen nahe der Nulllinie. Was bedeutet das für Konjunktur, Unternehmen, Anleger – und das Geldsystem?

Ort und Zeit waren perfekt gewählt. Das palastartige Luxushotel in den Hügeln über dem portugiesischen Städtchen Sintra gewährte der internationalen Geldelite die gewünschte Abgeschiedenheit. Mehr als 150 Finanzexperten, Notenbanker und internationale Top-Ökonomen folgten vorvergangene Woche dem Ruf von Mario Draghi, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) – zum Nachdenken über die zukünftige Geldpolitik. Draghi war entzückt von seiner Veranstaltung und demonstrierte gar Demut: „Ich bin zutiefst dankbar, was ich in den vergangenen zwei Tagen alles gelernt habe“, schwärmte er und bat die Anwesenden: „Kommen Sie nächstes Jahr wieder.“

Dass das weltweite Interesse an dem Treffen so groß war, lag nicht zuletzt an einem ganz anderen Termin – der Ratssitzung der EZB am kommenden Donnerstag. An diesem Tag könnten die Frankfurter Währungshüter eine neue Ära der Geldpolitik einläuten. Seit einigen Wochen bereits bereitet die EZB die Märkte darauf vor, dass sie die geldpolitischen Zügel erneut lockern und dabei auch ganz neue Wege ausloten will.

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In Sintra beendete Draghi seine detaillierte Analyse der „Anatomie der Inflation“ mit den aufschlussreichen Worten: „Wir werden im EZB-Rat die Nachteile und Vorteile eines jeden geldpolitischen Instruments sehr genau debattieren. Worüber wir nicht streiten werden, ist unsere Zielmarke einer Inflation von zwei Prozent.“

Deflationäre Abwärtsspirale

Von dieser Zielmarke sind die Volkswirtschaften im Euro-Raum allerdings meilenweit entfernt. Sie liegt derzeit gerade einmal bei 0,7 Prozent. Die niedrige Teuerungsrate, die nach wie vor schwächelnde Konjunktur in vielen Euro-Staaten und die lahmende Kreditvergabe könnten in eine deflationäre Abwärtsspirale münden, fürchten die Euro-Hüter.

Das ließe die Schuldenquoten der Euro-Staaten wieder in die Höhe schnellen. Eine – de facto – Nullzinspolitik soll daher nun die Inflationsrate steigern und den Euro-Wechselkurs drücken, um die Exportwirtschaft anzukurbeln.

Die Notenbanken, das zeigte sich auch in Sintra, rücken damit immer mehr ins Zentrum der Politik. „Zentralbanken haben jetzt schon und werden auch in Zukunft ein breiteres Mandat haben“, sagte Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Den anwesenden Notenbank-Chefs rief sie zu: „Für mich sind die Zentralbanker die Helden der Krise. Und Sie haben die Möglichkeit, das zu bleiben.“

Das Problem ist nur: Was die Helden verordnen, ist eine Medizin mit gefährlichen Nebenwirkungen. Was bedeuten Geldschwemme und Nullzinspolitik für Konjunktur, Sparer und Investoren?

1. Wozu brauchen wir überhaupt Zinsen – und wie hoch sollten sie sein?

Die meisten Menschen denken beim Begriff Zinsen an das, was ihnen die Bank für ihren Ratenkredit in Rechnung stellt oder für Spareinlagen gutschreibt. Doch Zinsen haben für Wirtschaft und Gesellschaft eine weitaus größere Bedeutung: Sie sind eine Kategorie menschlichen Handelns.

Der Zins spiegelt wider, dass die Menschen eine Vorliebe für raschen Konsum, für den Genuss im Hier und Jetzt haben. Ökonomen sprechen von der Zeitpräferenz. Diese Vorliebe führt dazu, dass die Menschen einen Ausgleich verlangen, wenn sie auf schnellen Konsum verzichten.

Wer spart und auf Konsum verzichtet, erhält dafür deshalb einen Zins. Je höher die Präferenz der Menschen für den Gegenwartskonsum ist, desto höher ist der geforderte Zins. In einer freien Marktwirtschaft kann der Zins niemals null oder negativ sein. Denn eine negative Zeitpräferenzrate bedeutete, dass die Menschen ihren gesamten Konsum in die Zukunft verschieben.

Verzerrte Entscheidungen

Doch in der Realität herrscht keine freie Zinsbildung. Vielmehr manipulieren die staatlichen Zentralbanken die Zinsen nach Belieben. So hat die EZB die Marktzinsen durch ihre Niedrigzinspolitik in den vergangenen Jahren immer weiter nach unten gedrückt. Sie liegen mittlerweile wohl weit unter der Zeitpräferenzrate der Menschen.

Die Mini-Zinsen verzerren die Entscheidungen zwischen heutigem und zukünftigem Konsum. Sie vergällen den Menschen das Sparen, schmälern die Kapitalbildung – und fördern ein Leben auf Pump.

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