Flüchtlinge: Wege aus der Misere

AnalyseFlüchtlinge: Wege aus der Misere

, aktualisiert 21. April 2015, 11:26 Uhr
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Flüchtlinge an der griechischen Küste.

von Florian Willershausen und Hans Jakob Ginsburg

Das Flüchtlingselend im Mittelmeer hat viele Ursachen. Wenigstens einige davon könnte man mit gescheiter Politik und vernünftigem wirtschaftlichen Handeln bekämpfen. Ein Plädoyer für Entwicklungshilfe, die ökonomischer Vernunft folgt.

Niemand hat ein Patentrezept gegen das tausendfache Elend der Flüchtlingsschiffe. Wenn Menschenfreunde auf zusätzliche Rettungsboote setzen oder Zyniker auf Sperrzäune und Internisierungslager, reden sie nur über Symptome, nicht über Ursachen. Die Katastrophe muss an ihren Wurzeln bekämpft werden – auch wenn das teuer sein mag und sicher nicht schnell geht.

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Es geht um die armen Herkunftsländer der Flüchtlinge, aber auch um die Ausgangspunkte ihrer so oft todbringenden Fahrten über das Meer. Tunesien, Libyen und auch Marokko waren noch nie Länder, mit deren Polizeikräften eine Gemeinschaft von Rechtsstaaten guten Gewissens zusammenarbeiten konnte. Inzwischen sind Libyen und Tunesien Länder, in denen man schon darum nicht mit der Polizei zusammenarbeiten kann, weil die in Tunesien nur mangelhaft arbeitet und in Libyen praktisch nicht mehr existiert.

In Libyen haben die westlichen Mächte vor vier Jahren beim Sturz des Tyrannen Gaddafi geholfen und dann das Land sich selbst überlassen. Staatliche Strukturen existieren nur noch in Resten, islamistische Milizen und Reste von Gaddafis Herrschaftsapparat bekämpfen sich aufs Blut. Und alle Libyer scheinen nur noch vereint im Hass gegen die dunkelhäutigen Fremden, die lange Zeit als Gastarbeiter im ölreichen Land Geld verdienten. Wer aus einem Land südlich der Sahara stammt und heute über einen libyschen Hafen nach Europa gelangen will, flieht sowohl vor der Armut im Heimatland wie vor rassistischer Verfolgung. Schuld daran ist neben den unmittelbar Beteiligten auch Europa, das Libyen scheinbar befreit und dann im Stich gelassen hat.

Ruf nach Konsequenzen Hunderte tote Flüchtlinge befürchtet

Bis zu 920 Menschen könnten bei einer erneuten Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer ertrunken sein. Es ist bereits das zweite Unglück in einer Woche. Die Kritik an der EU-Flüchtlingspolitik nimmt zu.

Ein Flüchtlingsboot mit mehr als 700 Menschen an Bord ist Medienberichten zufolge im Mittelmeer gekentert. Quelle: dpa

Im Nachbarland Tunesien herrschen dagegen geradezu idyllische politische Verhältnisse – und gleichzeitig das fortgesetzte wirtschaftliche Elend. Das einzige Land, in dem der sogenannte Arabische Frühling anfangs des Jahrzehnts gesiegt hat, sieht sich von Europa verraten: Die großartige wirtschaftliche Hilfe, die EU oder G7 im Jahr 2011 versprochen haben, manifestiert sich heute in mikroskopisch kleinen Hilfsmaßnahmen für Einzelprojekte.

Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Gastarbeiterüberweisungen werden zur wichtigsten volkswirtschaftlichen Devisenquelle. Und in der Folge gesellen sich Tunesier zu den Armutsflüchtlingen aus dem schwarzen Afrika, während einige ihrer Landsleute als Schlepper ihr Geld verdienen – nicht aus krimineller Energie, sondern mangels Alternative.

Politik und Wirtschaft Deutschlands und ganz Europas versagen in Nordafrika, und das ist moralisch schlimm, außenpolitisch fatal und ökonomisch kurzsichtig. Und nicht besser sieht es aus im Umgang mit den weiter entfernten Herkunftsländern der meisten Flüchtlinge, dem sogenannten „schwarzen Kontinent“.

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