„Europe cut off“: Ist Großbritannien mit dem System Brüssel kompatibel?

Gastbeitrag„Europe cut off“: Ist Großbritannien mit dem System Brüssel kompatibel?

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Ronald G. Asch lehrt an der Universität Freiburg. Zu den Forschungsschwerpunkte des Historikers zählt die Britische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts.

Großbritannien und die EU stehen kurz davor, getrennte Wege zu gehen. Überraschend ist das nicht.

In den Siebzigerjahren konnte man in England im Radio noch Wettermeldungen hören, die auf dichten Nebel im Kanal hinwiesen, der die Einstellung des Fährbetriebes zwischen der Insel und dem Kontinent erzwang. Dies wurde dann mit den Worten kommentiert: „Europe cut off“, Europa sei von Großbritannien abgeschnitten.

Kontinentaleuropäer haben diese Sichtweise immer mit Verwunderung und einem gewissen Amüsement registriert, aber meist für politisch nicht wirklich relevant gehalten. Zur Zeit hat es freilich den Anschein, als würde die britische oder englische Neigung, das eigene Land nicht wirklich als Teil Europas zu betrachten, doch gravierende Konsequenzen haben. Denn die Stimmen werden immer lauter, die jenseits des Kanals einen Austritt aus der EU fordern.

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Zur Person:

  • Ronald G. Asch

    Ronald G. Asch wurde 1953 in Hamburg geboren. Er studierte in Kiel, Tübingen und Cambridge und war in den 1980er Jahren als Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in London tätig. 1996 zum Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit in Osnabrück berufen, lehrt er seit 2003 in Freiburg. Er hat u. a. Bücher über den Hof Karls I. von England, den Dreißigjährigen Krieg und den europäischen Adel der Frühen Neuzeit publiziert. Seine jüngste Veröffentlichung ist „SACRAL KINGSHIP BETWEEN DISENCHANTMENT AND RE-ENCHANTMENT: The French and English Monarchies 1587-1688“ (New York, 2014).

Der Premierminister, David Cameron, hat sich auf das gefährliche Experiment eingelassen, den Wählern ein Referendum über die Mitgliedschaft in der EU zu versprechen, und will den Briten einen Verbleib in der Gemeinschaft nur empfehlen, wenn es zu substanziellen Reformen in Brüssel kommt.

So soll die Möglichkeit von Arbeitnehmern, in ein anderes Land der EU auszuwandern, um dort unter Umständen auch alle Vorteile der sozialen Sicherungssysteme für sich in Anspruch zu nehmen, deutlich eingeschränkt werden. Ein solcher Verhandlungserfolg ist jedoch sehr unwahrscheinlich und aus einem Scheitern könnte sich ein gefährlicher Automatismus ergeben, der zumindest bei einem Wahlsieg der Tories 2015 anschließend zu einem Austritt aus der EU führt, den Cameron selber eigentlich nicht will.

So wichtig ist Schottland für die deutsche Wirtschaft!

  • Wie stark ist die schottische Wirtschaft überhaupt?

    Die jährliche Wirtschaftsleistung beträgt rund 131 Milliarden Pfund - umgerechnet fast 165 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Berlin und Brandenburg zusammen.

  • Wie viel exportiert Deutschland nach Schottland?

    Deutschland exportierte 2013 Waren im Wert von umgerechnet gut fünf Milliarden Euro nach Schottland. "In der Rangliste unserer wichtigsten Kunden würde Schottland einen Platz unter den ersten 50 belegen", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. "Und zwar noch vor Staaten wie Irland und Griechenland." Großbritannien insgesamt steht mit einem Volumen von knapp 76 Milliarden Euro an Nummer drei, hinter Frankreich und den USA, aber noch vor den Niederlanden und China. Die Schotten kaufen vor allem deutsche Maschinen und Fahrzeuge, aber auch chemische Produkte.

  • Wie viel kauft Deutschland in Schottland?

    Schottland lieferte 2013 Waren im Wert von etwa drei Milliarden Euro in die Bundesrepublik. Das würde zu einem Platz unter den 50 wichtigsten deutschen Lieferanten reichen, noch vor Australien oder Saudi-Arabien.

  • Importiert Deutschland vor allem Whisky?

    Alkohol ist tatsächlich ein großer Exportschlager. Nummer eins sind zwar Maschinen und Fahrzeuge. Nach Angaben der Scotch Whisky Association wurde 2013 Whisky im Wert von 172 Millionen Pfund (216 Mio Euro) nach Deutschland exportiert. Die Bundesrepublik ist damit fünftgrößter Abnehmer hinter den USA, Frankreich, Singapur und Spanien.

  • Wie viele Deutsche Unternehmen sind vor Ort?

    Mehr als 200, sagt DIHK-Experte Treier. "Davon wiederum sind knapp 40 hundertprozentige Töchter von Industrieunternehmen wie BASF, Bosch und Evotec." Insgesamt beschäftigen die deutschen Firmen rund 20.000 Mitarbeiter in Schottland.

Er steht freilich unter enormem Druck. Seine Partei hat bereits zwei Nachwahlen verloren, bei denen sich Kandidaten der EU-feindlichen United Kingdom Independence Party – beides frühere Tories - gegen die Konservativen durchgesetzt haben, und Cameron muss befürchten, dass vor der allgemeinen Unterhauswahl im nächsten Jahr noch eine Reihe von Abgeordneten der Konservativen zu UKIP wechseln.

Die Erfolge der Ukippers, wie sie auch genannt werden, sind tatsächlich bemerkenswert. Bei den Europawahlen kamen sie auf 27 Prozent der abgegebenen Stimmen, und aktuelle Meinungsumfragen sehen einen Stimmenanteil von 15 bis knapp unter 20 Prozent bei einer Unterhauswahl als möglich an.

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