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Frankfurter Notenbank: Gefährliches Spiel der EZB

von Anne Kunz und Malte Fischer

Die Frankfurter Notenbank hat den Leitzins erstmals seit Einführung des Euro unter ein Prozent gesenkt. Es ist ein gefährlicher Schritt, wie selbst vereinzelte EZB-Banker zugeben.

EZB Frankfurt Quelle: dpa
Der Rat der EZB beschloss, den Leitzins auf 0,75 Prozent zu senken. Ziel ist es, die schleppende Wirtschaft in der Euro-Zone ankurbeln Quelle: dpa

Erstmals in der Geschichte der Währungsunion hat die Europäische Zentralbank den Leitzins unter ein Prozent gesenkt. Der Rat der EZB beschloss am Donnerstagmittag, den Zins um 25 Basispunkte auf 0,75 Prozent zu verringern. Außerdem wird der Zinssatz für die Einlagefazilität – also jener Zins, den Banken von der EZB gutgeschrieben bekommen, wenn sie Geld bei ihr parken – zum 11. Juli um 25 Basispunkte auf 0,00 Prozent gesenkt.

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Die niedrigen Leitzinsen kommen den Banken zugute, besonders den angeschlagenen in Südeuropa. Sie können sich nun noch günstiger Geld leihen: Falls sie nicht die gesamte Zinssenkung an ihre Kunden weitergeben, können sie zugleich ihre Gewinne steigern und wichtiges Eigenkapital aufbauen. Mit der historischen Leitzinssenkung wollen die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi zudem die schleppende Wirtschaft in der Euro-Zone ankurbeln. Keine Frage: Die Sorgen um die Euro-Konjunktur sind berechtigt. Das Wachstum der Euro-Zone ist im ersten Quartal des Jahres zum Erliegen gekommen, die Euro-Pleiteländer Griechenland, Spanien und Portugal stecken tief in der Rezession. Aber auch in den Niederlanden schrumpft die Wirtschaft, am Mittwoch musste auch Frankreich seine Wachstumszahlen nach unten korrigieren.

Eines kann man Mario Draghi sicher nicht vorwerfen: Tatenlosigkeit. Seit der Italiener vor bald 100 Tagen an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) aufrückte, kramt er tief im Instrumentenschrank. Schließlich brennt es im Euroraum lichterloh - und nicht wenige sehen in der EZB den einzigen potenten Retter im Kampf gegen Schuldenkrise, drohenden Bankenkollaps und Rezession. „Realistisch gesehen verfügt gegenwärtig nur noch die Geldpolitik über die Mittel, die Wirtschaft zu beleben“, sagt etwa Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Bild: dpa

Das hat Folgen für den Rest der Welt. Wegen der Rezession sinkt die Nachfrage Europas nach ausländischen Produkten. Für die USA ist Europa der zweitwichtigste Handelspartner nach Kanada. Rund 18 Prozent der US-Exporte gehen über den Atlantik. Für China ist Europa sogar der wichtigste Exportmarkt, noch vor den USA. Zuletzt haben Chinas Ausfuhren in die Euro-Zone stagniert.

Düstere Szenarien

Wie groß das Risiko für die Weltwirtschaft wegen der Euro-Krise ist, zeigt eine Simulationsrechnung der Weltbank. Darin haben die Washingtoner Ökonomen untersucht, was passiert, wenn große Länder der Euro-Zone pleitegehen und keine Kredite mehr bekommen. Ergebnis: Die Wirtschaft in der Währungsunion bricht um 8,5 Prozent ein.

Das sind die drei Leitzinssätze der EZB

  • Der Hauptrefinanzierungssatz

    Der wichtigste Leitzins ist der Hauptrefinanzierungssatz. Er legt den Mindestzins fest, den Geschäftsbanken der EZB für einen Kredit mit einwöchiger Laufzeit im Rahmen der sogenannten Tenderauktionen bieten müssen. Änderungen wirken sich in der Regel direkt auf die Zinsen am Geld- und am Kapitalmarkt aus.

  • Die Spitzenrefinanzierungsfazilität

    Für Banken, die sehr kurzfristig Geld brauchen, wird es teurer, hier bietet die EZB die sogenannte Spitzenrefinanzierungsfazilität an. Diese Kredite haben eine Laufzeit von einem Tag. Der Zins, den Banken für das über Nacht geliehene Geld zu zahlen haben, ist der Spitzenrefinanzierungssatz. Er liegt in der Regel rund einen Prozentpunkt über dem Hauptrefinanzierungssatz.

