EZB-Zinsentscheid: Mario Draghi braucht Mut zum Nichtstun

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EZB-Zinsentscheid: Mario Draghi braucht Mut zum Nichtstun

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Mario Draghi gerät immer weiter zwischen die Fronten.

von Saskia Littmann

Die Unterschiede in der Euro-Zone werden immer größer, EZB-Chef Mario Draghi gerät weiter zwischen die Fronten. Warum er trotz Deflationsangst ausnahmsweise nicht handeln sollte.

Als „pervers“ hat er sie bezeichnet. Die Angst der Deutschen vor der Inflation. Mario Draghi ist mit den Bundesbürgern hart ins Gericht gegangen, vor kurzem beklagte sich der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem Interview mit dem „Spiegel“ über mangelndes Lob aus Deutschland. Die entsprechenden Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, Draghis Äußerungen wurden als böswillig bezeichnet, Ökonomen sahen darin die große Unsicherheit des Zentralbankchefs.

Viel Kritik muss Draghi aus Europas größter Volkswirtschaft einstecken. Seine ultra-expansive Geldpolitik würde steigende Preise schüren, sagen die einen. Mit seiner Krisenpolitik würde der Italiener gezielt die südeuropäischen Krisenstaaten stützen, beklagen die anderen. Statt sich beleidigt über zu wenig Lob zu beschweren, sollte Draghi die Kritik lieber Ernst nehmen – und einsehen, dass es bei einer derart zerklüfteten Euro-Zone immer sowohl Für- als auch Gegensprecher geben wird. Auch wenn der Italiener beim ersten Zinsentscheid des neuen Jahres am Donnerstag erneut hin- und hergerissen sein wird, auch im Hinblick auf die gesamte Euro-Zone sollte er sich mit vorschnellen Maßnahmen dieses Mal zurückhalten.

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Dabei sprechen die aktuellen Daten einmal mehr für die Befürworter einer expansiven Geldpolitik aus Europas Süden. Von Inflation kann offiziellen Statistiken zufolge keine Rede sein, im Gegenteil. Im Dezember hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise in der Eurozone noch einmal leicht abgeschwächt. Um nur noch 0,8 Prozent legten die Preise zu. Das ist weit entfernt von einem Wert von knapp unter zwei Prozent, den die EZB als Preisstabilität definiert hat. Insbesondere in den Peripheriestaaten wachsen die Preise nur noch sehr langsam. In Griechenland sanken die Preise bereits, im November verbilligten sich Waren und Dienstleistungen im Schnitt um 2,9 Prozent.

Im Draghi-Kritikerland Deutschland sind die Preise dagegen im vergangenen Jahr durchschnittlich um 1,5 Prozent gestiegen. Vor allem niedrigere Ölpreise sorgten dafür, dass die Teuerung nicht höher ausfiel. Denn die Preise für Lebensmittel legten gewohnt deutlich um 3,8 Prozent zu. Kein Wunder also, dass sich viele Verbraucher angesichts des teuren Weihnachtseinkaufs über die niedrigen Inflationsraten wundern.

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

  • Verminderter Reformdruck auf Krisenländer

    Werden die Zinsen künstlich abgesenkt, so verringert sich der Reformdruck auf Regierungen und Banken, ihre Haushalte beziehungsweise Bilanzen zu verbessern.

  • Fehlinvestitionen werden künstlich am Leben gehalten

    Ein künstlich tief gehaltener Zins verhindert, dass unprofitable Investitionsprojekte also Fehlinvestitionen aufrecht und befördert werden.

  • Spekulationswellen

    Künstlich tiefe Zinsen lösen (inflationäre) Spekulationswellen aus, führen zu „Boom-and-Bust“-Zyklen: überhitzte Situationen, in denen, wenn niemand mehr bereit ist, Kredite zu finanzieren, alles in sich zusammenbricht.

  • Schulden steigen

    Künstlich niedrig gehaltene Zinsen befördern die Schuldenwirtschaft, insbesondere die der Staaten und der Bankenindustrie.

Beim Wort „Deflation“ schrillen bei vielen die Alarmglocken. „Es ist möglich, dass sich in Europa in den kommenden Monaten deflationäre Tendenzen zeigen. Eine solche Entwicklung würde dem Euro wahrscheinlich Auftrieb geben. Sollte die Zentralbank nicht schnell genug darauf reagieren, könnte dies die exportabhängige europäische Wirtschaft belasten“, sagt Lutz-Peter Wilke, der beim Vermögensverwalter Blackrock eines der größten Multi-Asset-Teams der Branche leitet. Schon jetzt bestehe in einigen Ländern die Gefahr sinkender Preise, das müsse die EZB genau im Auge behalten. Auch der Chefvolkswirt der ING in Belgien mahnt: „Die EZB kann sich angesichts der Deflationsrisiken nicht zurücklehnen“.

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