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Kommentar EZB-Entscheidung macht Deutschen Angst: Warum die Kanzlerin Draghi hätte verhindern müssen

von Ferdinand Knauß

Die Deutschen hatten sich einst eingeredet, Mario Draghi sei im geldpolitischen Herzen einer der ihren. Sie irrten. Jetzt rächt sich, dass Merkel keinen eigenen Kandidaten durchsetzte.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, spricht am 06.09.2012 in Potsdam bei der Verleihung des M100 Medien Preises. Quelle: dpa
Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, spricht am 06.09.2012 in Potsdam bei der Verleihung des M100 Medien Preises. Quelle: dpa

Als im Frühjahr 2011 die Nachfolge von Jean-Claude Trichet anstand, und Bundesbankpräsident Axel Weber das Handtuch geworfen hatte, wurde Regierungssprecher Steffen Seibert von Journalisten immer wieder genervt: Hat denn die Kanzlerin keinen anderen eigenen Kandidaten für den Vorsitz der Europäischen Zentralbank? Ob es nicht angemessen sei, dass die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone nach dem Niederländer Duisenberg und dem Franzosen Trichet nun den Präsidenten stelle. „Die Bundesregierung wird sich rechtzeitig zu einem möglichen Kandidaten äußern“, sagte Seibert dann. Merkel hatte schlicht keinen gefunden.

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Das Ergebnis ist bekannt, die Kanzlerin ließ sich von ihren Kollegen Monti und Sarkozy den Präsidenten der Banca d’Italia, Mario Draghi, aufschwatzen. Schließlich hatte Draghi sich ja auch mit dem Satz "Wir müssen alle dem Beispiel Deutschlands folgen", bei ihr beworben.  Der Regierungssprecher verkaufte ihn damals als eine für Deutschland sehr akzeptable Lösung. Mit Erfolg. Das Handelsblatt sah in ihm einen „Italiener mit deutschen Tugenden“. Er sei ein Falke, der vor allem auf Preisstabilität setze, schrieb die Italien-Korrespondentin. „Ein Preuße aus Rom“ nannte ihn die WirtschaftsWoche. In der FTD las man: „Draghi steht deutschen Vorstellungen sehr nahe, die auf eine unabhängige Notenbank setzt und sich in der Geld-, Wirtschafts- und Finanzpolitik an den Leitplanken Stabilität, Inflationsbekämpfung und Strukturreformen orientiert.“ Noch hilfreicher zur Beruhigung der Nerven der Deutschen war ein Bild in der Bild-Zeitung: Mario Draghi mit einer Pickelhaube auf dem Kopf.  Und außerdem: Dass es auf die Nationalität eines Menschen nicht ankomme, haben die Deutschen ohnehin verinnerlicht.

„Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versicherte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Juli 2010, dass die Rettungsschirme nicht von Dauer sein werden. Inzwischen ist klar: Der Euro-Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.

Bild: dpa

Daran werden jetzt manchem Zweifel kommen, nachdem die EZB unter Draghi endgültig die letzten Beschränkungen einer hemmungslosen Staatsfinanzierung eingerissen hat. Unter der Führung des Italieners Draghi ähnelt die EZB nun der Banca d’Italia und nicht mehr der Deutschen Bundesbank, als deren Nachfolger im Geiste sie sich die Deutschen bis jetzt vorstellten. Man streift eben seine nationale kulturelle Prägung nicht so einfach ab. Die EZB mag unabhängig von politischen Weisungen nationaler Regierungen sein, aber ihre Führung besteht aus Menschen, und die sind abhängig von ihren biografischen Erfahrungen und kulturellen Prägungen.

An der fachlichen Kompetenz von Draghi, seiner Erfahrung, seiner politischen Intelligenz zweifelt niemand.  Er hat unter anderem in Harvard studiert, war Professor in Florenz und Exekutivdirektor der Weltbank. In den 90er-Jahren war er als oberster Beamter im italienischen Finanzministerium an der Bekämpfung der Inflation und damit der Einführung des Euro in Italien maßgeblich beteiligt. Ansehen und Zugang zu den Mächtigen hat er sich auch in seiner Funktion als Vorsitzender des Financial Stability Board (FSB) erworben, des Gremiums, das die neuen Finanzregeln der G20-Länder ausarbeitet.

21 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.09.2012, 09:08 UhrMV_

    Den Deutschen wird doch schon in der Schule wie in den Medien dauernd eingeredet, dass 1. Vorurteile böse sind (auch wenn diese ihrer tagtäglichen Erfahrung entsprechen) und dass 2. Europa eine große, liebe Familie wäre in welcher alle nur das große Ganze im Blick haben und jeder eben Opfer bringen müsse. Dass dies ganz großer Käse ist, Vorurteile oft Wahrscheinlichkeiten sehr gut wiederspiegeln und Nationen keine Freunde haben, sondern lediglich Interessen, dass müssen die indoktrinierten Naivlinge ganz langsam wieder lernen. Aber solange realistische Kulturpessimisten wie Herr Wilders auch von der Wirtschaftswoche immer noch als "Rechtspopulist" beschimpft werden, ist der Weg noch lang. Die Deutschen entsprechen einem Mädchen, welchem man einredete, dass es ein total dummes Vorurteil sei, dass Mami ihr sagte, dass man nachts nicht allein trampen oder sich mit wildfremden Männern besaufen solle. Nun wurden ja einige schlechte Erfahrungen gemacht und nun könnte man sich die Frage stellen, ob die spießige Mami damals nicht Recht hatte.

  • 09.09.2012, 12:21 UhrBettinaroehl

    Personalpolitik ist immer auch Sachpolitik. Es stimmt genau, wie hier beschrieben, Draghi macht italienische Politik in Frankfurt. Ein Narr, wer glaubt, dass Draghi, wenn er denn hoffentlich eines nahen Tages in Rente geht, seinen Lebensabend nicht im schönen Italien verbringt. Da sollen ihn die Leute mögen und Abends auf der Piazza ehrfurchtsvoll den Hut vor ihm ziehen.
    Was das Durchsetzen von deutschem Personal in Europa anbelangt, waren alle deutschen Regierungen bisher etwas verklemmt und zaudernd. Nachdem Strauss-Kahn etwas unsanft aus fremden Betten gefallen war, stellten die Franzosen mit Lagarde gleich die Nachfolgerin.
    Merkel könnte ein persönliches Motiv dafür haben keine deutsche Konkurrenz in Europa zuzulassen. Sie setzt vielleicht auf ihr deutsches Alleinstellungsmerkmal, was ihr innerhalb Deutschlands und außerhalb Deutschlands die größtmögliche persönliche Macht sichert. Merkel scheint vor allem Politik für Merkel zu machen, nicht nur auf diesem Feld.

  • 09.09.2012, 09:25 Uhrchampus

    @Pinin - "...Top-Beliebtheitsgrade..."

    Aus welcher Teilpopulation diese Stichprobe „n“ wohl gezogen wurde? Ich habe an diesem Umfrage-ergebnis meine begründeten Zweifel.
    Es gibt drei Arten von Lügen nach Mark Twain: „Lügen, verdammte Lügen und Statistiken“.
    http://www.umm.uni-heidelberg.de/inst/biom/lehre/epi/Statistik_Fehlschluesse.pdf
    http://www.zitate-online.de/autor/twain-mark/
    oder
    Glaube keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

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