  • Die Einlagefazilität

    Die Einlagefazilität ist das Gegenstück zur Spitzenrefinanzierungsfazilität. Sie gibt Banken die Möglichkeit, einen Überschuss an flüssigen Mitteln bis zum nächsten Geschäftstag bei der Zentralbank zu parken. Die Verzinsung gibt der Einlagefazilitätssatz an. Spitzen- und Einlagefazilität sind Instrumente, mit denen die EZB weitere Feinsteuerung verwirklichen kann. Wenn die Banken zum Beispiel nur sehr wenig oder gar keinen Zins auf das Geld bekommen, das sie bei der EZB parken, dann steigt der Anreiz, es an einen Kunden zu verleihen.

Aus diesem Grund wurden die Rufe und Appelle aus dem Ausland, die Schuldenkrise endlich wirksam zu bekämpfen, zuletzt immer lauter. Doch ist die Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank der richtige Schritt, um die Wirtschaft zu stützen und die Schuldenkrise zu lösen? Zweifel sind angebracht.

Selbst innerhalb der EZB wird die Entscheidung kritisch gesehen. So hatte das französische Direktoriumsmitglied Benoit Coeure zu bedenken gegeben, dass mit einer Zinssenkung die fundamentalen Probleme nicht gelöst werden.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 13.07.2012, 09:53 Uhreinfachmaldieweltretten

    • Das Desaster ist vollendet, wenn den Banken nicht sofort ein Stopp gesetzt wird

    Lesen Sie -lesen sie - lesen sie - lesen sie

    Der Ökonomiker fasst in diesen Tagen alle wichtigen Ereignisse der letzten Jahre zusammen.

    http://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/03/standpunkt-191-update-enteignung.html

    http://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/07/stanpunkt-291-derivate-desaster.htmltp://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/07/standpunkt-300-sinn-lich-okonomenstreit.html

    • http://www.heise.de/tp/artikel/37/37234/1.html

    • http://der-oekonomiker.blogspot.de/2012/07/standpunkt-301-nachrichten-ticker-1007.html

    • Lesen Sie standpunkt 301 hier ein Auszug
    • Kommentar: Nein, es ist eine Bankenkrise mit inkludierter Vertrauenskrise von Bank zu Bank. Die geschilderten Lösungsansätze sind grundsätzlich richtig, aber nur nützlich, wenn vorher die Bankenbilanzen vom Giftmüll befreit, Schattenbanken und Zweckgesellschaften konsolidiert und nicht mehr lebensfähige Banken abgewickelt werden, ohne jede Rücksicht auf Rang und Namen.

  • 06.07.2012, 06:55 UhrWegweiser

    Völlig unterschiedliche Volkswirtschaften, mit völlig unterschiedlichen Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeiten, mit völlig verschiedenen Konjunkturzyklen, mit unterschiedlichen Formen, Umfängen und Arten von Arbeitslosigkeiten, mit Staaten, die ihre Banken nicht mehr rekapitalisieren können, sollen innerhalb einer gemeinsamen Währungsunion ohne zeitnahe marktkonforme und flexible Wechselkurse mit einem einheitlichen Zentralbankzins existieren. Ausgeglichen über die zahlreichen versteckten und verdeckten satzungswidrigen Instrumentarien der EZB und durch die Fonds EFSF und ESM, derem Aufgabenumfang ständig erweitert werden und deren Mittel begrenzt sind. Der EFSF ist heute schon an seiner ausleihefähige Mittelausleihungsgrenze angelangt.

    Die permanente Vergemeinschaftlichung, die Monetarisierung und auch Sozialisierung von Fremdschulden, von Staats- und Bankenschulden untergräbt die Geld- und Währungsstabilität und gefährdet die Planbarkeit der staatlichen Budgets.

    Ein Erfolgsmodell sieht anders aus, der Euro gehört bestimmt nicht dazu. Eine Haftungs-, Transfer- und Schuldenunion, deren Risiken permanent ausgeweitet werden.

  • 05.07.2012, 21:11 UhrWahrheit29

    Die Wettbewerbsfähigkeit Europas besonders der Südländer ist nicht durch Zinssenkung zu erreichen sondern durch Strukturreformen, durch neue innovative Produkte und Dienstleistungen sowie durch vernünftiges Haushalten mit Löhnen und Gehältern. Billiges Geld in alten Strukturen verleitet nur zu mehr Schulden und verhindert Reformen.

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