Europas Wirtschaft: Ratschläge der Notenbanken sind unangebracht

ThemaEZB

kolumneEuropas Wirtschaft: Ratschläge der Notenbanken sind unangebracht

Bild vergrößern

Bundesbank-Chef Jens Weidmann

Kolumne

In den letzten Tagen haben sich die Chefvolkswirte sowohl der Bundesbank als auch der Europäischen Zentralbank für stärkere Lohnsteigerungen in Deutschland ausgesprochen. Das ist ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Denn normalerweise mahnen Notenbanken die Arbeitnehmer eher zu Zurückhaltung bei ihren Lohnforderungen. Als langjähriger Bundesbank-Beobachter reibt man sich daher die Augen: Werden nun bewährte Grundsätze über Bord geworfen? Woraus erklärt sich dieser offensichtliche Schwenk?

Die vergleichsweise gute Konjunktur und der stabile Arbeitsmarkt in Deutschland erlaubten es, dass die Phase der Lohnzurückhaltung hierzulande für beendet erklärt wird und die Arbeitseinkommen stärker steigen als in den anderen EU-Ländern. Bundesbank und Europäische Zentralbank (EZB) stellen sich damit hinter eine Forderung des Internationalen Währungsfonds (IWF), dessen Chefin Christine Lagarde schon seit Längerem mit Ratschlägen zu einer expansiveren Lohnpolitik in Deutschland auffällt.

Dass die Bundesbank dieser Forderung des IWF folgen würde, hat mich dann doch überrascht. Sie ist in der Vergangenheit oft als Warner aufgetreten, nicht mit überzogenen Tarifsteigerungen die Preisstabilität zu gefährden und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu belasten. Die Argumentation war dabei stets eher angebotsorientiert: Zurückhaltung bei den Arbeitskosten entlastet die Unternehmen, fördert die Wettbewerbsfähigkeit und unterstützt so die Beschäftigungsentwicklung und damit letztlich auch das Wachstum und den Wohlstand in Deutschland.

Anzeige
Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Man darf wohl vermuten, dass die schwache Wirtschaftsentwicklung und die sehr niedrige Inflation im Euro-Raum einen enormen Druck auf die EZB und damit auch die Bundesbank ausüben. Wenn die Anfang Juni vom EZB-Rat verkündeten Maßnahmen zur Stützung der Kreditvergabe der (süd-)europäischen Banken keinen Erfolg haben sollten, die Wirtschaft schwach bleibt und die Inflationsrate möglicherweise sogar noch weiter zurückgeht, dann bleibt der EZB wohl nur noch ein breit angelegtes „Quantitative Easing“, also der großvolumige Ankauf von Staatsanleihen.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

  • Neue Bleibe

    In gebührendem Abstand zu den Bankentürmen im Westend entsteht in Frankfurt das neue Hauptquartier der EZB. Wann genau die Notenbanker dort einziehen werden, ist noch nicht klar - geplant ist aber 2014. Die EZB bleibt aber auch im Frankfurter Euro-Tower. Hier werden die Bankenaufseher untergebracht. Geldpolitiker und Aufseher sollen also nach den Umzügen nicht unter einem Dach arbeiten - Interessenskonflikte sollen so auf ein Minimum reduziert werden.

  • Neues Mitglied

    Sabine Lautenschläger ist anstelle von Jörg Asmussen ins EZB-Direktorium eingezogen. Ebenfalls neu ist Lettlands Zentralbankchef Ilmars Rimsevics. Lettland ist das 18. Land, das den Euro eingeführt hat.

  • Neue Offenheit

    Lautenschläger, Rimsevics und die anderen Notenbanker müssen sich an eine neue Offenheit der EZB gewöhnen. Die Zentralbank könnte schon bald wie etwa die Federal Reserve in den USA Protokolle oder zumindest schriftliche Zusammenfassungen der Sitzungen des EZB-Rats publik machen.

    Draghi will dem EZB-Rat dazu schon bald einen konkreten Vorschlag machen. Umstritten ist, wie genau sich die Öffentlichkeit künftig ein Bild vom Abstimmungsverhalten der einzelnen Notenbanker machen kann.

  • Neue Instrumente

    Die EZB geht mit einem rekordniedrigen Leitzins ins Jahr 2014: Seit November können sich die Geschäftsbanken bei ihr für 0,25 Prozent Zinsen refinanzieren. Zudem hat der EZB-Rat beschlossen, dass die Institute noch bis mindestens Mitte des übernächsten Jahres so viel Liquidität bekommen, wie sie bei der EZB abrufen - ohne Obergrenze. Damit ist das Finanzsystem zwar geschützt gegen Liquiditätsengpässe, doch stockt der Kreditfluss in den besonders krisengeplagten Ländern Südeuropas.

    Zudem ist die Inflation in der Eurozone aus Sicht der Notenbanker zu niedrig. Die Zentralbanker betonen seit der letzten Zinssenkung, dass sie noch zahlreiche Pfeile im Köcher haben. Dazu gehören unter anderem weitere milliardenschwere Geldspritzen, um die Banken flüssig zu halten, sowie ein Strafzins für Banken, die Gelder lieber bei der EZB parken, als sie an Unternehmen und Haushalte als Kredit weiterzureichen.

  • Neue Banken

    Wenn die EZB wie geplant im November 2014 die Oberaufsicht über die Banken der Währungsunion übernimmt, hat sie zumindest die 128 größten Institute bereits auf Herz und Nieren geprüft. Denn in den nächsten Monaten steht der größte Gesundheitscheck der Branche auf dem Programm, den es je gegeben hat.

    Ziel der EZB ist es, die Banken möglichst besenrein, also ohne schlummernde Altlasten in den Bilanzen, zu übernehmen.

Diese Maßnahme ist aber hoch umstritten. Insbesondere die Bundesbank hat hier größte Bedenken. Vor diesem Hintergrund sind höhere Lohnsteigerungen in den Augen der Bundesbank das „kleinere Übel“. Sie sorgen in Deutschland für Preissteigerungen und zugleich für Entlastung an der „Deflationsfront“. Höhere Lohnsteigerungen helfen also, etwas Druck aus dem Kessel entweichen lassen.

Höhere Löhne würden Notenbankpolitik erleichtern

Dass die EZB die Bundesbank in dieser Angelegenheit unterstützt, ist dagegen keine Überraschung. Ein stärkerer Lohnanstieg in Deutschland würde den hohen Wettbewerbsvorteil Deutschlands im Euroraum mit der Zeit dämpfen und damit die Notenbankpolitik etwas einfacher machen. Die Notenbankpolitik wird durch die Einebnung der Wettbewerbsunterschiede einfacher, da sich dann die Wachstumsaussichten der Euro-Länder angleichen und damit die Anforderungen bezüglich der Zinshöhe an die EZB sich ebenfalls angleichen. Aktuell wäre für Deutschland ein Notenbankzinsniveau von etwa drei Prozent angemessen, während in den südlichen Euroländern das aktuelle Zinsniveau von 0,15 Prozent eher noch zu hoch ist.

Weiterhin geht man davon aus, dass ein stärkeres Lohnwachstum in Deutschland die Binnennachfrage stärkt, da dann die verfügbaren Einkommen zulegen sollten. Eine stärke Binnennachfrage in Deutschland wiederum soll zu einer verstärkten Importnachfrage führen. Davon würden alle Euroländer profitieren.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%