EZB-Ratsmitglied Christian Noyer: "Frankreich könnte viel aggressiver sparen"

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InterviewEZB-Ratsmitglied Christian Noyer: "Frankreich könnte viel aggressiver sparen"

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EZB-Ratsmitglied Christian Noyer (rechts), neben dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi.

von Angela Hennersdorf und Karin Finkenzeller

Christian Noyer, Chef der französischen Notenbank, fordert von der Regierung in Paris mehr Sparanstrengungen. Außerdem warnt er im Interview vor der Aufnahme neuer Euro-Mitglieder.

WirtschaftsWoche: Monsieur Noyer, seit Jahren lamentiert Frankreich, der starke Euro benachteilige die französische Wirtschaft. Nun ist der Kurs dank der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank auf 1,29 Euro zum Dollar gefallen. Das reicht Ihnen aber noch nicht. Wo hätten Sie den Euro-Kurs denn gern?

Noyer: Ich habe keinen konkreten Wechselkurs im Kopf. Das ist nicht die Aufgabe der Geldpolitik. Das Mandat der EZB lautet, die Preise mittelfristig stabil zu halten. Ist die Inflation zu lange zu niedrig, verfehlen wir unser Mandat, für Preisstabilität zu sorgen. Diese Sorge treibt die europäische Geldpolitik um.

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Vita

  • Christian Noyer

    Noyer, 63, ist seit 2003 Gouverneur der Banque de France. In dieser Funktion ist der gelernte Jurist dienstältestes Mitglied im obersten Gremium der Europäischen Zentralbank, dem EZB-Rat. Noyer war Stellvertreter des ersten Zentralbankchefs Wim Duisenberg. Seit März 2010 leitet er außerdem den Verwaltungsrat der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel.

Warum will die EZB dann unbedingt den Euro-Kurs drücken?

Es gibt mehrere Gründe für die niedrige Inflation. Zum einen hängt sie mit der schwachen Konjunktur im Euro-Raum zusammen, aber auch der Wechselkurs hat eben seinen Anteil daran. Um die Inflation näher an unser Ziel von zwei Prozent zu bringen, ist ein etwas schwächerer Euro hilfreich.

Sehen Sie die Euro-Zone schon in der Deflation wie die französische Regierung?

Nein, das sehe ich nicht so. Das Wort „Deflation“ ist übertrieben. Wir sind uns aber im EZB-Rat einig, dass eine zu lang anhaltende niedrige Inflation gefährlich ist.

Was sind die Gefahren?

Zum einen besteht das Risiko, dass sich die Inflationserwartungen ändern. Seit dem Start des Euro waren diese Erwartungen sehr stabil. Bleibt die Inflation aber zu lange zu niedrig, besteht die Gefahr, dass die Finanzmärkte diesen Erwartungen nicht mehr trauen. Das wiederum ist gefährlich für die Glaubwürdigkeit der Notenbank. Das Vertrauen, dass wir unser Mandat erfüllen und für stabile Preise sorgen, steht auf dem Spiel. Zweitens: Wenn in der aktuellen Niedriginflationsphase ein Schock von außen dazukäme, etwa ein neuer geopolitischer Konflikt oder eine Energiekrise, würde sich das Deflationsrisiko erhöhen. Deshalb ist es wichtig, dass wir wieder eine Inflation nahe unserer Zielmarke erreichen. Damit hätten wir im Falle neuer Schocks einen Puffer. Aber noch einmal: Im Moment befinden wir uns ganz sicher nicht in einer Deflation.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

  • Neue Bleibe

    In gebührendem Abstand zu den Bankentürmen im Westend entsteht in Frankfurt das neue Hauptquartier der EZB. Wann genau die Notenbanker dort einziehen werden, ist noch nicht klar - geplant ist aber 2014. Die EZB bleibt aber auch im Frankfurter Euro-Tower. Hier werden die Bankenaufseher untergebracht. Geldpolitiker und Aufseher sollen also nach den Umzügen nicht unter einem Dach arbeiten - Interessenskonflikte sollen so auf ein Minimum reduziert werden.

