Finanzmärkte: Wirkungslose Zentralbanken

Finanzmärkte: Wirkungslose Zentralbanken

von Frank Doll

Der Versuch der EZB, die Märkte mit der Aussicht auf eine Aufstockung ihrer monatlichen Anleihekäufe oder eine Verlängerung der Käufe über September 2016 hinaus zu stabilisieren, ist wirkungslos verpufft. Die Risiken an den Finanzmärkten nehmen sprunghaft zu. Der US-Aktienmarkt hat ein wichtiges Verkaufssignal gegeben.

Ursprünglich waren Notenbanken dafür konzipiert, in Krisenzeiten mit kurzfristig angelegten geldpolitischen Hilfsprogrammen der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. An eine permanente Liquiditätsversorgung von Regierungen, Finanzwirtschaft, Aktien-, Anleihe- und Immobilienmärkten war nicht gedacht. Diese Zweckentfremdung ist der Hauptgrund, warum die Geldpolitik in der Realwirtschaft nicht richtig verfängt. Die jüngsten Börsenturbulenzen signalisieren jetzt auch einen Kontrollverlust der Notenbanken über ihre wichtigste Zielgröße - den Aktienmarkt. 

Auf den ersten Blick versuchen Notenbanken, über Zinsen und Kreditaufnahme die Realwirtschaft zu beeinflussen. Das eigentliche Ziel der geldpolitischen Lockerungen der US-Notenbank Fed seit 2008 war es aber, den amerikanischen Aktienmarkt aufzublasen, um über einen positiven “Vermögenseffekt” (die Amerikaner sollten dank Aktiengewinnen reicher werden und mehr konsumieren) die Realwirtschaft in Schwung zu bringen. Die Bank of England folgte diesem Beispiel 2009, die  Bank of Japan startete im April 2013 ihre Wertpapierkäufe, die Europäische Zentralbank (EZB) setzt darauf seit Anfang dieses Jahres.

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Notenbanken rund um den Globus lockern ihre Geldpolitik

  • Immer mehr Notenbanken senken weltweit die Zinsen

    Im Kampf gegen einen gefährlichen Abwärtssog aus fallenden Preisen und schrumpfenden Investitionen senken immer mehr Notenbanken weltweit die Zinsen. Ein Überblick über die einzelnen Schritte seit dem 1. Januar.
    Quelle: Reuters; Stand März 2015

  • 1. Januar - Usbekistan

    Die Zentralbank von Usbekistan setzt ihren Refinanzierungssatz auf neun Prozent von bislang zehn Prozent nach unten.

  • 15. Januar - Schweiz

    Die Schweizer Notenbank (SNB) vollzieht eine radikale Kehrtwende und schafft den Mindestkurs des Franken zum Euro ab. Die Währungshüter begründen ihre überraschende Entscheidung mit dem immer stärker werdenden Dollar und dem anhaltend fallenden Euro. Gleichzeitig wird der Strafzins auf Einlagen von Banken bei der Notenbank auf 0,75 Prozent von 0,25 Prozent angehoben.

  • 15. Januar - Ägypten

    Die Notenbank von Ägypten senkt überraschend die Leitzinsen um 0,5 Punkte. Die Sätze für Übernachteinlagen und Kredite werden auf 8,75 beziehungsweise 9,75 Prozent gekürzt.

  • 16. Januar - Peru

    Perus Zentralbank senkt überraschend den Leitzins auf 3,25 von bislang 3,5 Prozent. Konjunkturdaten für das Land, die kurz vorher veröffentlicht wurden, waren sehr schwach ausgefallen.

  • 21. Januar - Kanada

    Die Bank von Kanada senkt die Zinsen auf 0,75 Prozent. Damit beendete sie den längsten Zeitraum mit unveränderten Zinsen seit 1950 - seit September 2010 hatte der Schlüsselzins bei einem Prozent gelegen.

  • 22. Januar - EZB

    Die Europäische Zentralbank (EZB) kündigt eines der bislang größten Anleihe-Kaufprogramme aller Zeiten an. Insgesamt wollen die Währungshüter Staatsbonds sowie andere Wertpapiere im Volumen von 1,14 Billionen Euro erwerben. Mit den Käufen soll im März begonnen werden.

