Finnland: Schuldenangst im Euro-Musterland

Finnland: Schuldenangst im Euro-Musterland

von Tim Rahmann

Finnland gehört mit seinem Top-Rating zu den letzten Stützpfeilern der Euro-Zone. Doch damit könnte es bald vorbei sein, warnt die finnische Zentralbank.

Geringe Schulden, ein Bildungssystem mit Vorzeigecharakter und kompromisslose Politiker in Euro-Verhandlungen: Finnland zeigt’s den Deutschen, titelten wir im August 2012. Heute, eineinhalb Jahre später, fürchtet das Land vom Vorbild zum Sorgenkind zu werden. Laut der finnischen Zentralbank droht dem Land ein starker Anstieg der Schuldenlast. Die Haushaltslage könne gar „italienische Züge“ annehmen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg.

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Wissenswertes über Finnland

  • Wenig Finnen, viel Land

    Finnland ist zwar nur wenig kleiner als Deutschland, dafür hat das Land im Norden lediglich 5,4 Millionen Einwohner. Die Mehrheit davon wohnt im Süden des Landes und im Großraum Helsinki. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung leben in Südfinnland, das entspricht einer Dichte von 62,6 Einwohnern pro Quadratkilometer. Im Norden des Landes, in Lappland, sind es nur 1,9 Einwohner je Quadratkilometer.

  • Geteilte Nationalhymnen

    Die finnische Nationalhymne wird in mehrfacher Hinsicht geteilt: Zum einen benutzt Estland die gleiche Melodie (komponiert von Fredrik Pacius) als Nationalhymne, zum andern existiert die finnische Hymne in zwei Sprachen. Ein Großteil der Bevölkerung singt die Maamme (finnisch), während ein kleiner Teil Vårt land (schwedisch) singt. Die autonome Provinz Åland hat ihre ganz eigene Nationalhymne, das Ålänningens sång.

  • Zweisprachiges Schulsystem

    Wegen der schwedischen Minderheit müssen alle Gemeinden, in denen Finnisch und Schwedisch sprechende Menschen leben, Unterricht in beiden Sprachen anbieten. Die Schulpflicht gilt in Finnland wie auch in Deutschland bis zum 16. Lebensjahr. Neun Jahre lang gehen die Finnen in die peruskoulu, eine Art gemeinsame Grundschule.

  • Lebensmittelmonopol

    In Finnland haben drei Konzerne die Macht über den Lebensmittel- und Getränkemarkt: S-Markt, K-Markt und Suomen Lähikauppa halten gemeinsam fast 90 Prozent. Ausländische Konzerne und Ketten haben es wegen des geringen Marktvolumens eher schwer. Bäckerei- oder Fleischerketten gibt es in Finnland kaum.

  • Finnische Exportschlager

    Die Finnen verkaufen seit jeher Holz und Papier. In den Siebzigerjahren machten diese Industriezweige über die Hälfte des finnischen Exportes aus. Dann kamen Nokia und Co. und Finnland wandelte sich von einer Agrar- zu einer Dienstleistungsgesellschaft. Doch auch heute noch stellen die finnischen Wälder den wichtigsten Rohstoff des Landes dar.

    Dennoch sind mittlerweile Maschinen der finnische Exportschlager (8,4 Milliarden Euro in 2010). Sie machen 16 Prozent des Exports aus. Gefolgt von Papier und Pappe mit 14 Prozent (7,3 Milliarden Euro im Jahr 2010). Außerdem ist Heavy Metal in Finnland ausgesprochen populär. Die Finnen versorgen Europas und Amerikas Metal-Fans mit Rock- und Metalbands wie Children of Bodom, Nightwish oder dem Eurovision Song Contest-Gewinner Lordi.

  • Berühmte Finnen

    Namhafte Finnen sind die Regisseure Aki und Mika Kaurismäki, die Komponisten Jean Sibelius und Levi Madetoja, sowie die Rennfahrer Mika Häkkinen und Kimi Räikkönen. Der reichste Finne ist laut aktueller Forbes-Liste übrigens Antti Herlin, der es dank seiner Maschinenbau- und Servicefirma KONE Corporation auf ein Vermögen von rund zwei Milliarden Dollar gebracht hat.

  • Kuriose finnische Sportarten

    Der gemeine Finne betätigt sich gern sportlich, zum Teil auch in kuriosen Disziplinen. Großer Beliebtheit erfreut sich in Finnland beispielsweise das Frauentragen. Die "Wife Carrying World Championship Games" finden in Sonkajärvi in Ostfinnland seit 1992 statt. Genauso beliebt sind Melkschemel- oder Handy-Weitwurf, Mückenklatschen und Beeren pflücken als Teamsport. Seit 2011 finden übrigens auch Weltmeisterschaften im Schlammfußball in Finnland statt.

  • Finnen und der Schnaps

    Alkohol ist in Finnland verhältnismäßig teuer, auch wenn 2004 die Alkoholsteuer um 33 Prozent gesenkt worden ist. Auch der Verkauf ist streng reglementiert: Getränke mit mehr als 4,7 Prozent Alkoholgehalt dürfen nur in staatlichen Monopolgeschäften, den Alkoshops, verkauft werden. Wer in der Kneipe eine Flasche Bier bestellt, muss 18 Jahre alt sein und mit fünf Euro pro Flasche rechnen. Vom Trinken scheint das die Finnen aber nicht abzuhalten. Im Jahr 2005 war Alkohol die häufigste Todesursache unter Finnen im arbeitsfähigen Alter.

Wenn die Volkswirtschaft mit den besten Ratings in der Eurozone – Finnland ist das einzige Land im Euro-Raum, das bei den drei großen Ratingagentur über die Spitzenbonitätsnote “AAA” mit stabilem Ausblick verfügt – eine Verdopplung des Schuldenniveaus in etwa 15 Jahren vermeiden wolle, müsse die Regierung dringend sparen und Reformen angehen, ergaben Berechnungen der finnischen Zentralbank in Helsinki, so Bloomberg.

Die Banker sorgen sich vor allem über den demografischen Wandel. Das nördlichste Euro-Mitglied hat mit der am schnellsten alternden Bevölkerung in der EU zu kämpfen. “Die Kosten im Zusammengang mit der Alterung werden in den nächsten zwei Jahrzehnten schneller zunehmen als anderswo”, sagte Petri Maeki-Fraenti, ein Ökonom der finnischen Zentralbank, im Interview mit Bloomberg News. Die Belastungen durch die Alterung der Gesellschaft seien ein “entscheidender” Faktor für das beschleunigte Schuldenwachstum nach 2020.

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Greife die Regierung nicht ein, könnte die Staatsverschuldung bis 2030 die Marke von 110 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) übersteigen, warnte die Zentralbank. Zum Vergleich: Der Verschuldungsgrad belief sich 2012 auf 53,6 Prozent.

Immerhin: Die Regierung ist zum Handeln bereit. Die Sechs-Parteien-Koalition in Finnland hatte zwischen August und November ein Maßnahmenpaket zusammengestellt, mit dem die öffentlichen Ausgaben gestrafft und verringert werden sollen. Damit soll eine Finanzlücke von mehr als neun Milliarden Euro bis 2017 gestopft werden. An Änderungen bei den Renten und im Gesundheitswesen wird derzeit noch gearbeitet. Alle Maßnahmen müssen unabhängig voneinander durchs Parlament.

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