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Kommentar EZB: Geldpolitik für die Galerie

von Bert Losse

Die EZB beugt sich dem Druck der Märkte und senkt den Leitzins. Doch der Konjunktur nützt das nichts, die Unternehmen horten ihr Geld.

Eines kann man Mario Draghi sicher nicht vorwerfen: Tatenlosigkeit. Seit der Italiener vor bald 100 Tagen an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) aufrückte, kramt er tief im Instrumentenschrank. Schließlich brennt es im Euroraum lichterloh - und nicht wenige sehen in der EZB den einzigen potenten Retter im Kampf gegen Schuldenkrise, drohenden Bankenkollaps und Rezession. „Realistisch gesehen verfügt gegenwärtig nur noch die Geldpolitik über die Mittel, die Wirtschaft zu beleben“, sagt etwa Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Bild: dpa

Nun ist es also passiert. Erstmals seit Bestehen des Euro hat die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins unter die Ein-Prozent-Marke gedrückt. Die Notenbanker rangen sich zu einer Absenkung um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent durch. Zeitgleich reduzierten sie den Zins, den die Geschäftsbanken für kurzfristige Einlagen bei der EZB erhalten, auf null. Damit sollen die Kreditinstitute ermuntert werden, mehr Kredite zu vergeben, anstatt ihre Milliarden bei der EZB zu parken.

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Leitzinsen in der Euro-Zone Quelle: EZB
Leitzinsen in der Euro-Zone (in Prozent; Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik) Quelle: EZB

Niedrigere Zinsen ändern nichts

Mit dem von vielen Analysten erwarteten Schritt reagiert die Notenbank auf die verschlechterte Wirtschaftslage in der Euro-Zone. Nach jüngsten Prognosen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um 0,2 Prozent geschrumpft, und auch im laufenden dritten Quartal steht ein Minus bevor – damit wäre Euro-Land offiziell in der Rezession.

Doch können noch niedrigere Zinsen daran etwas ändern? Die Antwort lautet: nein. Die Notenbank macht vielmehr Geldpolitik für die Galerie; der sinkende Zins dürfte konjunkturpolitisch wirkungslos bleiben. Angesichts negativer kurzfristiger Realzinsen scheiterte schon vor dem EZB-Entscheid kein sinnvolles Investitionsprojekt an den Finanzierungskosten.

Das sind die drei Leitzinssätze der EZB

  • Der Hauptrefinanzierungssatz

    Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.

  • Die Spitzenrefinanzierungsfazilität

    Für Banken, die sehr kurzfristig Geld brauchen, wird es teurer, hier bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.

  • Die Einlagefazilität

    Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen.

Umgekehrt sollte niemand ernsthaft glauben, dass Unternehmen nun bombastische Investitionspläne aus der Schublade ziehen, weil der Leitzins um 25 Basispunkte tiefer liegt. Denn der klassische Transmissionsmechanismus von billigerem Geld und steigenden Investitionen funktioniert in diesen Krisenzeiten nicht. Viele Unternehmen horten Liquidität, anstatt das Geld auszugeben.

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Flucht in Sachwerte

Die ungebremst expansive Geldpolitik der EZB kann sich sogar ins Negative verkehren. Die aktuelle Zinssenkung sei „ein gewagter Schritt und wird die EZB in unbekanntes Terrain führen“, warnt Julian Callow, Chef-Europa-Ökonom bei Barclays Capital in London. Indem sie auf den Spuren der Nullzins-Notenbanker aus Japan und den USA wandeln, haben die Frankfurter Währungshüter ihren geldpolitischen Handlungsspielraum für den Fall einer Krisenzuspitzung eingeschränkt.

Hinzu kommt ein spezifisch deutsches Problem. Der niedrige Einheitszins freut Griechen, Spanier und Franzosen, doch für die robuste deutsche Volkswirtschaft ist er viel zu niedrig. Ökonomen sehen den angemessenen Leitzins hierzulande bei deutlich über zwei Prozent. Seit vergangenem Donnerstag besteht mehr denn je die Gefahr, dass sich bei Anlegern die Flucht in die Sachwerte verstärkt – und sich der aktuelle Bau-Boom zur Bau-Blase auswächst.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 08.07.2012, 18:00 Uhrfahrenheit

    Nein,
    die EZB hat sich verzockt. In der City macht der negative carry die Runde.
    Die Euro-Geldmarktfonds ziehen Ihre Gelder ab ( GS, BlackRock JPMorgan haben es Frei bereits getan). EZB hat bereits 3,2 Billionen € Schrottpapiere.

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