  • 24. Januar - Pakistan

    Pakistans Zentralbank senkt den Leitzins auf 8,5 von bislang 9,5 Prozent. Sie begründete dies mit einem schwächeren Inflationsdruck im Zuge der weltweit sinkenden Ölpreise.

  • 28. Januar - Singapur

    Die Zentralbank von Singapur (MAS) lockert ihre Geldpolitik, um die niedrige Inflation anzuheizen. Sie kündigt an, den Kursanstieg des Singapur-Dollar gegen einen Korb ausländischer Währungsmittel einzudämmen. Die Inflationserwartungen hätten sich seit Oktober 2014 erheblich verändert, begründeten die Notenbanker des Stadtstaats den Schritt.

  • 28. Januar - Albanien

    Die albanische Notenbank setzt den Schlüsselzins herab auf das Rekordtief von zwei Prozent. Im vergangenen Jahr hatte sie die Zinsen bereits drei Mal gesenkt, zuletzt im November.

  • 30. Januar - Russland

    Russlands Notenbank kappt den Schlüsselzins für die Versorgung der Banken mit Geld auf 15 von 17 Prozent. Das ist eine scharfe Kehrtwende, da die Notenbank 2014 die Zinszügel erst kräftig angezogen hatte. Die westlichen Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts und der Ölpreisverfall haben eine Kapitalflucht aus Russland ausgelöst und den Rubel auf Talfahrt geschickt.

  • 3. Februar - Australien

    Die australische Zentralbank RBA senkt den Leitzins auf ein Rekordtief. Der Schlüsselzins liegt damit nun bei 2,25 Prozent. Mit dem Schritt wollen die Währungshüter unter anderem die Konjunktur ankurbeln.

  • 4. Februar/ 7. Januar - Rumänien

    Rumäniens Zentralbank senkt in zwei Schritten den Leitzins um insgesamt 0,5 Punkte auf ein Rekordtief von 2,25 Prozent.

  • 5. Februar/ 29. Januar/ 22. Januar/ 19. Januar - Dänemark

    Die dänische Zentralbank setzt vier Mal innerhalb weniger als drei Wochen ihre Leitzinsen herab. Sie interveniert zudem regelmäßig am Devisenmarkt, um die Koppelung der Krone an den Euro zu verteidigen.

  • 12. Februar - Schweden

    Schwedens Zentralbank senkt ihren Leitzins für Wertpapier-Rückkaufgeschäfte mit den Geschäftsbanken - den sogenannten Repo-Satz - auf minus 0,1 Prozent von zuvor null Prozent. Zugleich kündigt sie an, für zehn Milliarden Kronen Staatsanleihen zu kaufen.

  • 17. Februar - Indonesien

    Die Zentralbank von Indonesien setzt überraschend die Zinsen um 0,25 Punkte auf 7,5 Prozent herab. Es ist die erste Senkung seit drei Jahren. Volkswirte hatten dies nicht erwartet.

  • 18. Februar - Botsuana

    Die Notenbank von Botsuana senkt ihren Leitzins um einen Punkt auf 6,5 Prozent. Die Konjunkturentwicklung und die Inflationsaussichten würden einen solchen Schritt ermöglichen, erklärten die Währungshüter des afrikanischen Landes.

  • 23. Februar - Israel

    Die Bank von Israel kappt ihren Leitzins auf 0,1 von bislang 0,25 Prozent. Es ist die erste Senkung seit sechs Monaten. Hintergrund ist unter anderem der Kampf gegen Deflationsgefahren und die Aufwertung der Landeswährung Schekel.

  • 24. Februar/ 20. Januar - Türkei

    Die Zentralbank der Türkei senkt ihren Schlüsselzins in zwei Schritten um insgesamt 0,75 Punkte auf 7,5 Prozent. Ministerpräsident Ahmet Davutoglu forderte nach der zweiten Zinslockerung die Notenbank auf, noch größere Schritte einzuleiten, um die Wirtschaft anzukurbeln.

