EZB-Anleihekäufe: Mario Draghi lässt die Renditen purzeln

ThemaEZB

EZB-Anleihekäufe: Mario Draghi lässt die Renditen purzeln

Bild vergrößern

Die neuen Anleihenkäufe der EZB lassen die Zinsen weiter fallen.

von Malte Fischer und Mark Fehr

Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank drücken die Zinsen noch weiter nach unten. Der Grund: Viele Investoren wollen vorerst nicht verkaufen. So aber drohen höhere Schulden und Fehlinvestitionen.

Stell dir vor, es ist Wochenmarkt, und kein Händler ist da. Statt mit Körben voller Gemüse kehren die Kunden mit leeren Händen heim. Eine abstruse Vorstellung? Mag sein. Doch Vergleichbares könnte ausgerechnet den Notenbankern der Europäischen Zentralbank (EZB) bevorstehen. Zwar planen die hohen Herren des Geldes keinen gemeinsamen Einkaufsbummel auf dem Frankfurter Wochenmarkt. Shoppen aber wollen sie durchaus. Nur eben kein frisches Obst und Gemüse, sondern Staatsanleihen der Euro-Länder.

Bis September 2016 wollen die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi Monat für Monat 60 Milliarden Euro für Wertpapiere ausgeben – und im Gegenzug Zentralbankgeld in das Finanzsystem pumpen. Experten bezeichnen diese Form der geldpolitischen Lockerung als Quantitative Easing, kurz QE. Ziel der Operation ist, die Kreditvergabe der Banken im Euro-Raum anzukurbeln und angebliche Deflationsrisiken abzuwehren.

Anzeige

Doch ganz so einfach, wie sich die Notenbanker das vorstellen, dürfte der Großeinkauf von Wertpapieren nicht werden. Viele Investoren denken gar nicht daran, sich von ihren Papieren zu trennen. Will die EZB sie zum Verkauf bewegen, muss sie deutlich höhere Preise bieten. Die Folge: Die Renditen, die sich ohnehin schon auf Talfahrt befinden, werden weiter sinken. Selbst für Anleihen mit langen Laufzeiten könnten sie bald unter die Null-Prozent-Marke rutschen.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

  • Warum startet die EZB umfangreiche Anleihenkäufe?

    Die Preisentwicklung im Euroraum bereitet den Notenbankern Sorgen. Im Januar und Februar sind die Verbraucherpreise auf Jahressicht jeweils gesunken. Deshalb befürchten die Währungshüter eine Deflation, also einen anhaltenden Preisrückgang quer durch die Warengruppen. Das könnte dazu führen, dass Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen in Erwartung weiterer Preissenkungen verschieben und die Wirtschaft erlahmt. Dies will die EZB mit den Käufen verhindern: „Das Programm wird dazu beitragen, die Inflation wieder auf ein Niveau zurückzuführen, das mit dem Ziel der EZB im Einklang steht.“ Die EZB strebt eine Teuerungsrate von knapp zwei Prozent an.

  • Wie soll das Kaufprogramm funktionieren?

    Die EZB kauft Wertpapiere am Sekundärmarkt - also nicht direkt bei Staaten, sondern bei Banken oder Versicherern. So wird Geld ins Finanzsystem geschleust. Die EZB erwartet, dass das Programm den Unternehmen in ganz Europa helfen wird, leichter Zugang zu Krediten zu erhalten. Das werde die Investitionstätigkeit steigern, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum insgesamt stützen. Dafür druckt sich die EZB quasi selbst Geld, die Menge (Quantität) des Zentralbankgeldes nimmt zu, daher der Begriff „Quantitative Lockerung“ (QE).

  • Welche Papiere kauft die EZB?

    Die EZB will Papiere von Eurostaaten, von internationalen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) oder von nationalen Förderbanken wie der KfW kaufen. Bei Staatsanleihen gilt: Gekauft werden nur Papiere von guter Bonität. Anleihen, die von Ratingagenturen als Ramsch gewertet werden, sind außen vor - es sei denn, das Land befindet sich in einem Sanierungsprogramm der EU und erfüllt alle Sparauflagen. Die Überprüfung des Programms muss abgeschlossen sein. Damit ist im Moment ausgeschlossen, dass die EZB Anleihen Zyperns oder Griechenlands kauft.

  • Wie wirkt die Geldflut?

    Bislang vor allem wie ein Schmierstoff für Aktienmärkte. Da viele andere Geldanlagen wegen der niedrigen Zinsen kaum noch etwas abwerfen, stecken Investoren ihr Geld in Aktien. Die Kurse steigen. Experten warnen, dass dadurch Blasen an den Aktienmärkten entstehen können. Ähnliches gilt für Immobilienmärkte. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret sieht die Gefahr, dass viele Anleger auf der Suche nach Rendite zu Vermögenswerten greifen, die sie bisher wegen deren Risiken gemieden haben: „Die Entstehung von Preisblasen wird damit wahrscheinlicher, und das könnte zu einem Problem für die Stabilität des Finanzsystems werden.“

  • Gibt es Kritik an den Staatsanleihenkäufen?

