Frankreich: „Der König muss das Volk retten“

Frankreich: „Der König muss das Volk retten“

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Guy Maugis, Vorstand von Robert Bosch France warnt vor einem wachsenden Schuldenberg und fordert den Blick auf das stabile Wachstum.

von Benjamin Reuter

Die Gründe für Frankreichs schwächelnde Wirtschaft? Der unflexible Arbeitsmarkt und ein veraltetes Staatverständnis, sagt Guy Maugis, Chef von Bosch France. An Reformen nach deutschem Vorbild glaubt er nicht.

WirtschaftsWoche Online: Monsieur Maugis, an diesem Sonntag wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Steht das Land am Scheideweg?

Guy Maugis: Zurzeit steht Frankreich schlechter da als Deutschland, keine Frage. Aber uns geht es immer noch besser als England oder Italien. Dennoch: Große Sorgen machen mir die abnehmende Wettbewerbsfähigkeit und die hohen Staatsausgaben. Die Frage ist, wie wir die Ausgaben reduzieren und dabei nicht das Wachstum abwürgen? Man schrumpft seinen Weg nicht zum Erfolg.

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Sie unterstützen also die Idee von François Hollande, der auf europäischer Ebene einen Wachstumspakt fordert?

Es geht nicht um ein Pro oder Contra zu Hollande. Das A und O bleibt das Wachstum. Ohne geht es nicht. 2009 forderten die Ökonomen, mit Geld das Wachstum zu unterstützen. Jetzt reden alle nur vom Sparen. In zwei Jahren kann das wieder anders aussehen. Fakt ist aber: Der Schuldenberg darf nicht weiter wachsen.

Viele Ökonomen fordern deshalb, Frankreich müsse endlich seine üppige Staatsquote und die Sozialausgaben reduzieren ...

Freiwillig würden die Franzosen einschneidende Reformen bei den Sozialausgaben kaum akzeptieren. Das muss in kleinen Schritten gehen und braucht viel Zeit.

Die gibt es aber in der gegenwärtigen Krise nicht. Warum nehmen sich die Franzosen nicht einfach die deutschen Reformen zum Vorbild?

Gerhard Schröders Agenda 2010 war eine gute Sache für Deutschland. Aber ich glaube, dass es heute angesichts der Wirtschaftskrise und Kapitalismuskritik, nicht möglich ist, ein solches Reformpaket durchzusetzen. Außerdem: Wer versucht, seinen Konkurrenten einfach zu kopieren, gewinnt nicht. Frankreich sollte sich nicht vom Export abhängig machen wie Deutschland, sondern auf eigene Stärken setzen, zum Beispiel Innovation.

Was macht Sie so sicher, dass das klappt?

Wir haben eine hohe Geburtenrate und viele motivierte junge Menschen. Außerdem ist die französische Grundlagenforschung Spitze. Ideen und Innovation, darauf müssen wir in Zukunft hoffen.

Stark sind in Frankreich auch die Großunternehmen. Die aber produzieren und machen ihre Umsätze überwiegend im Ausland. Warum kommen die kleinen und mittleren Unternehmen nicht auf die Beine?

Einmal ist die Steuerlast für kleine Unternehmen höher als für große, außerdem werden die Steuern im Vorhinein erhoben. Die Eigenkapitaldecke ist deshalb sehr dünn. Folglich fehlt Geld für Investitionen. Hinzu kommt, dass die französischen Banken insgesamt zu wenige Kredite vergeben. Für die Arbeitnehmer auf der anderen Seite, wäre viel gewonnen, wenn der Arbeitsmarkt flexibler wäre.

Warum ist während der Amtszeit Sarkozys in dieser Hinsicht kaum etwas passiert?

Jeder Schritt in die richtige Richtung ist wichtig. Aber in Frankreich gilt der Grundsatz, die Arbeiter gegen den Arbeitgeber zu schützen. Um das durchzusetzen, gibt es unzählige Vorschriften. Die aber schützen die Arbeitnehmer nicht, sondern schaden ihnen. Da es so teuer und schwer ist, jemanden zu entlassen, stellen die Firmen vor allem jetzt in der Krise niemanden ein.

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Sie haben in einer Fabrik nahe Lyon die 35-Stunden-Woche abgeschafft und mehrere hundert Arbeitsplätze gerettet. Wurde das nicht als Beispielhaft gesehen?

Ganz im Gegenteil, die Kritik in den Medien war damals groß. Aber die Angestellten sind zufrieden mit der Lösung. Zwar arbeiten sie jetzt etwas mehr und haben weniger Urlaub, aber sie haben eine Stelle. Dieses pragmatische Denken hat sich in Frankreich noch nicht durchgesetzt.

Ist das auch eine kulturelle Frage?

Seit tausend Jahren funktioniert dieses Land so: Wenn der Eroberer kommt, dann flüchtet das Volk in die Burg und will vom König beschützt werden. Heute ist der König der Staat. Und der soll die Menschen jetzt in der Krise wieder einmal retten.

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