  • 28. Februar - 4. Februar - China

    Die chinesische Notenbank senkt ihren Schlüsselzinssatz auf 5,35 von zuvor 5,6 Prozent. Der neue Satz sei der Entwicklung des Wirtschaftswachstums, den Preisen und der Beschäftigungslage angemessen. Die Zentralbank hatte zuvor bereits Anfang Februar angekündigt, dass die Finanzinstitute künftig nicht mehr so viel Kapital als Mindestreserve bereithalten müssen. Damit soll für mehr Liquidität im Finanzkreislauf der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft gesorgt und die Kreditvergabe angeschoben werden.

  • 4. März/ 15. Januar - Indien

    Die indische Notenbank setzt den Leitzins in zwei Schritten um jeweils 0,25 Punkte auf 7,5 Prozent nach unten. Die Reserve Bank of India (RSB) reagiert mit der geldpolitischen Lockerung auf zuletzt magere Konjunkturdaten zur Produktion und Kreditvergabe. Indiens Wirtschaft durchläuft derzeit eine Phase vergleichweise schwachen Wachstums.

Tatsächlich zeigt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren ein Gleichlauf des US-Aktienindex S&P 500 mit der Ausweitung der Fed-Bilanzsumme. Der Nikkei in Japan hat sich seit April 2013 zwischenzeitlich fast verdoppelt und in Großbritannien erhöhte sich die Anzahl der Millionäre in den vergangenen fünf Jahren dank steigender Aktien- und Immobilienpreise um 40 Prozent.

Die Kehrseite der Medaille: Die Realeinkommen sinken unisono, in Japan und der Eurozone lahmt die Konjunktur, in Großbritannien kollabieren die Vollzeitarbeitsplätze bei gleichzeitig rekordhoher Verschuldung der Privathaushalte. Doch nicht nur die Briten sind bis unters Dach verschuldet. Weltweit war die Verschuldung im Vergleich zur Wirtschaftsleistung noch nie so hoch wie heute.

Europäische Zentralbank Die EZB und ihr fataler Glaube an das billige Geld

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Wachstums- und Inflationsprognosen deutlicher gesenkt als erwartet. Ebnet die Zentralbank damit den Weg für eine Ausweitung ihrer Anleihekäufe? Vieles deutet darauf hin.

EZB-Chef Draghi: "Wir sind bereit, zu handeln" Quelle: dpa

Innerhalb weniger Jahre brachen mit der globalen Finanzkrise und der Euro-Krise gleich zwei Schuldenkrisen aus. Die nächste hat schon begonnen. Ihr Epizentrum liegt in China. Als Seismograph dient der Dollar. 1994 belief sich die chinesische Gesamtverschuldung auf 500 Milliarden Dollar, heute auf 28.000 Milliarden Dollar. Schätzungsweise 3000 Milliarden Dollar dieser Schulden wurden über sogenannte Carry-Trades in Dollar aufgenommen. Spekulanten verschuldeten sich in niedrig verzinsten Dollar und legten das Geld in höher verzinsten Renminbi an. Diese Trades werden gerade geschlossen, weshalb der Renminbi gegenüber dem Dollar weiter abwerten wird.

Auf globaler Ebene beläuft sich der Carry-Trade nach Schätzungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf 9000 Milliarden Dollar und kommt durch die Entwicklung in China jetzt ebenfalls unter Druck. Wie in China werden auch in anderen Schwellenländern Positionen an den Aktien- und Anleihemärkten abgebaut, die Währungen brechen ein. Wer sich in Dollar verschuldet hat, bekommt ein Problem.

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Zum Vergleich: Die Asienkrise von 1997/98 wurde durch die Rückführung solcher Carry Trades im Umfang von vergleichsweise läppischen 300 bis 500 Millionen Dollar verschärft.

Neben der japanischen Börse und den europäischen Aktienmärkten ist inzwischen auch Wall Street vom Baissebazillus infiziert. Wie 2007 und zuvor 2000 hat der US-Aktienmarkt mit seiner ersten Korrektur im S&P 500 jetzt ein wichtiges, auf Momentum-Indikatoren basierendes, Verkaufssignal gegeben. Der Versuch der EZB, die Märkte mit der Aussicht auf eine Aufstockung ihrer monatlichen Anleihekäufe oder eine Verlängerung der Käufe über September 2016 hinaus zu stabilisieren, ist am Donnerstag und am Freitag wirkungslos verpufft. Die Zentralbanken verlieren die Kontrolle.

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