    Bundesbank-Präsident Jens Weidmann befürchtet, dass der Reformeifer in Krisenländern nachlassen könnte - schließlich wird das Schuldenmachen billiger, wenn die EZB als großer Akteur auf den Plan tritt. Kritiker werfen der EZB zudem vor, sie finanziere letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit.

  • Hat die EZB keine anderen Mittel?

    Im Prinzip schon, doch sie hat ihr Pulver weitgehend verschossen. Das gilt vor allem für die Zinsen, mit denen die Geldpolitiker eigentlich die Inflation steuern: Eine Zinssenkung verbilligt Kredite und soll Konjunktur wie Inflation antreiben. Doch die EZB hat den Leitzins schon auf 0,05 Prozent gesenkt, also quasi abgeschafft. „Gäbe es noch Spielraum, so hätte die EZB die Leitzinsen bereits gesenkt. Da diese Möglichkeit aber nicht mehr bestand, war das Programm zum Ankauf von Vermögenswerten das einzig geeignete Instrument, mit dessen Hilfe die EZB ein ähnliches Ergebnis erreichen konnte“, erklärt die EZB.

Bereits seit Herbst vergangenen Jahres kauft die EZB Pfandbriefe und mit Forderungen unterlegte Wertpapiere (ABS). Jetzt kommen Staatsanleihen der Euro-Länder, Anleihen von europäischen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) und von öffentlichen Förderbanken hinzu. Dabei wollen die nationalen Notenbanken auch Anleihen mit Negativzinsen von bis zu 0,2 Prozent erwerben.

Hunger der EZB kann nicht gestillt werden

Die Ökonomen der Commerzbank gehen davon aus, dass von den monatlichen Käufen rund zehn Milliarden Euro auf ABS und Pfandbriefe, elf Milliarden auf öffentliche Institutionen und 39 Milliarden auf Staatsanleihen entfallen. 20 Prozent der Käufe nimmt die EZB auf die eigene Bilanz. Die restlichen 80 Prozent der Käufe bleiben bei den nationalen Notenbanken. Weil die Kaufvolumina der nationalen Notenbanken sich an deren Anteil am Kapital der EZB orientieren und die Deutsche Bundesbank mit rund 25 Prozent den größten EZB-Kapitalanteil besitzt, muss sie auch den Löwenanteil der Käufe stemmen. Dabei wird sie nur Bundesanleihen und Anleihen deutscher staatlicher Förderbanken wie der KfW erwerben. Die Commerzbank rechnet mit monatlichen Käufen von Bundesanleihen durch die Bundesbank von rund neun Milliarden Euro.

Auf den ersten Blick sollte dies kein Problem sein. Immerhin beläuft sich der Wert aller ausstehenden Staatspapiere in der Euro-Zone auf rund 6200 Milliarden Euro. Das Gros der Anleihen befindet sich im Besitz von Banken (24,4 Prozent), Versicherungen (21,8 Prozent) und ausländischen Zentralbanken (20,6 Prozent).

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

  • Hans-Werner Sinn, ifo Institut

    "Die EZB sollte keine Staatspapiere kaufen, denn dann würde sie die Zinsen der Wackelstaaten weiter drücken und sie anregen, sich noch mehr zu verschulden. Der Kauf wird von Artikel 123 des EU-Vertrages zu Recht verboten, weil er einer verbotenen Monetisierung der Staatsschulden gleichkommt. Man sollte auch bedenken, dass selbst die US-Notenbank Fed keine Staatspapiere von Gliedstaaten kauft. Kalifornien, Illinois oder Minnesota stehen am Rande der Pleite, und doch hilft die Fed ihnen nicht mit Krediten. Es ist schlichtweg unakzeptabel, dass die EZB meilenweit über die Fed hinausgeht, obwohl Europa den gemeinsamen Bundesstaat noch gar nicht gegründet hat. Die EZB-Politik treibt die Staaten Europas in Gläubiger-Schuldner-Verhältnisse und wird längerfristig nichts als Streit und Spannungen erzeugen."

  • Marcel Fratzscher, DIW

    "Die EZB verfehlt ihr Mandat der Preisstabilität und ist dabei, ihr wichtigstes Gut zu verlieren: ihre Glaubwürdigkeit. In letzter Instanz ist der Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB ein notwendiges Übel, um ihrem Mandat gerecht zu werden. Je zögerlicher die EZB handelt, desto weniger effektiv ihre Geldpolitik und desto höher die Risiken."

