Frankreich: Die Deutschen machen Fehler, Franzosen passieren sie

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Frankreich: Die Deutschen machen Fehler, Franzosen passieren sie

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Franzosen weichen ungern von einmal eingenommenen Positionen ab und gestehen im Gegensatz zu Deutschen selten Fehler ein.

von Karin Finkenzeller

Die Sicht auf Deutschland hat sich für unsere in Paris lebende Frankreich-Korrespondentin Karin Finkenzeller in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Die Deutschen gestehen viel offener Fehler ein als es Franzosen jemals tun würden. Das macht sie auch kompromissbereiter.

Kürzlich habe ich mir mal wieder ein paar Tage Zeit genommen, mein Saxophon eingepackt und bin in den Hunsrück gefahren, um an einem Workshop teilzunehmen. Mit meiner Pariser Adresse darf ich mich unter Saxophonisten weltweit automatisch zu den Glücklichen zählen, weil ich sozusagen im Sax-Mekka lebe: Wer es Dank der Virtuosität auf dem Instrument zu Rang und Namen bringt oder schon brachte, spielt(e) ein Selmer-Saxophon. Die werden hier seit 1885 gefertigt.

Doch diesmal hatte mein Lehrer Grund zur Klage: Er hatte sich für teures Geld ein Sopran aus der ehrenwerten Schmiede gekauft, das nicht klang, wie es klingen sollte. Mit Hilfe eines unbestechlichen Messinstruments war schnell klar, dass eines der Löcher zu tief gebohrt war - wie bei insgesamt fünf von sechs Instrumenten, die er zur Auswahl hatte. Aus Paris kam dennoch eine für den Profimusiker verblüffende Reaktion: Er sollte seinen Ansatz überprüfen, also die Art, wie er das Instrument zwischen den Lippen hielt.

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Ich war nicht ganz so überrascht. Je länger ich in Frankreich lebe und über die kulturellen Unterschiede zum Nachbarn Deutschland nachdenke, desto mehr konzentrieren sie sich auf eine einzige Formel: Franzosen weichen ungern von einmal eingenommenen Positionen ab und gestehen im Gegensatz zu Deutschen selten Fehler ein. Das führt dazu, dass in privaten, aber auch allen gesellschaftlichen Beziehungen - gerade auch den grenzüberschreitenden - Kompromisse ungleich schwieriger sind als jenseits des Rheins. Von Reformen ganz zu schweigen.

Einen Beweis für meine These liefert meiner Meinung nach bereits die französische Sprache, und wie Fehler (die nun einmal auch in Frankreich auftreten) formuliert werden. "Un erreur s'est produit." Wörtlich übersetzt hat sich ein Fehler also produziert, ganz eigenständig und ohne das Zutun von Menschenhand. Im Deutschen kann man auch sagen, dass sich ein Fehler "ereignet" hat, oder hübscher: "Der Fehlerteufel hat sich eingeschlichen." Aber viel häufiger wird doch aktiv formuliert. "Ich habe einen Fehler gemacht."

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Ich hätte die Ursache dafür spontan in der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 gesucht. Ein Volk, das von sich selbst nicht ganz so überzeugt ist, weil es vor aller Welt den Beweis für ein schweres Versagen abgeliefert hat, scheint sich leichter in Frage stellen zu können.

Ein (französischer) Freund findet eine Erklärung für den unterschiedlichen Umgang mit persönlichen Versäumnissen bereits in der Religion. Die mehrheitlich protestantischen Deutschen seien eben davon überzeugt, dass niemand je wirklich frei von Schuld sei. Dass das Bekenntnis von Sünden bei Katholiken einen hohen Stellenwert hat, ändert nichts an der Tatsache, dass die Deutschen als kollektiver Racheengel wahr genommen werden. Der bestraft, anstatt die von - menschlich verständlichen - Rückfällen begleitete Bereitschaft zur Umkehr zu belohnen.

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