  • Neues Mitglied

    Sabine Lautenschläger ist anstelle von Jörg Asmussen ins EZB-Direktorium eingezogen. Ebenfalls neu ist Lettlands Zentralbankchef Ilmars Rimsevics. Lettland ist das 18. Land, das den Euro eingeführt hat.

  • Neue Offenheit

    Lautenschläger, Rimsevics und die anderen Notenbanker müssen sich an eine neue Offenheit der EZB gewöhnen. Die Zentralbank könnte schon bald wie etwa die Federal Reserve in den USA Protokolle oder zumindest schriftliche Zusammenfassungen der Sitzungen des EZB-Rats publik machen.

    Draghi will dem EZB-Rat dazu schon bald einen konkreten Vorschlag machen. Umstritten ist, wie genau sich die Öffentlichkeit künftig ein Bild vom Abstimmungsverhalten der einzelnen Notenbanker machen kann.

  • Neue Instrumente

    Die EZB geht mit einem rekordniedrigen Leitzins ins Jahr 2014: Seit November können sich die Geschäftsbanken bei ihr für 0,25 Prozent Zinsen refinanzieren. Zudem hat der EZB-Rat beschlossen, dass die Institute noch bis mindestens Mitte des übernächsten Jahres so viel Liquidität bekommen, wie sie bei der EZB abrufen - ohne Obergrenze. Damit ist das Finanzsystem zwar geschützt gegen Liquiditätsengpässe, doch stockt der Kreditfluss in den besonders krisengeplagten Ländern Südeuropas.

    Zudem ist die Inflation in der Eurozone aus Sicht der Notenbanker zu niedrig. Die Zentralbanker betonen seit der letzten Zinssenkung, dass sie noch zahlreiche Pfeile im Köcher haben. Dazu gehören unter anderem weitere milliardenschwere Geldspritzen, um die Banken flüssig zu halten, sowie ein Strafzins für Banken, die Gelder lieber bei der EZB parken, als sie an Unternehmen und Haushalte als Kredit weiterzureichen.

  • Neue Banken

    Wenn die EZB wie geplant im November 2014 die Oberaufsicht über die Banken der Währungsunion übernimmt, hat sie zumindest die 128 größten Institute bereits auf Herz und Nieren geprüft. Denn in den nächsten Monaten steht der größte Gesundheitscheck der Branche auf dem Programm, den es je gegeben hat.

    Ziel der EZB ist es, die Banken möglichst besenrein, also ohne schlummernde Altlasten in den Bilanzen, zu übernehmen.

Die geldpolitischen Instrumente der EZB erweisen sich bisher nicht als übermäßig wirkungsvoll, die Inflation zu erhöhen.

Geldpolitische Maßnahmen brauchen ein bis eineinhalb Jahre Zeit, bis sie in der Realwirtschaft ankommen. Es ist ein stufenweiser Prozess. Einige Instrumente helfen aber auch kurzfristig. Veränderungen des Wechselkurses etwa wirken schneller.

Warum dann der Aktionismus Anfang September? Die EZB senkte den Leitzins erneut und kündigte an, Kreditverbriefungen kaufen zu wollen.

Das war kein Strategiewechsel, sondern die Fortsetzung dessen, was wir im Juni entschieden haben. Während des Sommers bemerkten wir erste Anzeichen, dass sich Inflationserwartungen und Finanzmarktindikatoren verändern. Da konnten wir nicht untätig bleiben. Deshalb haben wir im September den Leitzins weiter gesenkt. Damit sind wir nun aber aus meiner Sicht am unteren technischen Ende angekommen. Das ABS-Programm hatten wir bereits angekündigt. Wir wollen mit diesem Instrument direkt auf dem Kreditmarkt intervenieren, um vor allem kleine und mittelständische Unternehmen besser mit Krediten für Investitionen versorgen zu können.

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