  • Michael Heise, Allianz Group

    "Ich sehe derzeit keine Deflationsgefahren, die Staatsanleihekäufe rechtfertigen könnten. Ohne die notwendigen Anpassungsprozesse in den Peripherieländern und dem ökonomisch vorteilhaften Ölpreisrückgang läge die aktuelle Inflationsrate in etwa um einen Prozentpunkt höher, als es derzeit der Fall ist. Die Jagd nach Rendite und die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten würden weiter erhöht, der Anreiz, fürs Alter langfristig zu sparen, würde weiter vermindert."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Seit Anfang 2009 ist der Zuwachs der Geldmenge M3 mit durchschnittlich 1,7 Prozent weit hinter dem Referenzwert von 4,5 Prozent zurückgeblieben, den einst EZB und Bundesbank für sinnvoll hielten. Entsprechend schwächelt die Konjunktur, während der Preisauftrieb auch ohne Öl gefährlich nah an die Deflation herankommt. In dieser Lage muss die EZB mit einer Offenmarktpolitik gegenhalten, also mit dem Kauf von Anleihen auf dem offenen Markt, der auch Staatsanleihen umfassen sollte."

  • Volker Wieland, Sachverständigenrat

    "Es ist nicht notwendig, nun auch noch mit breit angelegten Staatsanleihekäufen auf den Ölpreisverfall zu reagieren. Die EZB sollte nicht nur auf Deflationsrisiken schauen, sondern auch berücksichtigen, dass sie als Käufer von Staatsanleihen den Regierungen zusätzlichen Anreiz gäbe, notwendige Strukturreformen aufzuschieben."

Will die EZB mit diesen Investoren nicht um Anleihen konkurrieren, müssen genügend neue Papiere auf den Markt kommen. Genau das aber ist das Problem. Denn der größte Teil der Neuemissionen dient dazu, auslaufende Anleihen zu tilgen. Bereinigt um die Tilgungen kommen nicht genug Papiere auf den Markt, um den Hunger der EZB zu stillen. „Die Netto-Neuemissionen europäischer Staatsanleihen werden in diesem Jahr weniger als 70 Prozent der von der EZB angestrebten Käufe erreichen“, sagt Michael Leister, Zinsstratege der Commerzbank. Im Klartext: Die Nachfrage der EZB übersteigt das Netto-Angebot an neuen Anleihen.

Banken verkaufen Anleihen nur kleckerweise

Daher sind die Euro-Hüter darauf angewiesen, dass sich Inhaber von Altanleihen von diesen trennen. Ob diese jedoch zum Verkauf stehen, ist fraglich. Zwar bauen sowohl Deutsche Bank als auch Commerzbank milliardenschwere Portfolien ab, gleiches tun Landesbanken wie die HSH Nordbank und die BayernLB, ebenso die Bad Bank der Hypo Real Estate in München. Doch die Branche sieht keinen Sinn in breit angelegten Verkäufen. „Wir prüfen allenfalls einzelne Verkäufe an die EZB“, heißt es aus einer Großbank. „Wir sind nicht gezwungen, in größerem Umfang vom Kaufprogramm der EZB Gebrauch zu machen“, sagt Wolfgang Kirsch, Chef der DZ Bank, dem Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken.

Umstrittenes Billionen-Programm "Wir sind seit dem Vormittag am Markt aktiv"

Europas Währungshüter werfen die Notenpresse an: Von diesem Montag an bis mindestens September 2016 wollen sie Monat für Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen und andere Wertpapiere kaufen.

Die EZB flutet die Märkte erneut mit Geld. Nun beginnt in großem Stil der Kauf von Staatsanleihen. Das Billionen-Programm bleibt umstritten. Quelle: dpa

Für die Zurückhaltung der Banken gibt es gute Gründe:

  • Die Notenbank schreibt den Kreditinstituten beim Anleiheankauf Zentralbankgeld auf deren Notenbankkonto gut, für das die Banken derzeit einen Strafzins von 0,2 Prozent zahlen müssen – kein gutes Geschäft
  • Banken müssen Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegen. Das steigert deren Attraktivität für die Institute.
  • Staatsanleihen gelten aus Sicht der Regulierung als liquide Mittel und erleichtern es den Banken, die geforderte Quote von liquiden Mitteln zu Geldabflüssen zu erfüllen. Das macht Verkäufe unattraktiv.
  • Staatsanleihen dienen den Banken als Sicherheiten für Geldleihgeschäfte am Interbankenmarkt.
  • Derzeit mangelt es an attraktiven Möglichkeiten für die Wiederanlage des Verkaufserlöses. Viele Banken haben die Staatsanleihen günstig erworben und kassieren jetzt ordentliche Renditen.
  • Banken haben ihre Anleihebestände häufig mit anderen Wertpapieren gegen Verluste abgesichert, die nicht im Paket mitverkauft werden können und dann weiter auf den Bankbilanzen lasten.
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%