Europas Zukunft: Das Ende des Nationalstaates überdenken

GastbeitragEuropas Zukunft: Das Ende des Nationalstaates überdenken

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Sollen die Nationalstaaten in einer Europäischen Union aufgehen? Lieber nicht, meint der Historiker Ronald G. Asch.

Der Nationalstaat gilt bei politischen Eliten als Auslaufmodell und bei Wissenschaftlern als Konstrukt. Tatsächlich könnte die Alternative sehr viel weniger gemütlich werden, als man sich das vorstellt.

Der Nationalstaat, das war und ist unter den Wohlmeinenden in Deutschland fast schon Konsens, ist ein politisches Auslaufmodell. Er mag noch, so denken die bien-pensants der aufgeklärten Öffentlichkeit, für eine begrenzte Zeit eine gewisse Rolle spielen, um unterhalb des Dachs der EU mit begrenzten Mitteln Kultur- und Bildungspolitik zu betreiben. Aber durch die Herausforderungen der Globalisierung, zu denen auch eine, wie man meint, permanente und nicht mehr lenkbare Massenimmigration gehört, sei er überfordert, und werde sich früher oder später auflösen.

In Deutschland ist diese Haltung besonders stark verbreitet, weil mit dem Dritten Reich der 1870 begründete Nationalstaat ohnehin gescheitert zu sein schien. Aber auch in vielen westeuropäischen Ländern findet man diese Einschätzung in maßgeblichen Kreisen. Deutlich seltener allerdings in Ost- und Ostmitteleuropa.

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Ronald G. Asch. Quelle: PR

Ronald G. Asch lehrt an der Universität Freiburg. Zu den Forschungsschwerpunkten des Historikers zählt die Britische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts.

Bild: PR

Freilich ist die Gewissheit, man könne das Zeitalter des Nationalstaats schon bald geräuschlos beenden, in jüngster Zeit doch deutlich erschüttert worden. Der Euro, der die EU mittelfristig zu einem wirklichen Bundesstaat werden lassen sollte, hat nicht zu mehr Einigkeit, sondern zu mehr Streit geführt. Großbritannien, immerhin eines der größten Länder der EU, hat sich überdies entschlossen, die Gemeinschaft zu verlassen. Das kann man als eine Fehlentscheidung sehen, mit der sich die Briten vor allem selbst geschadet haben, aber es bleibt bemerkenswert, dass jenseits des Kanals der Nationalstaat für einen großen Teil der Bevölkerung als Ordnungsmodell attraktiv genug ist, um erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen in Kauf zu nehmen, wenn es um die Wiederherstellung nationaler Souveränität geht. In diesem Punkt sind sich die schottischen Nationalisten übrigens mit den englischen Brexiteers einig, nur wollen sie eben einen schottischen Nationalstaat und keinen britischen.

Der Nationalstaat ist ein recht spätes Produkt der europäischen Geschichte. Vor dem 19. Jahrhundert finden wir als dominante Form politischer Organisation vor allem kulturell und ethnisch heterogene dynastische Großreiche und daneben kleinere fürstliche Herrschaften und einige wenige, zum Teil föderal strukturierte Republiken, aber eben keine Nationalstaaten im modernen Sinne. Dies ändert sich im Laufe des 19. Jahrhunderts, jedenfalls gilt dies für die meisten europäischen Länder, für Deutschland und Italien und erst recht für Ost- und Ostmitteleuropa, wo die heutigen Nationalstaaten zum Teil erst nach 1918 entstanden sind. In einigermaßen gefestigter Form sogar erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Es gibt allerdings zwei prominente Ausnahmen: England und Frankreich. England besaß schon im späten Mittelalter ein einheitliches Rechtssystem und eine Ständeversammlung, die das ganze Land politisch wirksam repräsentierte. Die Reformation und der Kampf gegen katholische Mächte, die sie bedrohten, schufen dann zusätzlich ein englisches Nationalbewusstsein. In diesem wurden  Protestantismus und politische Freiheit seit dem späten 17. Jahrhundert fast zu Synonymen.

Historiker Ronald G. Asch über den Brexit "Die Briten beanspruchen eine Sonderrolle"

Die Distanz der Briten zur EU ist auch aus einem historischen Überlegenheitsgefühl zu erklären. Die Brüsseler Bürokratie verträgt sich schlecht mit der britischen Vorstellung von Demokratie, sagt Ronald G. Asch.

Bei der alljährlichen "Last Night of the Proms"  feiern Briten mit patriotischen Liedern wie "Rule, Britannia!" und "Land of Hope and Glory" - halb ironisch - ihr Land. Quelle: Getty Images

Frankreich blieb bis zur Revolution 1789 administrativ und zum Teil auch kulturell sehr viel heterogener als England. Aber auch hier bot die Nation, deren wichtigster Identitätskern die Krone und die Königsdynastie waren, zumindest für die sozialen Eliten eine wichtige Identifikationsmöglichkeit, die in Krisen ausschlaggebende Bedeutung haben konnte. So gab es in der Endphase der französischen Religionskriege in den 1590er Jahren selbst unter überzeugten Katholiken nur relativ wenige, die bereit gewesen wären, ernsthaft einen Spanier oder eine Spanierin als Monarchen zu akzeptieren, um auf diese Weise den französischen Protestanten Heinrich von Bourbon von der Thronfolge auszuschließen.

Die relativ weitgehende Ausbildung zumindest von Vorformen des modernen Nationalstaates in England und Frankreich vor 1789 ist wichtig, da die Entwicklung zum modernen parlamentarischen und später auch demokratischen Verfassungsstaat im übrigen Europa nach 1800 maßgeblich durch das Vorbild dieser beiden Länder geprägt wurde.

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