EZB senkt Leitzins: Draghi schmeißt die Gelddrucker an

EZB senkt Leitzins: Draghi schmeißt die Gelddrucker an

von Saskia Littmann

Überraschend senkt die EZB erneut den Leitzins. Gleichzeitig kündigt die Zentralbank den Kauf von Kreditverbriefungen an. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Entscheidung.

Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat mal wieder voll zugeschlagen. Halbe Sachen sind nicht die des Italieners - und Abwarten auch nicht.

Nicht nur, dass die EZB völlig unerwartet den Leitzins nochmals auf ein neues Rekordtief von 0,05 Prozent gesenkt hat. Auch der bereits negative Einlagenzins für Bankguthaben bei der Zentralbank wurde erneut nach unten geschraubt. Er liegt jetzt bei Minus 0,2 Prozent. Doch das reichte Draghi offenbar nicht, zusätzlich startet die EZB ihr Kaufprogramm für Kreditverbriefungen - damit liebäugelte Draghi schon länger.

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Ein solches Feuerwerk an Maßnahmen benutzt die Notenbank sonst nur auf dem Höhepunkt von Krisen. Viele Beobachter fragen sich deshalb, wie ernst die Lage in der Währungsunion erneut ist. Aber der Reihe nach.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Was hat die EZB insgesamt an Maßnahmen beschlossen?

Zunächst hat die Notenbank an ihren drei Zinssätzen gedreht. Der Leitzins, welcher seit Juni auf einem Rekordtief von 0,15 Prozent lag, wurde erneut auf das Mini-Niveau von 0,05 Prozent gesenkt. Mario Draghi erklärte in diesem Zusammenhang, die Zinsen seien jetzt an der "unteren Grenze".

Darauf festlegen, dass dies die letzte Zinssenkung war, würde sich vermutlich aber keiner. Denn schon die aktuelle Senkung kam für die meisten Beobachter wie aus heiterem Himmel. "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda", sagte Marco Bargel, Chefvolkswirt bei der Postbank.

Auch den negativen Einlagenzins senkte Draghi weiter, auf jetzt minus 0,2 Prozent. Banken, die ihr Geld über Nacht bei der EZB lagern wollen, müssen jetzt einen noch höheren Strafzins zahlen als zuvor.

Offenbar war die Notenbank mit der Wirkung der leichten Strafe von 0,1 Prozent nicht zufrieden. Mit ihrem Strafzins will die EZB erreichen, dass die Banken ihr Geld nicht lagern, sondern es in Form von Krediten an Unternehmen oder andere Banken weitergeben. Erst kürzlich waren die Folgen des Minuszins erstmals sichtbar geworden. Denn der Interbanken-Zins Eonia fiel in den negativen Bereich, auch Banken verlangten untereinander einen Strafzins.

Neues Rekordtief EZB senkt Leitzins überraschend auf 0,05 Prozent

Die Europäische Zentralbank senkt ihren Leitzins überraschend auf das Rekordtief von 0,05 Prozent. So soll der Mini-Inflation entgegengewirkt werden. Der Euro fiel auf ein 14-Monats-Tief.

EZB-Chef Mario Draghi Quelle: AP

Es wird gekauft

Zusätzlich zu den konventionellen Maßnahmen verkündete Draghi nach der Ratssitzung, die EZB werde in Zukunft verbriefte Kredite aufkaufen - sogenannte Asset Backed Securities (ABS). Ab Oktober sollen diese mit Krediten besicherten Wertpapiere in der Bilanz der EZB landen. Damit nicht genug. Gleichzeitig werden Pfandbriefe gekauft.

Hinzu kommen die langfristigen Refinanzierungsgeschäfte für Banken, welche Draghi bereits im Juni angekündigt hat. Die sogenannten TLTROs (targeted long-term refinancing operations), also langfristige Refinanzierungsgeschäfte mit Zweckbindung, werden ebenfalls im Herbst ausgegeben.

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